Stand: 04.07.2020 10:39 Uhr

Lena Oberdorf: Erst Pokal mit Essen, dann Wolfsburg

Lena Oberdorf gilt als eines der größten Talente im Frauenfußball weltweit. Wovon viele Spielerinnen träumen, hat sie schon mit 18 Jahren geschafft: Die Essenerin hat sich bereits in der Bundesliga und der Nationalmannschaft etabliert, zur neuen Saison wechselt sie zu Serienmeister VfL Wolfsburg. Bevor es soweit ist, spielt die Abiturientin heute (16.45 Uhr/live im Ersten und bei NDR.de) noch im DFB-Pokalfinale mit der SGS Essen ausgerechnet gegen die "Wölfinnen". Im Interview mit NDR.de spricht die angriffslustige Defensiv-Allrounderin über dieses besondere Duell, ihre Karriereplanung und die stockende Entwicklung im deutschen Frauenfußball.

Frau Oberdorf, Sie haben schon angekündigt, mit den VfL-Frauen Titel gewinnen zu wollen. Aber erst einmal können Sie doch mit Essen den ersten Titel Ihrer Profi-Karriere gewinnen.

Lena Oberdorf: Das wäre tatsächlich der perfekte Abschluss, zumal wir danach alle auseinandergehen. Vielleicht gelingt uns ja wirklich der Lucky Punch.

Ist die Situation für Sie als künftige Wolfsburgerin merkwürdig?

Oberdorf: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Die Situation ist wirklich komisch, aber ich stehe noch in Essen unter Vertrag und werde alles dafür tun, dass wir gewinnen. Und deshalb müssen sich die Wolfsburgerinnen auch damit abfinden, dass wir den Pokal mit nach Essen nehmen. (lacht)

VfL-Manager Ralf Kellermann hat Sie als eines der größten Talente des Weltfußballs bezeichnet. Da dürfte es sicher einige interessierte Clubs mehr gegeben haben - auch im Ausland. Warum haben Sie sich für Wolfsburg entschieden?

Oberdorf: Also erst mal wollte ich in Deutschland bleiben. Und dann ging es eigentlich nur noch darum, ob ich zum VfL oder zu den Bayern wechsle. Der VfL Wolfsburg ist für mich der sympathischere Verein. Es geht rund um den Platz hoch professionell zu. Bei den Gesprächen habe ich dann auch noch schnell gemerkt, dass der Trainer und der Manager sehr nett sind. Die Wahl für Wolfsburg ist mir dann nicht schwergefallen.

In Essen sind Sie Bundesliga- und Nationalspielerin geworden. Jetzt kommt der Wechsel nach Niedersachsen zum Serienmeister. Was andere in einer ganzen Karriere schaffen, haben Sie schon mit 18 Jahren abgehakt. Sie selbst haben sich einmal als "Klassenclown" bezeichnet. Ist das Ihre Art, um bei diesem Tempo nicht die Bodenhaftung zu verlieren?

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Oberdorf: Ich mache einfach, was mir Spaß macht - und kann auch sehr gut über mich selbst lachen. Ich gehe meine Karriere nicht so verbissen an, das wäre mir zu stressig.

Apropos, bisher haben Sie nebenbei noch Ihr Abitur gemacht. Was bedeutet es für Ihre Leistungen, wenn dieser zusätzliche Stress nun wegfällt?

Oberdorf: Das ist schwer zu sagen. Ich fand es immer gut, dass ich neben dem Fußball noch den "Rückzugsort" Schule hatte. Aber ich habe jetzt natürlich mehr Zeit, zum Beispiel für Kraft- und Konditionstraining. Für meinen Sport ist das besser. Aber für meinen Kopf? Ich werde mir auf jeden Fall einen neuen Ausgleich suchen. Ob das nun eine Ausbildung, ein Studium oder einfach ein neues Hobby ist, weiß ich noch nicht.

Martina Voss-Tecklenburg sagte kürzlich: "Obi wird immer cleverer." Wissen Sie, was die Bundestrainerin damit genau gemeint hat?

