HSV-Trainer Tim Walter © IMAGO / Michael Schwarz

Ausgerechnet in Kiel: HSV-Trainer Walter feiert Jubiläum

Stand: 09.09.2022 08:25 Uhr

Der Hamburger SV hofft heute Abend (18.30 Uhr) im Nordduell bei Holstein Kiel auf den ersten Erfolg gegen die KSV in der Zweitliga-Historie. In jedem Fall Geschichte schreiben wird HSV-Trainer Tim Walter bei der Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte.

Denn der 46-Jährige wird die Hanseaten gegen seinen Ex-Club zum 50. Mal in einem Pflichtspiel betreuen. Das gelang vor ihm keinem andereren Coach nach dem erstmaligen Abstieg des Clubs 2018. Sollten die mit fünf Siegen aus den ersten sieben Partien in die Saison gestarteten Hamburger in den kommenden Wochen nicht in eine tiefe Formkrise schlittern und die Vereinsführung den Fußballlehrer deshalb vor die Tür setzen, wird Walter Ende September sogar der Coach mit den meisten HSV-Spielen in den vergangenen zehn Jahren sein.

Ein bemerkenswerter Umstand in Anbetracht der seit über einer Dekade herrschenden Unruhe beim finanziell schwer angeschlagenen Ex-Meister. Mit Walters Vorgängern hatten die jeweiligen Verantwortlichen nicht so viel Geduld wie nun Vorstand Jonas Boldt mit dem Mann aus Bruchsal.

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Ex-Bondscoach Van Marwijk schaffte nur 17 Spiele

Ganze 17 Spiele durfte beispielsweise Bert van Marwijk im Amt bleiben. Der Niederländer wurde Ende September 2013 als Nachfolger von Thorsten Fink an die Elbe geholt. Unter dem früheren Bondscoach blieb der HSV zunächst viermal in Folge ungeschlagen. Hernach war der Zauber van Marwijk aber auch schnell wieder verflogen. Mitte Februar 2014 wurde er nach einem 2:4 bei Eintracht Braunschweig, der achten Pleite in Serie, gefeuert.

Als Vereinscoach war der heute 70-Jährige danach nicht mehr tätig. Er betreute noch die Nationalteams von Saudi-Arabien, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, bevor er in seine Heimat zurückkehrte und beim MVV Maastricht als Berater einstieg.

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Auf van Marwijk folgte an der Sylvesterallee Mirko Slomka. Der rettete die Hamburger über die Relegation zwar vor dem Abstieg, wurde dann aber am dritten Spieltag der Folgesaison seines Amtes enthoben. Slomka blieb danach bei seinen weiteren Stationen Karlsruher SC und Hannover 96 glücklos. Aktuell vereinssuchend.

Slomka erst der Held, dann fast umgehend gefeuert

Abgelöst - oder erlöst, wie vielleicht mancher sagen würde - wurde Slomka von Josef Zinnbauer, besser bekannt unter dem Namen "Joe" Zinnbauer. Der hatte zuvor die U23 des HSV zu Höhenflügen geführt und schaffte bei seinem Bundesliga-Debüt (noch als Interimscoach) ein beachtliches 0:0 gegen Branchenprimus Bayern München. Später wurden noch die Fußball-Schwergewichte aus Dortmund und Leverkusen mit 1:0 bezwungen. Mit Fußball hatten diese Auftritte aus Hamburger Sicht allerdings nur wenig zu tun. Kampf war Trumpf unter Zinnbauer.

Nach 24 Spielen war seine Zeit im Volkspark zu Ende. Auf den Mann, der aktuell trotz des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine Lokomotiv Moskau betreut, folgten Peter Knäbel (interimsmäßig) und Bruno Labbadia.

Labbadia und das Missverständnis Alen Halilovic

Letzterer hauchte den damals mausetoten Hanseaten tatsächlich wieder Leben ein und rettete sie wie weiland Slomka über die Relegation vor dem Abstieg. Anschließend spielte der HSV eine mehr oder minder sorgenfreie Bundesliga-Serie, bevor die Verantwortlichen um den Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer begannen, von Europa zu träumen.

