Stand: 08.07.2020 10:55 Uhr

Bremen feiert: "Scheiß Saison, gutes Ende"

von Andreas Bellinger, NDR.de
Abstand? Egal! Werder-Fans feiern den Klassenerhalt.

Es war ein bisschen wie Karneval im kühlen Norden. Hupkonzerte, Böller, Hunderte von singenden und tanzenden Fans auf den Straßen und ein früherer Werder-Star, der das wohl Wichtigste an diesem Relegations-Abend via Twitter nach Bremen schickte: "Es ist vollbracht!", schrieb der einstige Mittelfeld-Stratege Johan Micoud aus Frankreich: "Grün-Weiß in der Bundesliga. Jaaaaaaa." Werder Bremen darf nach dem 2:2 bei Zweitligist 1. FC Heidenheim in seine 57. Saison in der Fußball-Bundesliga gehen - wenn auch nur dank der auswärts mehr erzielten Tore.

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"Nie mehr Zweite Liga", sangen die Anhänger im Kneipenviertel nahe dem Weserstadion und erinnerten selbstzufrieden an den ersten Abstieg des viermaligen deutschen Meisters im Jahr 1980. An der Arena am Osterdeich prangten Transparente mit Botschaften an die Spieler: "Wir sind bei Euch" und "Ihr schafft das!" Je weiter die Nacht fortschritt, desto weniger kümmerten sich die Fans jedoch um Corona- und sonstige Regeln. Nach Mitternacht sei die Stimmung bei einigen Menschen gekippt, berichtete die Polizei am Dienstag. Flaschen flogen, ein Passant wurde getroffen und musste wegen einer Kopfverletzung im Krankenhaus behandelt werden, die Einsatzkräfte setzten Reizgas ein, mehrere Randalierer wurden festgenommen.

Bremens Innensenator Ulrich Mäurer äußerte am Mittwoch im "Weser-Kurier" scharfe Kritik: "Kein noch so knappes Fußball-Ergebnis rechtfertigt, dass alle Bedenken in Sachen Corona so hemmungslos über Bord geworfen und zudem Polizeibeamte ohne Skrupel attackiert werden."

Bürgermeister: Kein Pech und ganz viel Glück

Auf dem Höhepunkt eines seit Monaten anhaltenden fußballerischen Ausnahmezustands war die ganze Hansestadt schon seit Tagen komplett im Werder-Modus gewesen. Das Glockenspiel in der historischen Böttcherstraße gegenüber dem Rathaus intonierte in diesen bisher nicht gekannten Relegationstagen das Vereinslied "Lebenslang Grün-Weiß“. Am Rathaus wurde die Werder-Fahne gehisst. Bürgermeister Andreas Bovenschulte fasste dann einigermaßen sarkastisch, aber ziemlich treffend zusammen, was die Bremer auf der Zielgeraden der Saison fabriziert hatten: "Erst kein Pech und dann kam noch Glück dazu", schrieb der SPD-Politiker in einer Kurznachricht und fügte hinzu: "Macht so etwas bitte nie wieder mit einem älteren Herren."

Claudio Pizarro bedankt sich

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Zum Abschied auf Händen getragen: Claudio Pizarro.

Tatsächlich hat die "grottenschlechte Saison" (Ex-Manager Willi Lemke) die Nerven aller Werderaner über die Maßen strapaziert. Ganz besonders die von Trainer Florian Kohfeldt, der "eine brutale Saison mit vielen Nebenkriegsschauplätzen im Staff" beklagte und sich schließlich beim 41-jährigen Claudio Pizarro dafür entschuldigte, dass der sein letztes Spiel als Profi auf der Ersatzbank erleben musste. "Ich kann meinen Hut nicht mehr ziehen und mich nicht tiefer verbeugen vor Claudio." Die Mitspieler ließen den Peruaner hochleben - und "claupiza14" revanchierte sich via Instagram dafür, dass er seine einzigartige Karriere nicht mit einem Abstieg abschließen musste: "Danke Jungs!! Danke Werder Bremen!!!! #niemalszweiteliga."

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Ohne Sieg zum Klassenerhalt: "Scheißegal"

Kohfeldt lieferte derweil ein Sinnbild für eine Saison des Grauens, die vom Hinfallen und immer wieder Aufstehen geprägt war. Gerade noch lag der Coach am Boden, niedergestreckt vom ebenso späten wie erlösenden 2:1, als ein Elfmeterpfiff den Weg zum 2:2 für den 1. FC Heidenheim ebnete. Doch der Trainer und die Grün-Weißen hatten das Glück gepachtet. Es war die achte Minute der Nachspielzeit und keine Zeit mehr für den Zweitligisten, den Bremern den Klassenverbleib noch streitig zu machen. Zwar hatte es nach dem 0:0 im Weserstadion wieder nicht zu einem Sieg gereicht, aber "scheißegal", resümierte der Coach: "Scheiß Saison, gutes Ende."

Kohfeldt: "Stolz, dass ich durchgehalten habe"

Üblicherweise hätte sich der eloquente Kohfeldt für eine derart derbe Ausdrucksweise entschuldigt.

Doch nicht an diesem Abend, an dem die Last der letzten Wochen und Monate Stück für Stück von seinen Schultern bröckelte und die Leere in seinem Gesicht Bände sprach über durchlittene Wochen. "Es war brutal, was wir hier geleistet haben", sagte der 37-Jährige nach einer besonders innigen Umarmung mit Marco Bode. Der Aufsichtsratsboss und Sportchef Frank Baumann hatten gegen alle Widerstände, bisweilen auch aus dem Verein, an ihm festgehalten - und werden dies, wie es scheint, auch weiterhin tun. Wenn Kohfeldt denn will: "Sie haben mir immer wieder Mut zugesprochen. Aber ich bin auch stolz auf mich, dass ich durchgehalten habe."

Entscheidungen bis Ende der Woche

Kohfeldts Vertrag läuft bis 2023. "Wir werden uns die nächsten Tagen zusammensetzen und besprechen, was das Beste für Werder ist", meinte der Bremer Coach nüchtern und betonte fast schon stereotyp: "Uns in dieser Katastrophen-Saison in der Liga zu halten, war ein Riesenkraftakt."

Erst einmal fordert das Desaster aber eine knallharte Aufarbeitung und womöglich auch personelle Konsequenzen, bevor es in den Urlaub gehen kann. "Egal was passiert", sagte Kohfeldt, "ich werde mich an irgendeinen Strand legen, wo mich keiner kennt, und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen."

Dass er als verantwortlicher Trainer zurück an die Weser kommt, scheint für Baumann bereits klarer zu sein als für den Fußballlehrer selbst: "Ich bin weiterhin voll von Florian Kohfeldt überzeugt." Doch auch das Wirken des Sportchefs und der anderen Entscheidungsträger bedarf einer Analyse. Zudem steht ein Kassensturz an, denn mit dem Klassenerhalt werden Kaufverpflichtungen für die Leihspieler Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt fällig, die dem klammen Club weh tun werden (geschätzt 14 Millionen Euro). Zumindest eine Entscheidung über die wichtigsten Personalien wird nicht allzu lange auf sich warten lassen: "Wir werden das alles in den nächsten Tagen intern besprechen und Ende der Woche nach außen kommunizieren", kündigte Baumann an.

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