Stand: 21.04.2020 16:00 Uhr

Meister THW Kiel: Keine Feier, keine Fans, keine Schale

von Bettina Lenner, NDR.de

Fünf Jahre musste der THW Kiel auf seinen 21. deutschen Meistertitel warten - nun ist er perfekt. Im Homeoffice wurden die Handballer des Rekordmeisters am Dienstag zum Titelträger 2020 ernannt, doch keine Feier, keine Fans, keine Schale - es ist ein merkwürdiger Triumph in Zeiten von Corona. "Es ist schwierig, damit umzugehen, weil es emotional nicht vergleichbar ist mit den früheren Meisterschaften. Trotz allem ist es eine große Bestätigung und Anerkennung für die grandiosen Leistungen der Mannschaft", sagte THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi. Er sei "zu 100 Prozent überzeugt, dass es verdient ist, zum Meister gekürt zu werden".

"Zebras" nicht in Feierlaune

Vier Minuspunkte lagen die "Zebras" in der Tabelle nach 27 Spieltagen vor dem ärgsten Verfolger SG Flensburg-Handewitt und verfügten über die klar bessere Tordifferenz. Doch trotz einer starken Saison ist den Kielern nach feiern nicht zumute - wie überhaupt niemandem im Handball. In einer 30 Minuten langen Videokonferenz würdigten die THW-Profis mit Trainer Filip Jicha den Titelgewinn.

Titelverteidiger Flensburg hatte schon im Vorfeld seinen Segen zur Kieler Meisterschaft erteilt und den Fokus längst auf die Zukunft gelenkt. "Wir alle hätten uns ein spannendes letztes Saisondrittel gewünscht, wie es das auch in den vergangenen Jahren gegeben hat. Aber jetzt sehen wir es so, dass es übergeordnete Fragen gibt. Über allem steht, die Strukturen in unserem Sport für die Zukunft zu bewahren", sagte SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke im NDR Sportclub.

Start der neuen Saison im September?

Und das wird schwer genug. Für viele der dann 20 Vereine in der Ersten Liga wird es in der kommenden Spielzeit ums finanzielle Überleben gehen, denn noch ist völlig offen, wann es mit der Bundesliga weitergeht - und wie. Die neue Saison soll im September mit dem Supercup zwischen Kiel und Flensburg starten, doch ist das realistisch? "Das ist die große Frage, wir tappen alle noch ein bisschen im Dunkeln, weil wir darauf angewiesen sind, was wir dürfen", sagte Szilagyi im Sportclub: "Ich glaube, dass wir uns davon verabschieden müssen, was noch vor fünf Wochen völlig normal war: dass wir in eine volle Halle kommen. Aber es darf auch kein Szenario geben, dass wir ein halbes Jahr überhaupt nicht stattfinden. Wir dürfen uns vor nichts verschließen und müssen zusammen vielleicht auch einmal kuriose Lösungen suchen für einen gewissen Zeitraum."

Schwierige Sponsorensuche

Allerdings sind Geisterspiele in der Handball-Bundesliga - anders als im Fußball - keine Alternative. Ein Grund dafür, dass die Saison jetzt abgebrochen wurde. Zuschauer- und Sponsoring-Erlöse machen in der HBL etwa 80 Prozent der Einnahmen aus. Ihn beschäftigten "die tatsächlichen Auswirkungen dieser Krise", sagte Szilagyi: "Wie betrifft das unsere Partner, Sponsoren, unsere Fans?"

Unterm Strich gibt es wohl derzeit deutlich mehr Fragen als Antworten. Der Dauerkartenverkauf gestaltet sich schwierig, ebenso die Sponsorensuche. Weil viele Sponsoren im Handball aus dem Mittelstand kommen, ist noch nicht klar, ob und wie viel Geld den Vereinen letztlich zur Verfügung stehen wird. Dazu müssen Spielerverträge neu ausgehandelt werden, schon jetzt sollen die Top-Spieler der HBL-Clubs auf bis zu 60 Prozent ihres Gehalts verzichten, um ihre Vereine zu retten. Das Gehaltsniveau der vergangenen Jahre ist somit nicht zu halten, Monatsgehälter von fast 30.000 Euro, wie sie die Kieler Nationalspieler Steffen Weinhold oder Patrick Wiencek bis zur Corona-Krise bezogen, dürften der Geschichte angehören.

Was wird mit Sander Sagosen?

Die Verpflichtung des norwegischen Superstars Sander Sagosen könnte dabei ein Fingerzeig für die Zukunft sein. Das Salär des Rückraumspielers, der im März einen Dreijahresvertrag beim THW unterschrieb und im Sommer kommen soll, beträgt angeblich 40.000 Euro im Monat - und wurde in virusfreien Zeiten verhandelt.

Wie wird nachverhandelt, wie kann der Handball der Zukunft aussehen, wie kann er überleben und gibt es - wie von HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann gewünscht - Unterstützung aus der Politik? Drängende Fragen, um die sich alle Beteiligten nun intensiv kümmern müssen. Es sei gut, einen Schlussstrich unter der Saison und Klarheit über die Wertung zu haben, so Szilagyi: "Jetzt gilt es, sich 100 Prozent auf die nächste Saison zu konzentrieren."

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 21.04.2020 | 15:25 Uhr

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