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Feldhandball: Eine vergessene Sportart

Stand: 29.10.2020 09:51 Uhr

England gilt als "Mutterland des Fußballs" - für den Handballsport darf Deutschland zumindest als Geburtshelfer gerühmt werden. Am 29. Oktober 1917 erfand ein Berliner die Bezeichnung "Handball".

von Johannes Freytag, NDR.de

WM-Vierter 2019, EM-Fünfter in diesem Jahr - die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielt derzeit international nicht mehr die herausragende Rolle, die sie einst innehatte. Viele Jahre war Deutschland die alles dominierende Nation im Handball - allerdings zu Zeiten, als der Sport noch bevorzugt im Freien auf dem Großfeld ausgeübt wurde. Feldhandball war einst sogar populärer als die Hallenvariante, inzwischen ist er jedoch in Vergessenheit geraten.

Usprünglich ein Sport für Frauen

Das erste Regelwerk für ein Ballwurfspiel auf Tore stammte zwar aus Dänemark, als Geburtstag gilt jedoch der 29. Oktober 1917: Der Berliner Oberturnwart Max Heiser prägte den Begriff "Handball“ für das von ihm entwickelte Mannschaftsspiel "Torball“. Gedacht war es ursprünglich für Frauen, da andere Sportarten wie zum Beispiel Fußball damals als zu körperbetont galten.

Wie beim Fußball: Elf gegen elf

Szene aus dem Feldhandball-Länderspiel Deutschland - Rumänien 1958 in Duisburg. © picture-alliance / dpa
Sieht aus wie Fußball, ist aber eine Szene aus dem Feldhandball-Länderspiel 1958 zwischen Deutschland und Rumänien.

In den 20er-Jahren wurden die Regeln verfeinert: Zweikämpfe und Prellen waren erlaubt, ein kleinerer Ball wurde benutzt - die "neue" Sportart wurde immer beliebter. Der ersten deutschen Meisterschaft 1921 folgte am 13. September 1925 das erste Länderspiel: In Halle an der Saale unterlag die deutsche Auswahl Österreich mit 3:6. Die geringe Trefferzahl mag aus heutiger Sicht überraschen, wird aber verständlich, wenn man sich vor Augen führt, wie damals Handball gespielt wurde: Zehn Feldspieler und ein Torwart traten auf einem Sportplatz gegeneinander an, der einem Fußballfeld entsprach.

Sechs WM-Teilnahmen, sechs WM-Titel

Die DDR-Weltmeistermannschaft von 1963. © picture alliance / dpa
Das DDR-Team, das 1963 durch ein 14:7 gegen die Bundesrepublik Weltmeister wurde.

Feldhandball war im deutschsprachigen Raum nach Fußball die zweitwichtigste Sportart. Hohe fünfstellige Zuschauerzahlen bei Länderspielen waren die Regel. Das Endspiel der Olympischen Spiele 1936 zwischen Deutschland und Österreich sahen im Berliner Olympiastadion sogar 100.000 Menschen, die Rekordmarke hat bis heute Gültigkeit. International war Deutschland im Feldhandball auch das Maß aller Dinge. Von 1938 bis 1966 nahmen deutsche Auswahlmannschaften an sechs Weltmeisterschaften teil und holten sechs Titel. Lediglich 1948, als Deutschland nicht zugelassen war, siegte eine andere Nation (Schweden). Die deutsche WM-Bilanz ist einzigartig: Nur eine Niederlage schlägt zu Buche - als DDR und Bundesrepublik im Finale 1963 gegeneinander spielten.

Skandinavier sorgen für Umdenken

Szene aus dem Feldhandball-WM-Spiel Deutschland-Niederlande. © picture alliance / dpa Foto: Fritz Fischer
Szene von der letzten Feldhandball-WM 1966: Deutschland (weiß) schlägt die Niederlande 28:7.

Parallel zum Feldhandball wurde aber auch in der Halle Handball gespielt. Vor allem in Dänemark, Finnland  oder Schweden suchte man nach Möglichkeiten, die Sportart wetterunabhängig betreiben zu können. Im Norden Europas war witterungsbedingt die Feldsaison viel kürzer als zum Beispiel in Deutschland. Weil sie international nicht mehr mithalten konnten, nahmen die Skandinavier schon bald nicht mehr an Großturnieren teil. Bei der letzten Feldhandball-WM 1966 waren nur noch sechs Teams vertreten. Handball in der Halle war aber nicht nur wegen des Wetters attraktiver: Der Bodenbelag war für die Sportler angenehmer, das kleinere Spielfeld machte den Sport abwechslungs-, tempo- und torreicher. Als das IOC beschloss, ab 1972 nur noch Hallenhandball ins Olympische Programm aufzunehmen, war das Ende der Feldvariante eingeläutet.

Haßloch 1975 letzter deutscher Meister

In der DDR wurde der Spielbetrieb 1967 (Meister: SC Magdeburg) eingestellt, in der Halle gab es die Oberliga als höchste Spielklasse von 1956 bis 1991. In der Bundesrepublik existierte noch bis 1973 die Feldhandball-Bundesliga, der letzte deutsche Feldhandball-Meister (TSG Haßloch) wurde 1975 ermittelt. Zwei Jahre später wurde die Hallenhandball-Bundesliga eingeführt. Die gilt inzwischen als "stärkste Liga" der Welt - was aber weniger an den deutschen Spielern liegt, sondern an den zahlreichen Profis aus Skandinavien. Aus jenen Ländern also, die dafür gesorgt haben, dass mit "Handball" nur noch "Hallenhandball" gemeint ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Sport aktuell | 29.10.2020 | 11:25 Uhr

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