Oberdorf: Damit spielt sie auf meine Zweikampfführung an. Ich war oft zu gierig und habe dadurch viel Foul gespielt. Martina sagte dann zu mir: "Obi, bleib hinter deiner Gegenspielerin, warte ab und stell dann den Körper rein." Und beim nächsten Mal? Habe ich meine Gegenspielerin wieder umgerannt. (lacht) Aber ich habe mittlerweile ein besseres Gefühl für die Situationen auf, aber auch neben dem Platz entwickelt. Als ich neu in der Nationalmannschaft war, habe ich mich sehr zurückgenommen, um keine Fehler zu machen. Aber mittlerweile lernen die anderen auch den "Klassenclown" kennen.

Sie waren mit der Nationalmannschaft auch beim Rekordspiel dabei, als Deutschland in Wembley gegen England vor 77.000 Zuschauern gespielt hat. Haben Sie da ein ganz anderes Bild von Ihrem Sport bekommen - und vielleicht doch den Wunsch verspürt, einmal im Ausland zu spielen?

Oberdorf: Das war schon eine tolle Erfahrung. Allerdings glaube ich nicht, dass das Spiel in Deutschland viele gesehen haben, zeitgleich stand ja Bayern gegen Dortmund an. Das Ausland kann jede Spielerin reizen. Ich denke dabei aber eher an ein sonniges Land - England dürfte es also nicht werden. (lacht) Ich bin nicht so der Typ, der die ganze Karriere durchplant. Wer weiß schon, was in den drei Jahren passiert, für die ich in Wolfsburg unterschrieben habe? Ich würde niemals sagen, dass ich dann auf jeden Fall ins Ausland wechsle.

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Lena Oberdorf (r.) mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

In der Diskussion um den ausbleibenden Boom im deutschen Frauenfußball hat Ihre Nationalmannschaftskollegin Lina Magull mehr Engagement von den großen Männer-Clubs gefordert. Besonders ein Einstieg von Borussia Dortmund hätte eine große Wirkung. Sie sind Schalke-Fan...

Oberdorf: Nach dieser Saison sollte ich mir das vielleicht besser noch mal überlegen. (lacht)

Aber auch Schalke hat keine Fußballerinnen. Wie beurteilen Sie die Situation, besonders mit Blick auf Schalke und Dortmund?

Oberdorf: Da gehe ich auf jeden Fall mit Lina. Dortmund und Schalke müssen eine Mannschaft gründen oder mit einem anderen Club fusionieren, wie es jetzt in Frankfurt passiert. Das würde den Frauenfußball auf jeden Fall nach vorne bringen. Als ich 2017 bei der U17-EM war, wusste niemand etwas mit Essen anzufangen, geschweige denn mit meinem Club TSG Sprockhövel. Aber als eine Mitspielerin sagte, dass sie vom FC Bayern komme, war gleich ein "Wow" zu hören. Ein Frauenfußball-Derby BVB - S04 würde auf jeden Fall viele Zuschauer anlocken. Aber auch ausländische Spielerinnen würden sicher eher nach Deutschland kommen, wenn die großen Namen in der Frauen-Bundesliga mitmischen würden.

Zurück zum Pokalfinale, das eigentlich vom Zuschauerinteresse her das einzige große Highlight in der Saison in Deutschland ist. Wegen Corona ist in diesem Jahr alles anders.

Oberdorf: Das ist wirklich super ärgerlich. Ich war letztes Jahr als Zuschauerin dabei. Das ist ja ein riesiges Event, an dem noch viel drumherum dranhängt.

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Wie das Mädchenturnier im Vorlauf - und alle Spielerinnen dürfen dann mit ins Stadion. Es ist richtig schade, dass in diesem Jahr keine Zuschauer dabei sein können. Besonders für die Spielerinnen, für die das Spiel das Highlight der ganzen Karriere sein könnte. Es wäre toll gewesen, wenn wenigstens die Freunde und die Familien dabei sein könnten. Das hätte doch auch mit dem nötigen Abstand klappen können.

Sie haben es schon angesprochen, nach dem Spiel werden neben Ihnen auch einige andere Spielerinnen, darunter die Nationalspielerinnen Marina Hegering, Lea Schüller und Turid Knaak, die SGS Essen verlassen. Was bedeutet das für das Finale?

Oberdorf: Das ist ein großes Thema in der Mannschaft. Es ist das allerletzte Spiel, das wir mit diesem Team bestreiten. Wolfsburg hat echt eine gute Truppe. Aber wir sind sehr motiviert und auch super fokussiert, dieses eine Spiel noch zu gewinnen.

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR.de

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