Domagoj Duvnjak (l.) und Niklas Landin vom THW Kiel © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter

Länderspiele in Corona-Krise: Handballer haben Bedenken

Stand: 02.11.2020 10:00 Uhr

Müssen Länderspiele in einer angespannten Corona-Lage wirklich sein? Viele Handballer fürchten, sich anzustecken, wenn Spieler aus aller Welt zusammenkommen. Die Familie des Kielers Hendrik Pekeler nimmt vorsichtshalber Reißaus.

von Andreas Bellinger

Der Spaß hält sich in Grenzen. "So richtig prickelnd ist es im Moment wirklich nicht", sagt Hendrik Pekeler trotz des 41:26 seines THW Kiel im Bundesliga-Heimspiel gegen GWD Minden. Ein Kantersieg zwar, allerdings vor Pappkameraden, wo sonst Zuschauer für grandiose Handball-Stimmung sorgen. Aber das allein war es nicht beim freiwilligen "Geisterspiel" des Rekordmeisters, was den 2,03 Meter langen Kreisläufer und siebenfachen Torschützen nach Spielende nachdenklich stimmte. Die bevorstehende Länderspielreise mit Bundestrainer Alfred Gislason, vor allem aber das Auswärtsspiel am kommenden Sonntag (8. November) in Tallinn gegen Estland in der gegenwärtigen Phase der Coronavirus-Pandemie trübte die Laune des 29 Jahre alten Familienvaters.

"Meine Bedenken innerhalb Deutschlands sind gar nicht mal so groß", sagt Pekeler dem NDR. "Doch bei den anderen Nationen habe ich ein bisschen ein schlechtes Gefühl." Kollege Patrick Wiencek sieht es nicht anders: "Der DHB hat zwar ein überragendes Konzept entwickelt. Aber man weiß natürlich nicht, wie das in anderen Ländern gehandhabt wird. Ob der Lehrgang und die Länderspiele in der gegenwärtigen Phase sinnvoll sind, weiß ich nicht." Was Pekeler bei allen Bedenken aber vor allem umtreibt, ist die Sorge um seine Familie, "die Angst, dass sich unsere Kinder anstecken könnten". Die Pekelers haben ein zwei Monate altes Baby und zwei Mädchen mit leichtem Asthma.

Pekeler allein zu Haus

Auf ein fröhliches Wiedersehen nach der Woche mit der Nationalmannschaft und den EM-Qualifikationsspielen in Tallinn sowie am Donnerstag (5. November) in Düsseldorf gegen Bosnien-Herzegowina muss Pekeler jedenfalls verzichten. "Meine Frau und die Kinder werden nicht zu Hause sein." Reine Vorsichtsmaßnahme, weil der Nationalspieler nach der Rückkehr und dem obligatorischen Corona-Test erst einmal "darauf hoffen muss, negativ zu sein", so Pekeler. Man weiß ja nie - auch wenn Kiels Sport-Geschäftsführer, Viktor Szilágyi, das Hygienekonzept des Deutschen Handball-Bundes (DHB) als das beste bezeichnet, das er bisher gesehen hat. "Deshalb", so Pekeler, "glaube ich, guten Gewissens hinfahren zu können."

EM-Qualifikation mit Fragezeichen

Dass er über die Länderspielwoche nicht glücklich ist, verschweigt Szilágyi derweil nicht: "Es ist doch logisch, wenn Spieler aus verschiedenen Clubs und Ländern zusammenkommen, dass dann das Infektionsrisiko erhöht ist." Ohnehin rechnet er nicht damit, dass die EM-Qualifikationsrunde wie geplant durchgezogen werden kann. "Stand vergangenen Freitag sind schon zwölf Spiele abgesagt worden", so Szilágyi, der mit Blick auf die wirtschaftlich schwierige Lage auf eine Saison mit Solidarität in der Liga setzt. "Wir sitzen alle in einem Boot und die Hoffnung ist groß, dass wir alle 20 Clubs durchbringen."

Kiel spielt freiwillig vor leeren Rängen

"Zuschauer" beim THW Kiel © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter
So sieht es derzeit bei den Heimspielen des THW Kiel auf den Tribünen aus.

Spiele vor leeren Rängen kosten allein den THW pro Heimspiel bis zu 200.000 Euro. Trotzdem verzichteten die Kieler am Sonntag auf Zuschauer; einen Tag bevor es die bundesweite Verordnung vorschrieb. "Die Entscheidung, die uns wirtschaftlich und vor allem emotional extrem schwergefallen ist, ist auch ein Signal, dass wir als Gesellschaft in den kommenden vier Wochen alles unternehmen müssen, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen", sagt Szilágyi. Kontakte zu minimieren müsse das Gebot der Stunde sein. Die positiven Corona-Fälle beim Bundesligisten DHfK Leipzig zeigen dies. Das komplette Team ist in Quarantäne - inklusive Nationalspieler Philipp Weber, der Gislason kurzfristig absagen musste.

Landin: "Bedenken relativ hoch"

Der frühere Kieler Meistertrainer Gislason freut sich nach langem Warten auf sein Bundestrainer-Debüt, nicht ohne Verständnis für die Sorgen und Bedenken der Spieler zu zeigen. So wie beispielsweise auch der dänische Torhüter Niklas Landin in Diensten des THW Kiel. "Natürlich sind meine Bedenken, dass etwas passieren kann, relativ groß", sagt der Welthandballer vor den Länderspielen mit der dänischen Nationalmannschaft dem NDR. Zumal die Wahrscheinlichkeit extrem hoch sei, so Pekeler nüchtern, "dass einer das Virus hat, wenn so viele Spieler aus so vielen Ländern zusammenkommen. Aber irgendwann ist es auch nervig, so viel darüber zu diskutieren, weil es einfach allgegenwärtig ist."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 02.11.2020 | 22:50 Uhr

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