Stand: 19.05.2020 15:03 Uhr

Fußball in Corona-Zeiten: Besser als erwartet

Kevin Mbabu (3.v.l.) vom VfL Wolfsburg im Spiel beim FC Augsburg beim Kopfball © imago images / Poolfoto
Der Re-Start der Bundesliga ist gelungen.

Am Wochenende erlebte der deutsche Profifußball erstmals in seiner Geschichte einen kompletten Spieltag ohne Stadionzuschauer. Im Vorfeld hatten viele durch die 66 Tage lange Pause und die kurze Vorbereitungszeit ein niedrigeres Leistungsniveau erwartet und sogar eine erhöhte Verletzungsgefahr für die Spieler befürchtet. Andere wiederum rechneten mit vielen Toren und kuriosen Ergebnissen. Ist der Fußball ein anderer als vor der Corona-Unterbrechung?

Guter Fußball trotz fehlender Atmosphäre

Jörg Schmadtke, Sportchef des Bundesligisten VfL Wolfsburg, glaubt es nicht. Er mahnte nach dem 2:1-Erfolg der Niedersachsen in Augsburg sogar: "Wir sollten aufpassen, dass wir die Bewertung nicht nur aufgrund der Umstände vornehmen. Wenn das ein Spiel vor vollen Rängen gewesen wäre, hätten wir gesagt: Wir haben ein richtig gutes Bundesliga-Spiel gesehen." Auch VfL-Coach Oliver Glasner sah lediglich anfangs Abstimmungsprobleme bei seinem Team: "Es waren technische Fehler und Ungenauigkeiten dabei. Das wird von Spiel zu Spiel aber besser werden." Tatsächlich war die Fehlpass-Quote sogar niedriger als im bisherigen Saisonmittel.

Die mittlere Laufleistung pro Mannschaft lag mit 116 Kilometern exakt auf dem Niveau der bisherigen Spielzeit. Die Werte bei "intensiven Läufen" waren mit 702 (zuvor im Schnitt 686), bei Sprints mit 220 (219) und Tempoläufen mit 482 (467) sogar besser. Ein mögliche Erklärung ist die Erlaubnis, pro Team fünfmal statt wie bisher dreimal zu wechseln. Die Trainer machten von der Regel reichlich Gebrauch. Insgesamt gab es 79 von 90 möglichen Auswechslungen in der Bundesliga.

Keine Berührungsängste bei den Profis

VfL-Profi Renato Steffen kommentierte die ungewohnten Rahmenbedingungen gelassen: "Schwer war es eigentlich nur am Anfang, aber dann hat man das irgendwann abgehakt und blendet aus, was drumherum passiert."

Tatsächlich waren Berührungsängste bei den Fußballern nicht auszumachen. "In den Spielen haben wir viele Zweikämpfe gesehen, gefühlt fast schon auf einem normalen Niveau, aber auch eine große Akzeptanz, wenn die Schiedsrichter ihre Entscheidungen getroffen hatten", erklärte DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich.

Weniger Emotionen, mehr Fußball

Weniger und kürzere Unterbrechungen ließen die effektive Spielzeit pro Partie um mehr als zwei Minuten steigen. Fröhlich freute sich über die veränderte Kommunikation zwischen Unparteischen und Spielern: "Das lief alles sehr sachlich ab, zum Teil zwar auch nicht unbedingt im Konsens, aber doch deutlich gestenärmer und mit sichtbar mehr Respekt voreinander."

Schön für die (Fernseh-)Zuschauer: Über die Außenmikrofone war die Kommunikation der Beteiligten deutlich zu verstehen. Beispielsweise als Felix Brych den Wolfsburgern Spielern Regelkunde gab und erklärte, warum er nach Tin Jedvajs Handkontakt mit dem Ball keinen Strafstoß gegeben hatte ("Der hat sich selbst angeschossen. Da kann ich doch nicht pfeifen").

Überhaupt die Kommunikation: Dank der Stille auf den Rängen ist auf dem Platz jeder Ton zu hören. "Man bekommt viel mehr Kommandos, man kann viel mehr Kommandos geben. Wenn bei uns bei Heimspielen über 80.000 laut sind, dann komm' ich keine zehn Meter weit mit meinem Ruf", schilderte Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels.

Vier von acht Zweitligaspielen mit Last-Minute-Treffern

Mehr Tore als zuvor sind an diesem ersten Geisterspieltag nicht gefallen, bemerkenswert ist allerdings die hohe Zahl der späten Treffer - vor allem in der Zweiten Liga. So gab der Hamburger SV beim 2:2 in Fürth den Sieg in der fünften Minute der Nachspielzeit aus der Hand. Dem VfL Osnabrück gelang der Ausgleich in Bielefeld in der 94. Minute, der VfB Stuttgart verlor bei Wehen Wiesbaden durch ein Elfmetertor in der 97. Minute. Holstein Kiels sicher geglaubter Dreier in Regensburg war ebenfalls durch einen späten Strafstoß (90.+3) Makulatur. In der Bundesliga machte der VfL Wolfsburg den Auswärtssieg in Augsburg erst in der 91. Minute fest.

Begünstigen Geisterspiele also späte Treffer? Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass am Ende eines Spiels die Energie zumeist aufgebraucht ist, Kondition und Konzentration schwinden. Es kommt häufiger zu Aussetzern. Wenn dann aber die Stimmung auf den Rängen, das Nach-vorn-Peitschen der Fans fehlt, fällt die Aktivierung der letzten Kraftreserven vermutlich noch schwerer. Und vielleicht bewahrheitet sich dann doch noch das, was Frankfurts Sportchef Fredi Bobic prognostizierte: "Ich glaube, wir werden auch mal ein 5:5 erleben."

Weitere Informationen
Die Ersatzspieler des VfL Wolfsburg und das Funktionsteam während des Spiels beim FC Augsburg auf der Tribüne © Witters Foto: Bernd Feil

Re-Start im Profifußball: "Ein komischer Rahmen"

Die Bundesligen haben den Spielbetrieb mit Geisterspielen aufgenommen. Nicht nur an das Fehlen von Zuschauern müssen sich Spieler und Funktionäre nun gewöhnen. Eine Diskussion um den Torjubel ist bereits entbrannt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.05.2020 | 22:50 Uhr

Mehr Fußball-Meldungen

Joachim Streich im Ostseestadion in Rostock © imago images/Ed Gar

"Der Junge von der Küste": Hansa-Legende Streich wird 70

Der "Gerd Müller des Ostens" feiert heute runden Geburtstag. Eine große Sause ist wegen Corona nicht möglich. mehr

Fußball im Netz © Mikael Damkier

NDR Fußball-Tippspiel - Jetzt mitmachen!

Das NDR Tippspiel für die Saison 2020/2021 läuft. Einsteigen, mittippen und Teams gründen: Wir suchen den Fußball-Experten im Norden. mehr