Stand: 04.06.2018 09:16 Uhr

Flensburg-Handewitt: Nie mehr "ewiger Zweiter"

von Jan Kirschner, NDR.de
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1. Juni 2014: Flensburgs Handballer bejubeln den größten Triumph der Vereinsgeschichte.

Den 1. Juni 2014 werden die Fans der SG Flensburg-Handewitt nie vergessen. Es ist der Tag, an dem ihre Lieblinge für viele unerwartet auf den europäischen Thron springen. Im Finale von Köln distanzieren sie den THW Kiel mit 30:28 und gewinnen dadurch erstmals die europäische Champions League. Auf dem Parkett kaum beschreibare Formen des Jubels: Jacob Heinl und Steffen Weinhold herzen Keeper Mattias Andersson. Lasse Svan heult wie ein kleines Kind, Michael Knudsen springt - gefühlt - bis zur Hallendecke, und Abwehr-Hüne Tobias Karlsson hüpft wie ein glückseliges Känguru. "In den letzten Jahren waren wir in vielen Finals", sagt Torjäger Anders Eggert und strahlt über das ganze Gesicht: "Immer waren wir dicht dran. Jetzt hat es endlich geklappt - und wir haben den wichtigsten Titel des Vereinshandballs errungen." Am nächsten Tag werden Tausende auf dem Flensburger Südermarkt mit der neuen Nummer eins Europas feiern.

Flensburger Erfolgsjahre und Eindrücke

In der Bundesliga anfangs nur "graue Maus"

Flensburg ist nicht erst seit Neuestem eine Handball-Hochburg. Zwar gründete sich die SG Flensburg-Handewitt erst am 13. März 1990, die Wurzeln ihrer beiden Stammvereine TSB Flensburg und Handewitter SV reichen aber weit in die Vergangenheit zurück. Schon 1924 zog die Flensburger Turnerschaft, ein Urahn der heutigen SG, in ein Halbfinale auf nationaler Ebene ein. Damals allerdings noch im Feldhandball. Unter dem schützenden Hallendach begannen die Nordlichter ab den 70er-Jahren Bundesliga-Luft zu schnuppern. Der Flensburger TB und Nachfolger TSB mussten nach einem Aufstieg allerdings gleich wieder absteigen. Ab 1984 tummelte sich die SG Weiche-Handewitt vermehrt im Oberhaus, war allerdings sportlich ein stets abstiegsbedrohtes Kellerkind und wirtschaftlich eine "graue Maus".

Durchbruch Mitte der Neunziger

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Bis zu 6.300 Fans finden in der Campushalle - besser bekannt als "Hölle Nord" - Platz.

Der Durchbruch gelang schließlich mit der "Bündelung der Kräfte", mit der Gründung der SG Flensburg-Handewitt. Nach dem Aufstieg von 1992 vermied die neue Allianz zwar nur wegen des Konkurses des TSV Milbertshofen den direkten Wiederabstieg, doch mit der Rückkehr des Torhüter-Eigengewächses Jan Holpert, der zwischenzeitlich in München gespielt hatte, ging es sofort gen Spitze. Seit der Saison 1993/1994 rangiert die SG immer im oberen Tabellendrittel. Das Umfeld erhielt immer mehr Professionalität. Neue ökonomische Größen engagierten sich für den Handball in der Fördestadt, der Etat wuchs. Die Wikinghalle (2.000 Plätze) wurde durch die Fördehalle (3.500 Zuschauer) abgelöst, ehe auch diese ab Dezember 2001 der Vergangenheit angehörte. Seitdem brodelt die "Hölle Nord" auf dem Campus und zählt bis zu 6.300 Insassen.

Der "ewige Zweite"

1995 bildeten die Verantwortlichen den Grundstock für die "Bundesliga GmbH & Co. KG" und stellten Manfred Werner und Dierk Schmäschke als die ersten beiden Geschäftsführer ein. Die Mannschaft reifte mit Akteuren wie Holger Schneider, Jan Eiberg Jörgensen, Matthias Hahn, Jan Fegter oder Lars Christiansen, der mit 3.996 Treffern zum erfolgreichsten Torschützen der Vereinsgeschichte werden sollte. Seit 1995 ist die SG aus den internationalen Wettbewerben nicht mehr wegzudenken. 1996 folgte die erste Vize-Meisterschaft, 1997 die zweite. Inzwischen ist die SG zehn Mal als Zweiter eingelaufen. Der Spott vom "Ewigen Zweiten" machte vor allem zur Jahrtausendwende die Runde.

Titel nur international

Denn Titel sammelten die Flensburger zunächst nur auf der internationalen Bühne: 1997, 1999 und 2001 wanderten EHF-Cup, City-Cup und Europacup der Pokalsieger an die Förde. 2003 hatten die Nordlichter dann auch auf nationaler Ebene die Zurückhaltung aufgegeben. Der DHB-Pokal wurde gleich drei Mal in Serie gewonnen, und im Mai 2004 durfte Flensburg endlich die erste und bislang einzige deutsche Meisterschaft feiern. Der neue schwedische Coach Kent-Harry Andersson hatte ein fast unschlagbares "Kollektiv" geformt, das in jenem Jahr wie auch 2007 erst im Endspiel der Champions League scheiterte. Wirtschaftlich konnte der Club aber nicht mit den ganz Großen mithalten. Es mussten Abstriche gemacht werden, 2009 drohte gar die Insolvenz. Sportlich lief es nicht mehr ganz so rund, Trainer-Entlassungen sorgten für Unruhe.

Neue Lichtgestalt Vranjes

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Trainer Ljubomir Vranjes (M.) führte Flensburg 2014 zum Champions-League-Titel.

In den letzten Jahren wurde der Hebel wieder umgelegt. Als neue Lichtgestalt entpuppte sich Ljubomir Vranjes. 2006 kam der kleine Schwede als Spieler aus Nordhorn, wurde dann Co-Trainer und Team-Manager, ehe er ab November 2010 das Kommando auf der Bank übernahm. Im Sommer 2011 ließen die Flensburger mit der Verpflichtung der deutschen Nationalspieler Holger Glandorf und Lars Kaufmann sowie des schwedischen Torwarts Mattias Andersson aufhorchen. Im Frühjahr 2012 bejubelte die SG die Rückkehr in den Spitzenbereich der Bundesliga und den Gewinn des Europacups der Pokalsieger. Zwei Jahre später folgte die endgültige Krönung in der Königsklasse, an jenem denkwürdigen 1. Juni 2014.

Zweite Meisterschaft 2018

Die deutsche Meisterschaft gewinnt Vranjes mit der SG allerdings nicht, bevor er 2017 nach Ungarn zu Veszprem wechselt. Neuer Chefcoach wird Maik Machulla, der in der Saison 2017/18 direkt den Titel gewinnt. Die Rhein-Necker Löwen liegen lange Zeit in der Tabelle deutlich vorn, brechen aber in der Schlussphase ein. Zwei Spieltage vor dem Ende übernimmt die SG Rang eins und verteidigt ihn erfolgreich.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 05.06.2018 | 22:40 Uhr

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