Neuzugang Levin Öztunali vom Hamburger SV © Witters
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AUDIO: Levin Öztunali wechselt zum HSV (1 Min)

Öztunali beim HSV: Viel Fußball-Romantik und eine offene Frage

Stand: 28.06.2023 12:05 Uhr

Levin Öztunali ist zehn Jahre nach seinem Abschied vom Hamburger SV zu seinem Jugendclub zurückgekehrt. Für ihn sei es "ein Traum", für den HSV aufzulaufen, sagte der Enkel der verstorbenen HSV-Ikone Uwe Seeler. Ob er sofort eine Hilfe für den Zweitligisten sein kann, ist ungewiss. Dem 27-Jährigen mangelt es an Spielpraxis.

von Hanno Bode

Nur wenige Schaulustige hatten sich an diesem Sonntag des 5. Mai 2013 auf der Wolfgang-Meyer-Sportanlage eingefunden, als die U19 des HSV am vorletzten Spieltag der Bundesliga Nord/Nordost Hannover 96 zum Nordduell empfing. Sportlich hatte die Partie keine Relevanz mehr - beide Teams rangierten im Tabellenmittelfeld. Für Levin Öztunali, damals gerade einmal 16 Jahre alt, war es dennoch ein besonderes Spiel. Zum letzten Mal lief er vor heimischer Kulisse für den Club auf, zu dem er 2006 als Steppke gewechselt war.

Seit geraumer Zeit stand fest, dass das große Talent sein Glück in der Ferne suchen wird. Genauer genommen in Leverkusen. Bayer hatte das Werben um den hochveranlagten Fußballer gewonnen und den Teenager mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet.

Die HSV-Fanseele kochte deswegen. Wie konnte der Club nur den Enkel seines größten Spielers aller Zeiten ziehen lassen? Frank Arnesen, seinerzeit Sportdirektor bei den Hamburgern, klärte auf: "Wir haben die größtmögliche sportliche Perspektive geboten. Levin hätte ab dem Sommer bei den Profis mittrainiert. Aus wirtschaftlicher Sicht hat es beim HSV niemals zuvor so ein gutes Angebot für einen Jugendspieler gegeben."

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Öztunali wechselte als Teenager zu Bayer Leverkusen

Was der Däne offenbar verklausuliert zum Ausdruck bringen wollte: Bayer bot Öztunali noch mehr Geld und stach den HSV deswegen aus. Der 16-Jährige selbst äußerte sich nicht zu seinem Wechsel. Musste er natürlich auch nicht. Denn bei allem Herzschmerz, den der Seeler-Enkel mit seiner Entscheidung bei vielen HSV-Fans auslöste, war sein Weggang nachvollziehbar. Schließlich war die Durchlässigkeit bei den Hamburgern, die damals noch in der Bundesliga spielten und liebevoll ihr "Dino"-Image pflegten, vom Jugendbereich ins Erstliga-Team praktisch nicht gegeben.

Obgleich der Club seinerzeit bereits jede Menge Schulden angehäuft hatte, setzte er nicht auf seine eigenen Talente. Stattdessen wurde das (nicht vorhandene) Geld beispielsweise in die Rückholaktion von Rafael van der Vaart gesteckt. Leverkusen mit seiner bundesweit bewunderten Nachwuchsarbeit war da für ein Talent wie Öztunali die weitaus bessere Adresse.

Bundesliga-Debüt mit 17 Jahren

"Er hat tolle fußballerische Perspektiven", sagte Bayers damaliger Sportdirektor Rudi Völler über den Zugang aus dem hohen Norden. Es dauerte dann auch nicht lange, bis Öztunali für die Werkself debütierte. Am 10. August 2013 absolvierte er im Alter von 17 Jahren und 146 Tagen sein erstes Bundesliga-Spiel. Viele weitere folgten für Leverkusen zunächst allerdings nicht. Der Konkurrenzkampf bei den Rheinländern war groß, sodass sich Verein und Spieler für ein Ausleihgeschäft entschieden.

Öztunali wurde in den Norden transferiert. Allerdings nicht zum HSV, sondern zu dessem Erzrivalen Werder Bremen. Erneut blutete das Hamburger Fußballherz. Und abermals war die Entscheidung gegen Öztunalis Jugendclub gefallen, weil Bayer ihn dort nicht gut aufgehoben sah.

