Stand: 01.10.2018 14:49 Uhr

HSV-Coach Titz: Darmstadt schon letzte Ausfahrt?

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Unter Druck: HSV-Coach Christian Titz.

Die Sehnsucht nach einer ruhigen und erfolgreichen Saison war beim Hamburger SV nach dem erstmaligen Bundesliga-Abstieg groß. Und auch die Zuversicht, mit einem unverbrauchten und im Vergleich zu seinen Vorgängern innovativen Trainer den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. Immerhin hatte Christian Titz nach seiner Beförderung vom U21- zum Proficoach das einstige deutsche Fußball-Schwergewicht aus nahezu aussichtsloser Lage beinahe noch zum Klassenerhalt geführt. Doch nach lediglich acht absolvierten Zweitliga-Spieltagen wird die Arbeit des 47-Jährigen intern offenbar bereits infrage gestellt.

"Will mir nicht die Energie rauben lassen"

Hamburger Medien spekulieren am Tag nach der fußballerisch trostlosen Nullnummer im Stadtderby gegen den FC St. Pauli bereits darüber, dass Titz' Zukunft beim HSV vom Ausgang der Auswärtspartie am kommenden Freitag bei Darmstadt 98 (18.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) abhängig ist. Der Coach will die aufkeimende Personaldiskussion nicht an sich heranlassen: "Ich will mir gar nicht die Energie rauben lassen, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen", sagte Titz am Montag. In der Mannschaft spüre er "große Rückendeckung".

Becker: "Müssen uns einfach steigern"

Nach lediglich zwei Punkten aus der englischen Woche und 293 Minuten ohne eigenen Treffer hinterfragt allerdings nicht nur die Presse die Gründe für den Durchhänger des Zweitligisten, der aus finanziellen Gründen zum Aufstieg verdammt ist. "Wir haben selbst als Hamburger Sportverein den Anspruch, dieses Jahr erfolgreich zu sein. Den Druck machen wir uns schon selbst. Und wenn die Medien das dann kommunizieren, gehört das in Hamburg einfach dazu", erklärte Sportvorstand Ralf Becker dem NDR Fernsehen.

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Der 48-Jährige versuchte nach den enttäuschenden Auftritten in den vergangenen drei Begegnungen erst gar nicht, die Lage zu beschönigen: "Wenn wir Spiele haben, in denen wir wahnsinnig viel Pech haben, oder in denen wir uns wahnsinnig viele Torchancen kreieren, aber die Dinger nicht machen, dann ist es schon eine Frage von Geduld. Dann weiß man auch, dass viele Dinge richtig laufen. Heute und die letzten zwei Spiele war es schon so, dass wir wenig Torchancen hatten. Und dann gehört es auch schon dazu, dass man Themen einfach mal anspricht. Denn da müssen wir uns einfach steigern, um die Ziele zu erreichen."

Sportvorstand bemängelt fehlenden "Mix"

Beckers Aussagen sind eine - wenn auch verklausulierte - Forderung an Titz, die teure Mannschaft (Gehaltsetat knapp 30 Millionen Euro) zügig in das richtige taktische Korsett zu stecken. "Wir müssen einfach defensiv gut stehen und trotzdem offensiv Torchancen kreieren. Da haben wir noch nicht den Mix gefunden. Das ist gefühlt immer ein Extrem in die eine oder andere Richtung", bemängelte der Sportvorstand. Auffällig bei seinen Erklärungen nach dem Derby war, dass er mit keinem Wort Titz den Rücken stärkte. Bereits drei Tage vor der Partie hatte Becker mit einer Aussage, dass es "momentan" keine Trainerdiskussion bei den Hamburgern gäbe, Spekulationen über eine mögliche baldige Trennung vom Übungsleiter angeheizt.

Holtby von ständiger Unruhe genervt

Die Gemengelage beim HSV ist also wieder einmal so, wie sie in den vergangenen Jahren eigentlich fast immer war: Nach ein paar schwachen Spielen wird alles infrage gestellt - ganz besonders der Trainer. Ein Umstand, der Mittelfeldmann Lewis Holtby (seit 2015 im Team) übel aufstößt. "Wir haben eine gute Mannschaft, aber es ist dennoch eine junge Mannschaft, die sich erst einmal finden und die Liga annehmen muss. Aber jetzt direkt alles infrage zu stellen, das muss jetzt mal aufhören. Langsam müssen wir Ruhe reinkriegen und langsam müssen wir mal komplett zusammenstehen", sagte der 28-Jährige. Titz stieß in dasselbe Horn: "Ich habe immer betont, dass wir zusammenstehen und gemeinsam an unseren Zielen arbeiten müssen. Wir müssen versuchen, möglichst wenig Unruhe aufkommen zu lassen. Denn das wäre für die Mannschaft nicht hilfreich."

"Erst ist alles super, weltklasse. Man ist der Heilsbringer. Und auf einmal ist alles wieder schlecht. Da kriege ich das Kotzen."  Lewis Holtby

Titz-Befürworter Peters angeblich vor dem Aus

Titz selbst hilft vermutlich nur ein Sieg am Freitag in Darmstadt, um die erstmals nach dem 0:5-Debakel gegen Regensburg aufgekommene Diskussion um seine Person etwas zu beruhigen. Bei einem weiteren Negativerlebnis, zu dem für den ambitionierten HSV auch schon ein Remis zählen würde, könnte die Nervosität an der Sylvesterallee weiter zunehmen. Dass in Bälde ein Kopf beim Bundesliga-Absteiger rollt, ist laut der "Bild" ohnehin schon ausgemachte Sache. Dem Blatt zufolge ist die Entlassung von Bernard Peters, dem Direktor Sport, bereits beschlossen. Es gehe nur noch um die Trennungsmodalitäten. Mit jenem Peters würde Titz seinen größten Fürsprecher verlieren.

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Bernhard Peters' Entlassung soll bereits beschlossene Sache sein.

Der frühere Hockey-Bundestrainer war treibende Kraft bei dessen Beförderung zum Profi-Coach. Und Peters bewarb sich via Interview im "Hamburger Abendblatt" offensiv für den damals noch nicht besetzten Posten des Sportvorstands. Diesen erhielt schließlich - sehr zu Peters Ärger - Becker. Dem Vernehmen nach sollen beide - gelinde ausgedrückt - nicht mehr als ein professionelles Arbeitsverhältnis pflegen. Sportliche Ernüchterung hier, gekränkte Eitelkeiten dort: Beim HSV ist alles beim Alten geblieben - bis auf die Ligazugehörigkeit.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.10.2018 | 22:50 Uhr