Endlos-Finale 1922: Als der HSV (kein) Fußball-Meister wurde

Stand: 06.08.2022 10:25 Uhr

In zwei episch langen Endspielen um die deutsche Fußball-Meisterschaft 1922 setzte sich der Hamburger SV gegen den 1. FC Nürnberg durch. Aber warum verzichtete der HSV vor 100 Jahren auf den Titel?

von Andreas Bellinger

Eigentlich waren sie deutscher Meister, die Fußballer des Hamburger SV - aber irgendwie auch wieder nicht. Nach diesem episch langen Endspiel in zwei Akten gegen den haushohen Favoriten 1. FC Nürnberg, das mit so vielen Fouls und giftigen Aktionen garniert war. Nachdem der zweite finale Anlauf am 6. August 1922 vom Schiedsrichter beim Stand von 1:1 in der Pause der Verlängerung abgebrochen worden war, weil der "Club" nicht mehr genügend Spieler auf dem Platz hatte, wurde der HSV zum Meister erklärt.

Es begann ein beispielloses Theater, in dem Chronisten eine Posse des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu erkennen glaubten. Der HSV hatte schließlich genug von der Peinlichkeit, verzichtete auf den Titel - und holte ihn im Jahr darauf wie zum Trotz auf sportlichem Wege.

HSV war krasser Außenseiter gegen Nürnberg

Der Hamburger Sportverein war damals nach dem Zusammenschluss des HSV von 1888 sowie Germania und Falke gerade einmal drei Jahre alt. Zwar wurde der Club norddeutscher Meister, doch konkurrenzlos war er in der Hansestadt keineswegs - wie die Saison-Niederlagen gegen Victoria (0:1), Ottensen 07 (3:4), Concordia (2:3) und St. Georg (1:3) zeigten. Als dann in der DFB-Endrunde Titania Stettin 5:0 und Wacker München ebenso überzeugend 4:0 bezwungen wurden, staunten die Experten. Vor dem Endspiel gegen den Meister der beiden Vorjahre aus dem Frankenland wollten dennoch nur wenige einen Pfifferling auf die Hamburger setzen.

Halvorsen und Harder - aus Freunden wurden Feinde

Der "Club" mit seinen Nationalspielern galt als klarer Favorit. Keeper Heinrich "Heiner" Stuhlfauth, dessen Name Fußball-Enthusiasten bis heute geläufig ist, prägte die Nürnberger Erfolgsepoche ebenso wie Heinrich Träg, Hans Sutor oder Hans Kalb. Letzterer fehlte allerdings in den finalen Partien, nachdem er sich das Schienbein gebrochen hatte. Die Rollen schienen klar verteilt, obwohl der HSV einen neuen, spielstarken Mittelläufer hatte, den Norweger Asbjørn Halvorsen. Und natürlich seinen Torjäger und einzigen Nationalspieler, Otto "Tull" Harder.

Beide waren zu jener Zeit beste Freunde auf und neben dem Sportplatz - und wurden zwei Jahrzehnte später zu erbitterten Feinden: der Nazi Harder als KZ-Kommandant, Halvorsen als Opfer des Nationalsozialismus im KZ Neuengamme. Die erschütternde Geschichte ist im HSV-Museum dokumentiert.

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Die Mannschaft des Hamburger SV im Jahr 1924: Baier, Martens, Risse, Lang, Halvorsen, Krohn (oben v.l.), Warnholtz, Breuel, Harder, Schneider, Rave (unten, v.l.) © Witters Foto: Witters

Harder und Halvorsen: Erst HSV-Freunde, dann Todfeinde

1923 feiern die Fußballhelden Asbjörn Halvorsen und "Tull" Harder gemeinsam die deutsche Meisterschaft mit dem HSV. Zwei Jahrzehnte später ist der eine KZ-Kommandant, der andere KZ-Opfer. mehr

