Fans mit Mundschutz in einem Fußballstadion © Witters

Privilegien für geimpfte Zuschauer? Der Sport im Zwiespalt

Stand: 25.02.2021 14:14 Uhr

Die Debatte um mögliche Privilegien für Geimpfte wird auch im Sport geführt. Dürfen Menschen mit Corona-Schutz wieder ins Stadion? Der Fußball ist in dieser Frage gespalten. Unstrittig ist: Die Clubs brauchen Zuschauer zum wirtschaftlichen Überleben und haben zusammen mit Kultur und Wissenschaft ein Konzept für die stufenweise Rückkehr erarbeitet.

von Matthias Heidrich

Oke Göttlich hält nichts von Privilegien für Geimpfte. "Das ist nicht der FC St. Pauli. Ich wünsche mir ein Szenario, bei dem man wieder ein Stadion besuchen kann, ohne den Impfpass vorzeigen zu müssen", sagte der Präsident des Hamburger Fußball-Zweitligisten im NDR 2 Bundesligashow-Podcast.

In Pandemie-Zeiten ist es mit derlei grundsätzlichen Aussagen allerdings schwierig. Gerade für Wirtschaftsunternehmen wie Fußball-Clubs, die auf Zuschauereinnahmen dringend angewiesen sind. Das weiß auch Göttlich. "Wenn es nachher medizinisch die einzige Möglichkeit ist, dann muss man darüber nachdenken und mit unseren Mitgliedern und Gremien darüber reden", sagte der Musik-Unternehmer, der im vergangenen Jahr selbst an Covid-19 erkrankt war.

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Lehmann: "Geht nicht um Privilegien"

Jan Lehmann ist da etwas forscher unterwegs. "Ich denke, dass Geimpfte wieder ins Stadion gelassen werden können, wenn von ihnen nachweislich kein Ansteckungsrisiko ausgeht", sagte der Finanzvorstand des Bundesligisten 1. FSV Mainz 05 der "Sport Bild". "Das gilt natürlich auch für andere Bereiche wie zum Beispiel Restaurants und Kultureinrichtungen. Dabei geht es nicht um Privilegien, sondern darum, harte Einschränkungen wieder zurückzunehmen."

Dass die Corona-Maßnahmen Kinos, Theater oder eben die Gastronomie ungleich härter treffen als den Profifußball, der immerhin spielen darf und so weiter Fernseh- und Sponsorengelder generiert, ist unbestritten.

Drei-Stufen-Plan für Zuschauer-Rückkehr

Vor den nächsten Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Krise am kommenden Mittwoch haben sich Sport, Kultur und Wissenschaft zusammengetan und einen Drei-Stufen-Plan zur schrittweisen Rückkehr von Zuschauern entwickelt. Aus dem Sport haben sich alle großen Verbände und Ligen beteiligt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist genauso vertreten wie der Deutsche Basketball-Bund (DBB) und der Deutsche Handball-Bund (DHB).

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"Wir wollen der Politik einen Weg zeigen zum Wie", sagte Florian Kainzinger, Koordinator der Studie: "Uns geht es nur in zweiter Hinsicht um das Wann. Darüber kann mit der Politik diskutiert werden."

Göttlich: Kein Alleingang des Fußballs

"Wir müssen Möglichkeiten aufzeigen", so Göttlich. "Dafür ist dieses Papier wichtig. Und es ist noch viel wichtiger, dass sich der Fußball nicht mit einem 'Super-Konzept' rausnimmt, sondern dass wir mit den kulturellen Institutionen gemeinsam Menschen wieder in ihre Lohn-und-Brot-Tätigkeit bekommen."

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Der Stufen-Plan stellt verschiedene Modelle für Freiluft- und Hallen-Veranstaltungen vor. Ausgehend von einem Basiskonzept können mittels weiterer Maßnahmen wie Hygienekonzepten und Teststrategien neue Stufen erreicht werden, die eine schrittweise Steigerung der Zuschauer pro Veranstaltung ermöglichen. Privilegien für Geimpfte sieht das Konzept nicht vor.

Hanning hofft auf "Auferstehung nach Ostern"

"Eine Auferstehung nach Ostern - das ist eine Vision, an die der deutsche Sport jetzt glauben darf", frohlockte bereits DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Entscheiden müssen letztlich aber die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder, ob in Zeiten von Corona-Mutanten und schleppender Impffortschritte eine Rückkehr von Fans bei Sportveranstaltungen in Deutschland möglich ist.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz rechnet in der neuen Saison wieder mit Zuschauern bei Spielen der Fußball-Bundesliga. "Ich gehe davon aus, dass wir im Sommer wieder im Biergarten sitzen können und die nächste Bundesliga-Saison auch wieder im Stadion verfolgen werden", sagte der Kanzlerkandidat der SPD der "Rheinischen Post".

St. Paulis Rücklagen "mehr oder weniger aufgebraucht"

Klar ist, dass einige Clubs nicht ewig ohne Zuschauereinnahmen überleben können. "Der FC St. Pauli kann froh sein, in den letzten zehn Jahren wahnsinnig stabil agiert zu haben", erklärte Göttlich. "Aber ich sage auch: All das, was wir uns hart erarbeitet haben, ist durch ein Jahr Krise mehr oder weniger aufgebraucht."

Hannover 96 macht zehn Millionen Euro minus

Liga-Konkurrent Hannover 96 rechnet in dieser ersten kompletten Saison unter Corona-Bedingungen mit einem Minus im zweistelligen Millionenbereich. "Wir werden mit gut zehn Millionen Euro Verlust abschließen. Davon sind sieben Millionen fehlende Ticketeinnahmen", sagte 96-Finanzchef Frank Baumgarte dem "Sportbuzzer". Geschäftsführer Martin Kind betonte allerdings, dass diese Verluste nicht existenzbedrohend seien: "Wir müssen nicht zu Banken rennen wie andere Vereine. Im Wesentlichen sichern die Gesellschafter die Liquidität durch Darlehen ab, wie schon in der vorigen Saison."

Motto in der Krise: Rette sich, wer kann

Bei anderen Vereinen wird es ohne Aussicht auf eine Zuschauer-Rückkehr aber ans Eingemachte gehen. Göttlich hatte während des ersten Lockdowns im vergangenen April mit Blick auf die Situation der Clubs das Bild "einer Nuss-Schale bei Gewitter auf hoher See" bemüht. "Damals hatte ich mir nicht ausmalen können, dass aus einer Nuss-Schale eine schmelzende Eisscholle geworden ist, zumindest was die Liquidität vieler Clubs angeht", sagt er ein knappes Jahr später.

Dabei kämpfe jeder Bundesligaverein für sich. "Es sind 36 verschiedene Eisschollen", so Göttlich, für den das Motto klar ist: "Jeder rette sich, wer kann - im Rahmen seiner Verhältnisse."

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 25.02.2021 | 15:25 Uhr

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