Stand: 04.03.2018 12:11 Uhr

HSV: In Hamburg sagt man Tschüs

von Hanno Bode, NDR.de

Für den Hamburger SV geht es nach dem verpassten Sieg im Abstiegs-"Endspiel" gegen Mainz wohl nur noch darum, sich würdevoll aus der Bundesliga zu verabschieden. Doch weil die Fanwut wächst, droht dem Tabellen-17. in den kommenden Wochen gerade vor eigener Kulisse ein Spießrutenlauf.

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Die HSV-Profis verzichteten nach der Mainz-Partie auf den Gang in die Fankurve.

Da standen die Fußballer des Hamburger SV nun auf dem Rasen und blickten entweder ins Leere oder auf die verschiedenen Banner, die sie unmissverständlich wissen ließen, dass sich Teile des eigenen Anhangs längst von ihnen abgewendet haben. "Danke für nichts - ihr Söldner" stand auf einem dieser Spruchbänder. Dazu hallten nach dem torlosen Remis im Kellerduell mit Mainz 05 "Absteiger, Absteiger"-Rufe durchs Volksparkstadion. Den obligatorischen Gang in die Fankurve hatte das kickende Personal des Bundesliga-Gründungsmitglieds zuvor bereits aus Angst vor weiteren Anfeindungen abgebrochen.

"Der Ärger wird nicht weniger werden"

So blieb den HSV-Spielern nach ihrem leidenschaftlichen, aber glücklosen Auftritt gegen die Rheinhessen sogar der eigentlich verdiente aufmunternde Applaus verwehrt. Ein deutliches Indiz für eine Entfremdung zwischen Anhang und Mannschaft. Und ein klares Zeichen dafür, dass viele Fans des Traditionsvereins die Hoffnung auf den Klassenerhalt bereits neun Spieltage vor dem Saisonende aufgegeben haben. Die Abschiedstournee aus der Beletage könnte für das Team von Coach Bernd Hollerbach gerade vor eigener Kulisse zu einem Spießrutenlauf werden. "Der Ärger ist groß, und er wird die nächsten Wochen auch nicht weniger werden", befürchtete Stürmer Sven Schipplock mit Blick auf die wachsende Fanwut.

Nun hilft nur noch ein "mittelgroßes Fußballwunder"

Nach der zwölften sieglosen Begegnung in Serie und weiter sieben Zählern Rückstand auf Relegationsplatz 16 herrscht an der Sylversterallee Endzeitstimmung. Der Glaube an ein erneutes Hamburger Happy End im Abstiegskampf ist nicht nur beim Anhang, sondern auch bei Spielern und Verantwortlichen auf ein Minimum gesunken. "Verabschieden tun wir uns erst, wenn rechnerisch nichts mehr möglich ist. Aber wir sind auch realistisch genug, um die Tabelle zu lesen. Wir hätten einfach drei Punkte gebraucht, um wieder ans Feld heranzukommen", sagte Schipplock im NDR Interview. Sportchef Jens Todt wurde sogar noch deutlicher: "Natürlich haben wir noch eine theoretische Chance. Aber Fakt ist auch - da müssen wir uns nichts vormachen -, wir brauchen jetzt schon ein mittelgroßes Fußball-Wunder."

Verein tief zerrissen - Gegeneinander statt Miteinander

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Dafür aber bedürfte es nicht nur einer enormen fußballerischen Leistungssteigerung, sondern auch Geschlossenheit im Verein. Es bedürfte einer Kultur des Miteinanders statt des Gegeneinanders. Doch der HSV ist in sich wieder einmal tief zerrissen. In den Tagen vor der Mainz-Partie soll der neue Aufsichtsrat der Fußball-AG Medienberichten zufolge über eine Entlassung von Coach Hollerbach diskutiert haben, der gerade einmal seit sechs Spieltagen die Verantwortung trägt. Ob nun aus Mangel an Alternativen oder wegen der sportlich ohnehin nahezu hoffnungslosen Situation nicht gehandelt wurde, ist unbekannt. Dass der noch sieglose Hollerbach im Abstiegsfall trotz Vertrags bis 2019 gehen muss, gilt als ausgemachte Sache. Auch Vorstandsboss Heribert Bruchhagen sowie Sportchef Todt sollen dem Vernehmen nach in den Zukunftsplanungen des mächtigen Kontrollgremiums um den neuen Clubpräsidenten Bernd Hoffmann keine Rolle mehr spielen. Dass solche und viele weitere Interna in schöner Regelmäßigkeit an die Öffentlichkeit gelangen, ist seit Jahren ein HSV-Phänomen.