Martens: HSV-Keeper mit gewaltigen Pranken

Hans Martens war der baumlange Keeper im Tor der Hanseaten. Gewaltige Pranken habe er gehabt, erinnert sein Enkel Michael Winzer im Gespräch mit dem NDR: "Aber er war damit auch sehr geschickt, konnte dolle Kartentricks. Und ein Riesentorwart war er sowieso." 1,98 Meter groß und besagte Hände, gleichsam wie Jahrzehnte später Frank Rost im HSV-Tor. Kurzum: Martens war eine imposante Erscheinung, Garant für den Einzug ins Finale und ein fairer Sportsmann. Der Opa habe seinen Frieden mit der "verlorenen Meisterschaft" gemacht, sagt Winzer. "Vielleicht auch wegen des versöhnlichen Endes ein Jahr später", als der HSV den Titel durch ein 3:0 gegen die Berliner von Union Oberschöneweide endlich ohne Zweifel feiern konnte.

Schlag auf Schlag

Eine späte Genugtuung für das, was Mitte Juni 1922 im ersten Endspiel gegen Nürnberg seinen unrühmlichen Anfang nimmt. Eine Partie, erbittert umkämpft, bisweilen weit über die Grenzen des Erlaubten hinaus. Der Regen hat rechtzeitig aufgehört und 30.000 Zuschauer im Berliner Grunewald-Stadion sehen, wie der norddeutsche Underdog durch Teenager Hans Rave (19. Minute) in Führung geht. Im Gegenzug gleicht Träg aus, und nach einer halben Stunde sind die Verhältnisse durch Luitpold Popps 2:1 scheinbar wieder zurechtgerückt. Schlag auf Schlag geht es, was Harder offenbar zu wörtlich nimmt. Den Nürnberger Anton Kugler rempelt er der Überlieferung nach so heftig an, dass dieser gleich mehrere Zähne verliert.

Nach fast drei Stunden: Krämpfe auch beim Schiedsrichter

Schiedsrichter Peco Bauwens hat alle Hände voll zu tun. Mehrfach ermahnt er die Kampfhähne, appelliert an die Fairness. Ohne sonderlichen Erfolg. Das Spiel wird immer verbissener und härter - und scheint längst gelaufen zu sein, bis Hans Flohr in der 86. Minute doch noch den Ausgleich erzwingt.

Szene aus der Pause des Meisterfinales 1922 zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg: Die Spieler müssen sich auf dem Platz umziehen. © picture alliance / dpa Foto: Harro Schweizer
Szene aus der Pause des Meisterfinales 1922 zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg: Die Spieler müssen sich auf dem Platz umziehen.

Zweimal 15 Minuten Verlängerung bis zum nächsten Tor, so die Regel. Aber das "Golden Goal" fällt nicht - auch nicht in der folgenden Verlängerung über zweimal zehn Minuten.

Erschöpfung hüben wie drüben, denn Spielerwechsel sind nicht erlaubt. Auch Bauwens ist, bevor er das Spiel nach 189 Minuten im Dunkeln für beendet erklärt, am Ende seiner Kräfte. Nach fast drei Stunden Spielzeit sei der Referee, der später DFB-Präsident (1950-1962) wurde, zu Boden gesunken. "Er hat gestöhnt und gesagt", so der HSVer Hans Krohn im NDR: "Mensch Krohn, ich habe einen Krampf, kann nicht mehr laufen."

Wiederholung am 6. August

Sollte es also wie 1904 keinen Meister geben? Nein, darüber waren sich alle einig. Am 6. August kommt es zum Wiederholungsspiel in Leipzig. Sieben Wochen Sommerpause - begleitet von zahlreichen Provokationen - waren vergangen und hatten die Atmosphäre gehörig aufgeheizt. Im Stadion des VfB drängen sich knapp 70.000 Zuschauer bis ans Spielfeld, reichlich mehr als offiziell erlaubt. Hexenkessel würde man heute wohl sagen. Die Teams sind bis auf jeweils eine Umstellung unverändert. Auch Bauwens pfeift wieder. Und greift sofort knallhart durch, schickt Nürnbergs Stürmer Willy Böß nach einer Tätlichkeit schon nach 18 Minuten zum Duschen.