Trainer Bruno Labbadia (r.) vom Hamburger SV und Alen Halilovic (Foto aus dem Jahr 2016) © IMAGO / Jan Huebner
Wollte einen "Sechser" und bekam einen "Zehner": Bruno Labbadia (r.) mit Regisseur Alen Halilovic, der beim HSV nie den Durchbruch schaffte.

Sie verpflichteten vor der Saison 2016/2017 beispielsweise einen gewissen Alen Halilovic vom FC Barcelona, der zwar viel am Ball konnte, aber wenig für die Arbeit gegen das Spielgerät zu gebrauchen war.

Die Krux an der Geschichte: Labbadia hatte bei Beiersdorfer eigentlich um den Einkauf eines defensiven Mittelfeldspielers geworben. Er bekam einen vermeintlichen Zauberer, der fast nie zauberte.

Und für Labbadia war seine zweite HSV-Zeit nach dem fünften Spieltag vorbei.

Gisdol bohrt das "dicke Brett" zunächst erfolgreich

Gesucht wurde nun erneut ein Retter. Gefunden wurde Markus Gisdol, der bei seiner Vorstellung erklärte, der HSV sei noch immer "ein dickes Brett". Mochte damals so sein. Aber auf dem Rasen war davon vorerst nicht viel zu sehen. Erst im sechsten Erstliga-Spiel gab es den ersten dreifachen Punktgewinn unter Gisdol. Danach ging es allerdings auch für eine Weile bergauf, sodass am Ende - wenn auch mit Ach und Krach durch einen Last-Minute-Sieg gegen den VfL Wolfsburg - der Klassenerhalt geschafft wurde. Brett gebohrt, Ziel erreicht.

Aber auch Gisdol vermochte es nicht, die Mannschaft weiterzuentwickeln. In der Folgesaison krebsten die Norddeutschen erneut im Keller herum und zeigten dabei phasenweise derart grausame Leistungen, dass nach einer 0:2-Pleite am 19. Spieltag gegen den 1. FC Köln die Reißleine gezogen wurde.

Erstmaliger Abstieg unter Fast-Retter Titz

Als neuer Mann wurde dem verunsicherten Team der gelernte Metzger Bernd Hollerbach aufgetischt. Der hatte zwar Stallgeruch, aber kein Glück. Oder der einst knallharte Verteidiger traf schlichtweg zu viele falsche Entscheidungen. Nach nur sieben Partien war die Ära Hollerbach, die eigentlich gar keine war, wieder beendet.

Ihm folgte der vormalige U21-Coach Christian Titz. Mit ihm wurde tatsächlich vieles besser - und anders. Titz ließ beispielsweise den Torwart bei eigenem Ballbesitz gefühlt an der Mittellinie mitspielen und sorgte durch mutige Personalwechsel für frischen Wind.

Beinahe wäre den Hamburgern unter dem ebenso innovativen wie zuweilen selbstverliebt wirkenden Übungsleiter beinahe noch der Bundesliga-Verbleib gelungen. Aber eben nur beinahe. Der HSV stieg 2018 erstmals ab. Titz durfte anschließend zwar für einige Wochen den Neuaufbau in der ungeliebten Zweiten Liga moderieren, wurde dann aber nach zehn Spieltagen gefeuert.

Wolf glücklos, Hecking genervt, Thioune übermotiviert

Titz war der Vor-vor-vor-vor-vor-gänger von Walter. Auf ihn folgten vor dem aktuellen HSV-Trainer noch der völlig glücklose Hannes Wolf ("Ist scheiße gelaufen"), der gerne die Hamburger Medien kritisierende Routinier Dieter Hecking, der seinerzeit vielleicht etwas zu innovative Daniel Thioune ("Ich habe die Mannschaft mit Input überfrachtet") sowie als Interimslösung für drei Spieltage Vereinsikone Horst Hrubesch.

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NDR 2 Bundesligashow | 09.09.2022 | 18:00 Uhr

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