Erfolgreichste Zeit beim FSV Mainz 05

Während der HSV in den Folgejahren trotz der Millionen von Anteilseigener Klaus-Michael Kühne und weiterem geliehenen Geld im sportlichen Sinkflug blieb und 2018 das erste Mal aus der Bundesliga abstieg, entwickelte sich sein einstiges Ausnahmetalent zu einem gestandenen Erstliga-Spieler. Insbesondere im Trikot des FSV Mainz 05, für den Öztunali von 2016 bis 2021 auflief, wusste der Mittelfeldmann konstant zu überzeugen. In seiner Zeit bei den Rheinhessen wurde der Hamburger Jung 2017 auch Europameister mit der U21.

Bei Union Berlin zuletzt nur noch Ersatz

Mit gerade einmal Mitte 20 hatte Öztunali bereits 170 Bundesliga-Partien absolviert, als er sich vor zwei Jahren Union Berlin anschloss. In Köpenick bekam seine Bilderbuch-Karriere dann erste Kratzer. Coach Urs Fischer setzte nur sporadisch auf ihn. Nach 18 Einsätzen in der ersten Saison - davon lediglich fünf von Beginn an - kamen in der abgelaufenen Serie nur noch zwei dazu. Ganze acht Minuten spielte der 27-Jährige.

Seine Abschiedsvorstellung für die "Eisernen" gab er bereits am 21. Januar dieses Jahres im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim. Anschließend stand Öztunali nur noch einmal im Kader der Berliner, saß ansonsten auf der Tribüne.

"Habe den HSV immer verfolgt"

Mit ganz wenig Spielpraxis, aber sehr viel Enthusiasmus kehrt Öztunali nun in seine Geburtsstadt und zu seinem Jugendclub zurück. "Ich habe den HSV natürlich immer verfolgt, war aber bislang nur als Gegner oder Fan im Volksparkstadion. Jetzt hier als HSV-Spieler auflaufen zu dürfen, ist für mich ein absoluter Traum. Deshalb freue ich mich einfach, wieder da zu sein", sagte der 27-Jährige mit viel Pathos. Als langjähriger Bundesliga-Profi und mit der Erfahrung aus inzwischen 212 nationalen und internationalen Pflichtspielen wird von ihm beim inzwischen zum "Zweitliga-Dino" mutierten HSV erwartet, eine Führungsrolle einzunehmen.

HSV-Chefs voll des Lobes für Neuzugang

"Levin ist ein sehr flexibel einsetzbarer Offensivspieler, der durch seine Athletik besticht. Mit 190 Bundesliga-Spielen verfügt er zudem über einen Erfahrungsschatz, mit dem er uns ganz sicher weiterhelfen wird", sagte Claus Costa, Direktor Profifußball beim Tabellendritten der Vorsaison. Vorstand Jonas Boldt ergänzte: "Mit seiner professionellen Einstellung, seiner Power und der hohen Identifikation mit dem HSV stellt er einen wichtigen Faktor in unserer Kaderzusammenstellung dar."

Für Boldt und Öztunali schließt sich der Kreis

Die Rückholaktion des verlorenen Sohnes ist für den nicht unumstrittenen, weil in seinen Personalentscheidungen oft genug unglücklich agierenden Boldt fraglos ein Coup. Dem Vorstand dürfte beim Einfädeln des Deals zugute gekommen sein, dass er Öztunali bereits seit zehn Jahren kennt. Schließlich war er es, der den Mittelfeldspieler 2013 nach Leverkusen holte. "Meine gemeinsame Geschichte mit Levin begann vor zehn Jahren. Umso mehr freue ich mich, dass wir Levin jetzt nach Hause holen konnten", erklärte der 41-Jährige.

Am Freitag wird sich Öztunali erstmals den HSV-Fans präsentieren, wenn Coach Tim Walter sein Team ab 14 Uhr zur ersten Übungseinheit in der Vorbereitung auf die neue Saison auf den Platz bittet. Nur ein paar Meter entfernt von dem Rasenfeld im Schatten des Volksparkstadions steht eine riesengroße Statue. Es ist der Bronze-Fuß von Uwe Seeler. Die HSV-Legende wäre fraglos sehr stolz gewesen, seinen Enkel für das Profiteam der Hamburger auflaufen zu sehen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 28.06.2023 | 19:30 Uhr

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