Stand: 10.02.2016 15:32 Uhr  | Archiv

HSV-Präsident Martens: Verehrt, verfolgt, entmannt

von Matthias Heidrich, NDR.de
Aufnahmen des ehemaligen HSV-Präsidenten Emil Martens 1933 (l.) und 1942 (r.)
Der ehemalige HSV-Präsident Emil Friedrich Martens 1933 (l.) und 1942 (r.).

Der Nationalsozialismus hat zahlreiche zwiespältige Biografien hervorgebracht. Emil Friedrich Martens ist ein Beispiel dafür. Die Lebensgeschichte des ehemaligen HSV-Präsidenten (04.02.1928 bis 25.01.1934) ist beeindruckend, tragisch, aber auch widersprüchlich. Sie erzählt von einem geachteten hanseatischen Kaufmann und NSDAP-Mitglied, unter dessen autoritärer Führung der Hamburger SV zu einem professionellen Großstadtclub wurde. Sie beschreibt aber auch das Schicksal eines schwulen Mannes, der durch die Nationalsozialisten verfolgt, schikaniert und letztlich in die "freiwillige" Kastration getrieben wurde. Der sechste und letzte Teil der Serie über den Hamburger Fußball im Nationalsozialismus.

Zwischen den beiden obigen Bildern liegen lediglich neun Jahre und doch Welten. Das linke zeigt einen stolzen, kräftigen Mann. Einen stattlichen, erfolgreichen hanseatischen Kaufmann. Gut gekleidet, geachtet, wohl genährt. Es ist im Jahr 1933 aufgenommen, als für den damaligen HSV-Präsidenten Emil Friedrich Martens die Welt noch in Ordnung war. Das rechte Bild, entstanden im Dezember 1942, zeigt denselben Mann und doch einen ganz anderen. Ausgemergelt und mit leerem Blick steht Martens vor der Kamera. Ein gebrochener Mensch, von den Nationalsozialisten erbarmungslos verfolgt, weil er homosexuell ist. Aufgenommen ist das Bild unmittelbar nach Martens‘ Kastration. Über dem Foto steht in roter Schrift vermerkt: "1942 nach d. E." - "nach der Entmannung". Martens hat sich "freiwillig entmannen" lassen, wie es im damaligen Sprachgebrauch zynisch heißt. Drei Verhaftungen und jahrelange Demütigungen im Gefängnis und Zuchthaus liegen da bereits hinter ihm. Tatsächlich ist die Kastration seine einzige Chance, der Sicherungsverwahrung und dem zwangsläufigen Gang in ein Konzentrationslager zu entgehen.

Typ charmanter "Macher"

Bis zum Jahr 1934 und Martens‘ Absetzung als HSV-Präsident liest sich der Lebenslauf des am 17. Mai 1886 in Nusse (Kreis Herzogtum Lauenburg) geborenen Sohnes eines Allwarengeschäfts-Inhabers wie der eines Aufsteigers. Nach dem Ersten Weltkrieg und englischer Kriegsgefangenschaft (bis 1919) gründet Martens mit seinem Freund Ulf Maurer eine Firma für den Import und Verkauf von Perlmuttknöpfen und steht ihr als Geschäftsführer bis zu seiner ersten Verhaftung im Jahr 1936 vor. Für seine Buchhaltung wird er von der Hamburger Steuerbehörde ausdrücklich gelobt. Er ist zuverlässig, ein guter Gesellschafter, rhetorisch begabt und ein talentierter Tänzer. Ein hanseatischer Vorzeige-Kaufmann. Typ: charmanter "Macher".

Viele Verdienste und ein Verstoß

Weitere Informationen
Asbjørn Halvorsen (M.), HSV-Präsident Emil Martens (l.) und der Sportbeauftragte des Gaus Nordmark, Egon-Arthur Schmidt. Am Rothenbaum 1933.  Foto: Stövhase

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Mit der Liebe zu seinem HSV übertreibt es Martens offenbar etwas. Er soll Ligaspielern geldliche Zuwendungen gemacht haben, was damals verboten ist. Die Sportbehörde enthebt ihn 1934 wegen des Verstoßes gegen das Amateurstatut seines Amtes. Er wird trotzdem zum HSV-Ehrenmitglied und -vorsitzenden ernannt. Die Verdienste des Kaufmanns um den Hamburger SV sind groß. Ab 1907 Mitglied, opfert Martens seine Freizeit ausschließlich für den Rautenclub, erst als Spieler und Kapitän der siebten Mannschaft, später als Funktionär in den verschiedensten Ämtern. An der Vereins-Spitze 1928 angekommen, kauft der Hamburger SV auf sein Bestreben hin die Anlage in Ochsenzoll und baut sie von 1929 bis 1931 mit Rasen-Plätzen aus.

Führerprinzip durch Martens beim HSV

In den Verhören der Nazis beschreiben die damaligen Weggefährten Martens als fleißigen, strebsamen und liebenswürdigen Menschen. "Jahrelang hat Martens die gesamte Buchführung des Vereins mustergültig geführt. Unermüdlich hat der Beschuldigte für den Verein gearbeitet. Sein Benehmen war immer tadellos", gibt zum Beispiel Paul Hauenschild, damaliger Inhaber der Firma Emil Hauenschild und Leiter der Abteilung Ochsenzoll im HSV zu Protokoll. Dass Martens dem Verein nach dem früh eingeführten Führerprinzip auch äußerst autoritär vorsteht, ist allerdings ebenfalls belegt. Die Mitglieder dürfen unter Martens bei wichtigen Entscheidungen nicht mehr mitbestimmen. Das tut allein der "Vereinsführer", wie es bei den Nationalsozialisten heißt. 1933 tritt Martens in die NSDAP ein und preist im selben Jahr in den Vereinsnachrichten die Vorzüge des beim HSV angewandten Führerprinzips: "Damit ist ein leichtes Einordnen in den neuen Staat gewährleistet."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 14.01.2016 | 19:30 Uhr

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