Werder Bremens Ratlosigkeit - Ausweg aus Finanznot gesucht

Stand: 19.10.2020 09:16 Uhr

Die finanziellen Probleme von Werder Bremen sind wohl größer als angenommen. Präsident Hubertus Hess-Grunewald spricht von einer riesigen Herausforderung, Aufsichtsrats-Chef Marco Bode bestreitet, dass die Insolvenz droht.

von Andreas Bellinger

Es sind schwere Zeiten an der Weser. Die Stadt ein Corona-Risikogebiet - und auch für Werder Bremen wird die Pandemie mehr denn je zu einer existenziellen Bedrohung. Der Fast-Absteiger ist zwar überraschend gut in die neue Bundesliga-Saison gestartet, konnte beim 1:1 in Freiburg am vierten Spieltag sogar den siebten Punkt im Kampf um den Klassenverbleib verbuchen.

Doch der Blick auf die Kontoauszüge und die durch teure Transfers im Abstiegskampf geleerten Kassen lässt die Verantwortlichen der Grün-Weißen erschaudern. "Noch ist es nicht so, dass wir unsere Rechnungen nicht bezahlen können", sagt Club-Präsident Hubertus Hess-Grunewald im NDR Sportclub. Aber sein Habitus verrät, dass der Pleitegeier über dem Weserstadion kreist und finanzielle Lösungen dringend gesucht werden.

Werder wartet auf KfW-Darlehen

"Natürlich haben wir eine riesige finanzielle Herausforderung zu managen", bestätigt Hess-Grunewald. Dabei wirken die Sorgen der vorigen Saison noch nach, als der Absturz in die Zweite Liga erst in der Relegation verhindert werden konnte. "Die schreckliche Saison steckt uns allen noch in den Kleidern", so der langjährige Chef des eingetragenen Vereins.

Nun droht das nächste Desaster, wenn nicht dringend benötigtes Geld in die Kassen kommt. Auf 30 Millionen Euro hat Werder den Verlust durch die Folgen der Corona-Pandemie beziffert und schon vor Monaten ein Darlehen über 15 Millionen Euro bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragt. Geflossen ist allerdings noch kein Cent - und wie es scheint, bleibt es umstritten, Proficlubs aus dem Fußball mit staatlichem Geld zu unterstützen.

Klaassen-Abgang alternativlos

"Wir werden nicht insolvent sein, wenn dieser Kredit nicht kommt", beteuert Aufsichtsratschef Marco Bode. "In dem Fall werden wir einen anderen Weg gehen." Dass dies nur über einen weiteren personellen Aderlass der Mannschaft gehen kann, pfeifen die Spatzen bereits vom Dach des Weserstadions.

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"Einen Transfer, um die Budget-Planungen realisieren zu können", so Hess-Grunewald, mussten die Werderaner notgedrungen schon tätigen. Für Davy Klaassen soll Ajax Amsterdam zunächst elf Millionen Euro bezahlt haben.

Wirtschaftsexperte Hickel: "Insolvenz droht"

Düster sind die Aussichten trotzdem. Zumal der Transfer von Milot Rashica zu Bayer Leverkusen in letzter Minute scheiterte - und die ehedem erhoffte Ablöse von 30 Millionen Euro längst um ein gutes Drittel geschrumpft sein dürfte.

"Werder ist in einer massiven finanziellen Krise", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. "Insgesamt ist es so, dass die Insolvenz droht, wenn es keine Kredite gibt. Werder würde das so nicht überstehen können." Tatsächlich würde es eng für die Bremer, wenn nicht spätestens zur Rückserie die Zuschauer wieder ins Stadion strömen dürfen, bestätigt Hess-Grunewald.

Hess-Grunewald: "Müssen Alternativen suchen"

"Die Hinserie haben wir in unserem Wirtschaftsplan ohne Zuschauer geplant", erklärt Hess-Grunewald. Bis zu 1,5 Millionen Euro kostet den Verein ein leeres Stadion. Gehen die Lichter aus am Osterdeich, wenn es Geisterspiele für den Rest der Saison gibt? "Als gute Geschäftsführung müssen wir natürlich nach Alternativen suchen", so der 60-Jährige, der seit 50 Jahren Mitglied beim SV Werder ist.

Nur auf Kredite zu warten sei kein gutes Management. Dass sich die Hanseaten eine extreme Sparsamkeit auferlegt und alle Ausgaben nochmals auf den Prüfstand gestellt hätten, verstünde sich von selbst.

"Aber selbstverständlich müssen wir noch Lösungen finden", sagt der Werder-Boss. Gefunden sind sie demnach noch nicht. Dass erzwungene Transfers die sportlichen Ambitionen beeinträchtigen, hat allein der Klaassen-Abgang gezeigt. "Ich weiß, im Mittelfeld sind wir nicht perfekt aufgestellt", sagt Bode. "Aber ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass wir ein unüberschaubares Risiko gehen. Das tun wir nicht."

Kein Ersatz auch bei Rashica-Transfer im Winter?

Mag sein, dass der Europameister von 1996 recht behält. Dass der Tabellensiebte für alle Eventualitäten gerüstet sei, wie es Clemens Fritz als Werders Leiter Profifußball unlängst im Sportclub ankündigte, hat sich nach dem Klaassen-Transfer jedenfalls nicht bestätigt.

Offenbar ist die finanzielle Not so groß, dass Trainer Florian Kohfeldt auch bei einem Winter-Transfer von Rashica ohne Verstärkungen wird auskommen müssen. "Wir haben eine finanzielle Situation, die bei manchen offenbar noch immer nicht angekommen ist", sagt Frank Baumann - und auch der Geschäftsführer Sport vermittelt dabei nicht den Eindruck, einen Ausweg aus der Misere zu kennen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 18.10.2020 | 22:50 Uhr

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