Stand: 05.11.2010 12:00 Uhr  | Archiv

Reng: "Es gibt nicht den einen Grund"

von Tim Tonder, NDR Fernsehen

Journalist Ronald Reng war viele Jahre mit Robert Enke befreundet und besuchte den Torwart regelmäßig in Hannover. Nach Enkes Tod entschied sich Reng, eine Biografie über seinen Freund zu schreiben. Tim Tonder sprach mit dem Autor über die schwierige Arbeit an dem Buch, das Verhältnis zu Enke und die Volkskrankheit Depressionen.

NDR: Herr Reng, Sie haben die Biografie "Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben" geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben und zu veröffentlichen?

Autor Ronald Reng bei der Frankfurter Buchmesse 2010 anlässlich des Erscheinens seiner Biografie "Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben". © dpa Bildfunk Foto: Frank Rumpenhorst
Autor Ronald Reng bei der Präsentation seiner Enke-Biografie.

Ronald Reng: Die Idee ist 2002 entstanden, aus einem unüberlegten Spruch von mir. Damals hatte ich Robert eines meiner Bücher geschenkt. Er kam zurück zu mir und sagte: "Das ist ein tolles Buch". Ich wusste wie so oft nicht mit Lob umzugehen, wollte den peinlichen Moment überwinden und sagte spontan: "Na, irgendwann schreiben wir mal ein Buch über dich, deine Biografie." Darauf ist er sofort angesprungen. Die Idee hat ihn nie losgelassen. Er wollte immer sein Leben erzählen. Er wollte irgendwann über seine Depressionen erzählen. Dann kam der 10. November 2009 und es war klar, dieses Buch wird es nie geben können. Ein paar Wochen später kam dann der Gedanke auf: Darf man diese Biografie nicht mehr machen? Muss man sie machen?

Biografie Ronald Reng

Ronald Reng wurde 1970 in Frankfurt/Main geboren und arbeitet als Journalist und Buchautor. Von 1996 bis 2001 lebte er in London und zog dann nach Barcelona. Einem breiten Publikum wurde Reng 2002 durch das Buch "Der Traumhüter" bekannt, in dem er die Geschichte des Torwarts Lars Leese erzählt.

Eigentlich war aber bei allen engen Freunden von Robert und bei seiner Frau Teresa der Gedanke da: Wir möchten dieses Buch gerne machen, weil Robert sehr viel daran gelegen hat. Das war der subjektive Grund. Es gab auch zwei objektive Gründe für mich als Schreiber. Es war ein Thema, über das das ganze Land geredet hat und keiner wusste eigentlich, was mit Robert Enke passiert ist. Also gab es eine Geschichte zu erzählen. Der andere Grund war, der Versuch zu erklären, was sind denn eigentlich Depressionen.

NDR: Es ist ja nichts Alltägliches, dass ein Autor über jemanden schreibt, zu dem er ein besonderes Verhältnis hatte. Wie würden Sie ihr persönliches Verhältnis zu Robert Enke beschreiben?

Reng: Wir waren uns sehr nahe. Wir mochten uns. Ich habe ihn jedes Jahr in Hannover besucht. Wir haben regelmäßig telefoniert. Wir waren nicht die besten Freunde. Es stand sicher auch immer zwischen uns, dass ich Journalist und er Fußballer war. Ich würde sagen, wir hatten eine sehr gute Fußballer-Freundschaft.

NDR: Sie kannten sich lange bevor diese schrecklichen Ereignisse im vergangenen Jahr geschehen sind. Was wussten Sie über Robert Enkes Seelenleben? Was hat er Ihnen verraten, was hat er vermittelt, was haben Sie zwischen den Zeilen gelesen?

Reng: Er hat vermittelt, dass er oft Schwierigkeiten hatte, mit Druck fertig zu werden. Vor allem mit dem Eigendruck. Dass er wahnsinnig sensibel war. In Form von verletzlich, im schönen Sinne auch von einfühlsam. Diesen Mensch habe ich geschätzt. Ich habe überhaupt keine Antennen für Depressionen gehabt, weil mir das vorher noch nie begegnet ist. Ich habe ihn ja latent depressiv erlebt in Barcelona 2003. Da habe ich mich natürlich gewundert. Weil sein Gesicht sich zum Beispiel nicht mehr bewegt hat. Das war wirklich wie in Stein gemeißelt. Ich habe mir, wie so viele, natürlich Erklärungen gesucht: Ihm geht's schlecht, er wirft sich vor, er hat versagt in Barcelona. Aber weil ich keinen Bezug zu Depressionen hatte, habe ich darüber auch nicht nachgedacht.

NDR: Sie haben in der Recherche für dieses Buch Aufzeichnungen von ihm selbst gelesen und viele Gespräche mit seiner Frau geführt. Ich kann mir vorstellen, dass das eine sehr intensive Arbeit ist. Wie kommt man damit klar? Kann man das so "wegarbeiten"?

Reng: Das war sicher eine Grenzerfahrung. Es fängt damit an, dass ich ein emotionaler Schreiber bin. Ich versuche, mich in eine Stimmung zu setzen, durch Musik zum Beispiel. Und wenn man dann traurige Musik hört, um traurige Kapitel zu schreiben, dann wird man mehr als traurig. Es hat mich oft genug niedergerissen. Ich habe gemerkt, dass man auch schreiben kann, wenn der Bildschirm verschwimmt vor einem. Schwieriger war es fast, fertig zu sein mit dem Buch. Und zu merken, da ist jetzt nichts mehr. Im Prinzip habe ich acht Monate lang in einer Parallelwelt gelebt. Ich habe mich nur mit Robert beschäftigt.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 05.11.2010 | 12:00 Uhr

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