Topscorer Müller fehlt an allen Ecken und Enden

So auch die chronische Abschlussschwäche auf dem grünen Rasen. Mit Ausnahme von Nicolai Müller gibt es im Kader keinen Offensivspieler mit gehobenem Bundesliga-Niveau. Weil der Topscorer der vergangenen Serie sich aber bereits am ersten Spieltag gegen den FC Augsburg beim Jubeln (!) einen Kreuzbandriss zuzog, fehlt den Hamburgern seit Monaten ihr einzig zuverlässiger Vollstrecker und Vorbereiter. Auf seine Verletzung nicht mit einem Nachkauf zu reagieren, war fraglos der Kardinalfehler von Bruchhagen und Todt. Ihre damalige Annahme, dass das vorhandene Personal diesen Ausfall würde auffangen können, erweist sich als fatale Fehleinschätzung.

Auch ein Kreativkopf für die Mittelfeldzentrale wäre dringend vonnöten gewesen, wie das Duell mit Mainz abermals zeigte. Aaron Hunt, der seinen Leistungszenit längst überschritten hat, kann diesem Team keine nennenswerten Impulse mehr geben. Die Alternativen zum früheren Bremer heißen Sejad Salihovic und Lewis Holtby. Der eine (Salihovic) kann das Tempo in der Beletage nicht mehr mitgehen, der andere wurde erst von Markus Gisdol und dann von Hollerbach ignoriert und ist nun verletzt.

Mentalität und Herz allein reichen nicht

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Was bleibt, ist eine verunsicherte Mannschaft, die zwar Mentalität und Herz besitzt, aber zu wenig fußballerische Lösungen hat. Gegen Mainz, das am Sonnabend maximal durchschnittliches Zweitliga-Niveau besaß, erspielte sich der HSV zwar seit langem mal wieder ein paar Chancen. Das Stilmittel aber war antik. Die Hollerbach-Elf drosch die Kugel überwiegend nach vorne auf den kopfballstarken Schipplock und spekulierte auf die zweiten Bälle. Gegen einen Kontrahenten, der sich früh den Schneid abkaufen ließ, war dies durchaus ein adäquates Rezept. Aber in den noch ausstehenden Partien gegen Gegner wie Bayern München, Schalke oder Hoffenheim wird dieses letztlich einfalslose Gebolze, in dem vieles auf Zufall basiert, kaum zum Erfolg führen.

Hollerbach-Verpflichtung ein Missverständnis

So deutet derzeit einiges, ja, eigentlich alles darauf hin, dass der HSV vor seinen vorerst letzten neun Bundesliga-Spielen steht. Ob Hollerbach in diesen noch die Verantwortung für das Team tragen darf oder die Chefetage noch einmal einen Trainerwechsel vornehmen wird, ist ungewiss. Der 48 Jahre alte Fußballlehrer scheint mit der Aufgabe, der Mannschaft fußballerische Lösungen an die Hand zu geben, überfordert zu sein. Dass das frühere Abwehrraubein kein Taktik-Fuchs à la Pep Guardiola oder Thomas Tuchel ist, dürfte den Verantwortlichen allerdings bereits bei dessen Verpflichtung bewusst gewesen sein.

Warum sie dennoch einen Übungsleiter holten, der primär für harte Arbeit und Disziplin steht, bleibt ihr Geheimnis. Denn Einsatzwillen und Moral hat die Mannschaft in dieser Saison eigentlich nie vermissen lassen. Ein Spielplan indes war nur selten zu erkennen. Und so muss ein anderer Plan spätestens jetzt ausgearbeitet werden: der für den Neuaufbau in Liga zwei...

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 04.03.2018 | 22:50 Uhr

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