VIDEO: Filbry will "Wiederaufstieg schaffen" - nur wie? (8 Min)

Werder-Boss Filbry: "Bei uns klebt keiner an seinem Stuhl"

Stand: 24.05.2021 10:16 Uhr

Die Zeit drängt: In vier Wochen will Absteiger Werder Bremen die Vorbereitung für die Zweite Liga starten. Mit neuer Mannschaft, neuem Trainer - aber, wie es scheint, den alten Chefs. Kann das klappen?

von Andreas Bellinger

Der Abstieg in die Zweite Liga zwingt Werder Bremen zum Neuanfang. Ein Trainer muss gefunden, der Kader den Gegebenheiten des Fußball-Unterhauses angepasst werden - so wie die Finanzen des Vereins natürlich auch. Nichts kann mehr so sein wie in den 1.934 Erstligaspielen, die der bisherige "Dino" der Bundesliga absolviert hat. Nur in der Chefetage der Grün-Weißen ist von Innovation und Stühlerücken wenig bis nichts zu sehen. "Weiter so", scheint wie bisher die Devise derer zu sein, die ihren Anteil am Absturz der Hanseaten zwar nicht leugnen, Konsequenzen von sich aus aber kaum in Betracht ziehen, wie Klaus Filbry als Vorsitzender der Geschäftsführung im NDR Sportclub zu verstehen gibt.

Baumann: "Der richtige Mann für Werder"

"Wir müssen handlungsfähig bleiben", so der für Finanzen zuständige Club-Chef. "Das ist der klare Wunsch des Aufsichtsrats, dass wir die Themen jetzt in der Konstellation angehen, in der wir aktuell sind. Bei uns klebt keiner an seinem Stuhl." Schon vor einem Jahr, als der in der Relegation geschaffte Klassenverbleib als übergroßes Glück daherkam, wurde weiter gewurschtelt, fast alles blieb, wie es war. Auch Sportchef Frank Baumann ("Ich bin der Überzeugung, dass ich der richtige Mann für Werder Bremen bin"), der jetzt zur Reizfigur selbst der treuesten Fans geworden ist.

"Das ist der klare Wunsch des Aufsichtsrats, dass wir die Themen jetzt in der Konstellation angehen, in der wir aktuell sind. Bei uns klebt keiner an seinem Stuhl." Werder-Finanzchef Klaus Filbry

Werder-Weg als Ziel?

Für Aufsichtsratschef Marco Bode offenbar aber nicht: "Ich will schon meine Überzeugung formulieren, dass ich denke, dass wir auch mit Frank Baumann den Weg weiter gehen können." Getreu der anscheinend zum Leitspruch der Bremer gewordenen Devise: Der Werder-Weg ist das Ziel.

Festlegen lassen will sich der kluge Taktiker, der vor 25 Jahren in England mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister geworden ist, allerdings nicht restlos: "Wir nehmen uns die Zeit, nicht um Ruhe zu haben, sondern um die richtige Entscheidung zu treffen." Tatsächlich ist der Spielraum für Veränderungen gering, weil schon am 21. Juni die Vorbereitung auf die am 23. Juli beginnende Saison in der Zweiten Liga startet.

Ehrenpräsident Fischer hat Angst um Werder

Grundsätzlich ist Bode sicher, dass "Werder stark genug ist, den Weg zurück zu finden". Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer ist weniger optimistisch: "Ich bin unendlich traurig, aber auch entsetzt - und ich habe Angst", sagte er dem NDR. Der langjährige "Vize" in den ruhmreichen Werder-Jahren fürchtet einen drohenden wirtschaftlichen Kollaps. Tatsächlich schwirrt rund um das Weserstadion seit Wochen das Gespenst einer Insolvenz. Gerüchte und falsche Zahlen, wie der seit 2009 bei Werder arbeitende Filbry in seiner Funktion als Finanzchef feststellt: "Wir haben keine Verbindlichkeiten in Höhe von 75 Millionen Euro. Das ist faktisch falsch; da muss ich ein paar Dinge geraderücken."

Finanz-Chef rechnet Schulden klein

Werder habe eine Landesbürgschaft in Höhe von 20 Millionen Euro aufgenommen und gerade eine Mittelstandsanleihe platziert, erklärt der "Herr der Zahlen". Sollte diese Anleihe, die auch Fans zeichnen können, erfolgreich sein, "haben wir Verbindlichkeiten oder Schulden in Höhe von 35 Millionen Euro", so Filbry, dessen Arbeitspapier bei den Bremern bis 2024 datiert ist. Aber wo bleiben die 40 Millionen Euro, die Werder nach eigenen Angaben allein durch die Corona-Pandemie eingebüßt hat? Allein mit mehr als einer Million Euro beziffert der Verein zudem den Verlust bei jedem Heimspiel ohne Zuschauer.

Filbry: "Müssen Selke nicht verpflichten"

In der kommenden Zweitliga-Saison sinken überdies die TV-Einnahmen um fast die Hälfte auf rund 30 Millionen Euro, die Sponsorenerlöse um etwa 10 Millionen Euro und der gesamte Etat um geschätzte 40 Prozent. Trotzdem ist Filbry zuversichtlich, "die Liquiditätssituation in den Griff zu bekommen". Warum? "Weil sich die Kaderkosten dramatisch reduzieren werden." Und weil die Verträge fast aller Spieler (die Arbeitspapiere von Theodor Gebre Selassie und Niklas Moisander laufen aus) auch in der Zweiten Liga Gültigkeit haben, aber um 40 bis 60 Prozent niedriger dotiert sind. "Und", so Filbry, "wir müssen Davie Selke nicht verpflichten."

Wie schlagkräftig wird der neue Kader?

Tatsächlich hätte Werder im Falle des Klassenverbleibs für den im Abstiegskampf der vorigen Saison geholten Stürmer eine im Preis-Leistungs-Verhältnis schwindelerregend anmutende Ablöse von circa zwölf Millionen Euro an Hertha BSC zahlen müssen. "Eine große Investition, die jetzt nicht zum Tragen kommt", so Filbry, der andererseits mit Transfererlösen für Spieler kalkuliert, die nicht mit Werder zweitklassig sein wollen. Die Bereitschaft zu gehen, dürfte bei den Profis jedenfalls größer sein als bei den Verantwortlichen. "Das wird uns ermöglichen, einen sehr schlagkräftigen Kader für die Zweite Liga zusammenzustellen. Natürlich mit dem Ziel, oben mitzuspielen und den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. Das ist jetzt unsere Hauptaufgabe", sagt Filbry. Schöne Worte, die schleunigst mit Leben gefüllt werden müssen. Die Zeit drängt.

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Dieses Thema im Programm:

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