Stand: 17.05.2020 17:22 Uhr

Re-Start im Profifußball: "Ein komischer Rahmen"

Die Bundesliga und Zweite Liga haben ihre Saisons mit Geisterspielen wieder aufgenommen. Doch nicht nur an das Fehlen von Zuschauern müssen sich Spieler und Funktionäre nun gewöhnen. Eine Diskussion um den Torjubel ist bereits entbrannt.

Die Ersatzspieler des VfL Wolfsburg und das Funktionsteam während des Spiels beim FC Augsburg auf der Tribüne © Witters Foto: Bernd Feil
Neue Vorschrift: Die Ersatzspieler und Betreuer - hier die des VfL Wolfsburg - müssen mit Mund-Nasen-Masken auf der Tribüne sitzen und Abstand halten.

Schlusspfiff in Augsburg: Ein kurzes, aber sehr lautes "Ja" hallt durch die fast menschenleere Arena des ortsansässigen Bundesligisten. Die Spieler des VfL Wolfsburg haben nach dem Last-Minute-Sieg beim FCA ihre Freude herausgeschrien. In einer früheren Welt, einer Welt ohne die Coronavirus-Krise, hätten sich Kicker von Trainer Oliver Glasner nun in den Armen gelegen und wären daraufhin in die Fankurve gegangen, um sich beim mitgereisten Anhang für die Unterstützung zu bedanken. Doch beim Re-Start des deutschen Profifußballs inmitten der Pandemie sind Zuschauer in den Stadien nicht erlaubt - zu hoch wäre das Infektionsrisiko für sie. Und auch "gemeinsames Jubeln, Abklatschen und Umarmungen sind zu unterlassen", wie es im "Covid-19 Organisations-Rundschreiben Sonderspielbetrieb" der DFL steht. Die Wolfsburger halten sich daran. Sie beglückwünschen sich mit ausgestreckten Fäusten zum 2:1-Erfolg.

Hochglanzprodukte mit Kratzern

Gebremste Emotionalität, leere Zuschauerränge, Ersatzspieler und Betreuer mit Mund-Nasen-Masken auf den Tribünen statt Auswechselbänken und viele weitere Reglementierungen: Der deutsche Profifußball ist nach dem Ende der Corona-Pause kaum wiederzuerkennen, "im absoluten Notbetrieb", wie es DFL-Chef Christian Seifert schon vor der dem Ende der Zwangspause gesagt hatte.

Besagter Notbetrieb soll Not lindern. Und zwar die Not von nicht wenigen Clubs, die ohne die Zahlung der letzten TV-Rate offenbar vor der Insolvenz gestanden hätten. Getreu dem Motto: "The Show must go on" hat die DFL bei der Politik mit Nachdruck (und viel Lobby-Arbeit) auf die Saisonfortsetzung gedrängt. Nun kann der Ligaverband seine Hochglanz-Produkte Bundesliga und Zweite Liga wieder anbieten - wenn auch mit vielen Auflagen und auf Bewährung. Für die Hauptdarsteller, die Spieler, bedeutet dies: Arbeiten unter äußerst erschwerten Bedingungen. "Die Atmosphäre war schon komisch", sagte Holstein Kiels Kapitän Hauke Wahl nach dem 2:2 seines Teams im Zweitliga-Duell bei Jahn Regensburg: "Die Zuschauer haben heute extrem gefehlt." Auch sein Trainer Ole Werner gab freimütig zu, mit den neuen Gegebenheiten am Sonnabend gefremdelt zu haben: "Für uns alle war das ungewöhnlich. Es war schon beim Aufwärmen ein komischer Rahmen. Und genauso dann auch im Spiel."

Wolfsburgs Steffen: "Es ist unser Job"

Andere Protagonisten des ersten Spieltags nach der über zweimonatigen Zwangspause waren darum bemüht, die Ausnahme-Situation als eine Art neue Normalität darzustellen. "Für uns ist es das Geschäft, das wir erfüllen müssen, unser Job. Deswegen wird uns das immer weniger interessieren, umso mehr Spiele wir so machen", sagte Wolfsburgs Torschütze zum 1:0 in Augsburg, Renato Steffen, im Interview mit der ARD. Der Schweizer verwies darauf, dass die Spieler während der Partie so fokussiert auf ihre Aufgaben seien, "dass man das ringsherum eigentlich gar nicht so mitbekommt".

Hertha-Torjubel wird nicht sanktioniert

Business as usual also für die Profis? Keinesfalls. So gab Hertha-Angreifer Vedad Ibisevic nach dem 3:0-Sieg der Berliner in Hoffenheim freimütig zu, auf den gemeinsamen innigen Torjubel mit seinen Teamkameraden nur schwer verzichten zu können. "Ich habe unseren Doktor vor dem Spiel gefragt, ob das Tor zählt, wenn man es macht. Das war für mich das Allerwichtigste. Es ist ja schwer in solchen Momenten, da kommen Emotionen hoch", sagte der Stürmer. Dass sich - anders als in weiteren Bundesliga-Stadien - nach den Treffern zum 1:0 und 3:0 eine große Berliner Jubeltraube bildete, wird allerdings keine Folgen haben. Ein DFL-Sprecher erklärte am Samstagabend, Sanktionen dafür erübrigen sich, da es sich lediglich um "einen Hinweis zur Orientierung" in Ergänzung zum Hygienekonzept handle.

Kohfeldt: "Es wurden Vorgaben missachtet"

Hertha-Trainer Bruno Labbadia bat um Verständnis, dass seine Profis nicht ohne Körperkontakt jubelten.

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"Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht wie im Kirchenchor auftreten. Man darf jetzt nicht eine Hysterie daraus machen", sagte der 54-Jährige am Sonntag: "Es ist natürlich schwierig, meinen Spielern zu sagen, wir wollen ein gutes Spiel machen, aber dann muss jede Emotion raus. Trotzdem werden wir natürlich mit den Spielern darüber reden, das ist überhaupt keine Frage." Trotzdem kritisierte sein Trainerkollege Florian Kohfeldt von Werder Bremen den Umgang des Neu-Herthaners mit diesem Thema: "Ich kann die Aussage von Bruno durchaus verstehen. Aber andersherum bringt Bruno damit jeden anderen Trainer wieder in Erklärungsnot. Es wurden nun mal Vorgaben missachtet, die relativ klar sind. Das wird dann schon zum Problem im Umgang mit der Mannschaft."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 17.05.2020 | 22:50 Uhr

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