Joachim Löw winkt. © imago images

Kommentar zum Löw-Abschied: Verpasste Chance

Stand: 11.11.2021 10:05 Uhr

135 Tage nach seinem letzten Spiel als Bundestrainer wird Joachim Löw heute im Zuge des WM-Qualifikationsspiels gegen Liechtenstein offiziell von der Nationalmannschaft verabschiedet. Doch als geeignete Bühne taugt der Rahmen in Wolfsburg nicht.

Ein Kommentar von NDR Nationalmannschafts-Reporter Martin Roschitz

Das hat Jogi Löw nicht verdient. Ein Länderspiel gegen Brasilien wäre ein würdiger Rahmen für seine Verabschiedung gewesen. Sein Name wird für immer mit dem historischen 7:1 verbunden sein. Vielleicht ein Kräftemessen mit dem großen Rivalen Italien oder eine Neuauflage des WM-Endspiels gegen Argentinien. In Dortmund, München oder Berlin. Für das Frühjahr plant der DFB so einen hochkarätigen Test. Hätte gepasst. Als Zeichen der Wertschätzung für den erfolgreichsten Bundestrainer der Geschichte mit 124 Siegen. Fast zwei Drittel seiner Spiele hat er gewonnen, das Wichtigste am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro.

Abgang durch die Hintertür

Von wegen großer Bahnhof! Die Endstation für den Weltmeister-Coach heißt nun Wolfsburg, nicht gerade die ganz große Bühne des internationalen Fußballs. Der Gegner Liechtenstein - 190. der aktuellen FIFA-Rangliste. Ja. Er hat regelrecht an seinem Stuhl geklebt. Ja. Er ist viel zu spät gegangen. Ja. Er hat sich in den letzten Jahren seiner Amtszeit maßlos überschätzt. Und trotzdem wird Jogi Löw der Abgang durch die Hintertür nach fast 16 Jahren als Bundestrainer nicht gerecht. "Er war der Beste, den wir hatten." Hansi Flick sagt das nicht aus Höflichkeit, sondern voller Überzeugung.

Das Bild Deutschlands positiv beeinflusst

Löw hat die Nationalelf erst entstaubt und dann umgekrempelt, die so genannten deutschen Tugenden in die Mottenkiste verbannt. Den Leitwolf zur Strecke gebracht. Die überholte Sehnsucht nach starken Männern im deutschen Trikot mit flachen Hierarchien und Integration gestillt. Lahm, Kroos, Müller und Schweinsteiger. Özil. Khedira. Mustafi und Boateng. Vielfalt statt Einfalt. Leichtigkeit statt Verbissenheit. Ästhetik statt Härte. Die Erfolge seines Teams haben weit mehr verändert als nur den Rumpel-Fußball vergangener Tage. Löw und seine Weltmeister von 2014 haben das Bild Deutschlands in der Welt positiv beeinflusst.

Prominenter Platz in der deutschen Fußball-Geschichte

Manche sagen: Er hatte den besten Job der Welt. Viel weniger Arbeit als ein Vereinstrainer bei deutlich besserem Gehalt. Die Kehrseite: kaum Privatsphäre. Einsamkeit. Depressive Verstimmung. Wenn 80 Millionen Bundestrainer nun über die Amtszeit und das Wirken von Jogi Löw urteilen, sollten sie das mit mehr Milde und Abstand tun als nach seinem letzten Spiel im EM-Achtelfinale am 29. Juni im Wembley-Stadion, das er wie ein geprügelter Hund verlassen musste.

Aufgrund seiner Verdienste auf und neben dem Rasen hat Löw einen prominenten Platz in der deutschen Fußball-Geschichte sicher und muss in einem Atemzug genannt werden mit den anderen Weltmeister-Trainern Herberger, Schön und Beckenbauer. Bei allem Respekt vor der Stadt Wolfsburg und dem Gegner aus Liechtenstein: Der DFB hat die Chance für einen gebührenden Abgang eines leitenden Angestellten und einer prägenden Figur des deutschen Fußballs gnadenlos verbockt.  

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 11.11.2021 | 11:17 Uhr

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