Trotz Unterzahl geht Nürnberg durch Träg in Führung (48.), Karl Schneider (69.) gleicht für die Hanseaten aus, die plötzlich sogar mit zwei Mann mehr auf dem Feld stehen. Kugler nämlich, der Wochen vorher im Duell mit Harder eine Handvoll Zähne eingebüßt hatte, verletzt sich am Knie, darf den Regeln gemäß nicht ersetzt werden.

Abbruch wegen Spielermangels - HSV ist Meister?

Mit großem Einsatz halten die Nürnberger das Unentschieden und bringen sich ein weiteres Mal höchstselbst in Not, als Torschütze Träg die Sicherungen durchbrennen. Den heftigen Stoß in den Rücken seines Gegenspielers beschrieb Schiedsrichter Bauwens laut "Sport1" folgendermaßen: "Die Handlung war derart gemein, dass ich nahe dran war, das ganze Spiel jetzt schon abzubrechen." Dass sich der Sünder provoziert fühlte (Träg: "Der hat Lump zu mir gesagt"), verschwieg der Referee in seinem Bericht nicht. Als schließlich Popp einen (mitunter auch als "Schauspiel" bezeichneten) Kreislaufkollaps erleidet, bricht Bauwens die Partie ab, weil Nürnberg nur mehr zu siebt auf dem Platz steht - einer zu wenig. Der HSV ist also der Meister?

Barrelet: "Der HSV erhebt keinen Anspruch mehr"

Das Finale endete nach insgesamt 304 unrühmlichen Minuten auf dem Rasen. Aber es war noch lange nicht vorbei. Zwar erklärte der DFB-Spielausschuss den HSV am 19. August 1922 zum deutschen Meister, doch der Vorstand des Verbandes kassierte diesen Beschluss einen Monat später und gab damit dem Protest der Nürnberger statt. Die hatten laut "Morgenpost" argumentiert, dass der Abbruch nicht regelkonform war, weil er in der Pause der Verlängerung erfolgte. Kontrovers diskutiert wurde überdies, wie viele Spieler zwingend auf dem Platz zu stehen hätten.

Als höchste Instanz musste im November in Jena der DFB-Bundestag entscheiden. Mit 53:35 Stimmen machten die Delegierten den HSV zum Meister und glaubten, die Peinlichkeit einer Saison ohne deutschen Fußball-Meister doch noch abgewendet zu haben. Bis der frühere HSV-Präsident Henry Barrelet genervt erklärte: "Der HSV erhebt keinen Anspruch mehr auf die diesjährige deutsche Fußball-Meisterschaft." Was blieb, war eine saftige Geldstrafe. 10.000 Mark mussten die Hamburger an den DFB zahlen.

1. Endspiel HSV - Nürnberg (18.06.1922 in Berlin):
Tore: 1:0 Hans Rave (19. Minute), 1:1 Heinrich Träg (20.), 1:2 Luitpold Popp (30.), 2:2 Hans Flohr (86.)
HSV: Hans Martens, Ali Beier, Walter Schmerbach, Hans Flohr, Hans Krohn, Walter Kolzen, Asbjørn Halvorsen, Karl Schneider, Hans Rave, Otto Harder, Ludwig Breuel

2. Endspiel HSV - Nürnberg (06.08.1922 in Leipzig):
Tore: 0:1 Heinrich Träg (48. Minute), 1:1 Karl Schneider (69.)
HSV: Hans Martens, Ali Beier, Rudi Agte, Hans Flohr, Hans Krohn, Walter Kolzen, Asbjørn Halvorsen, Karl Schneider, Hans Rave, Otto Harder, Ludwig Breuel

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HSV-Stürmer Franz Horn (l.) vor dem Berliner Tor im Finale um die deutsche Meisterschaft 1928. © picture-alliance/ dpa Foto: Harro Schweizer

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 06.08.2022 | 14:00 Uhr

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