Stand: 03.04.2019 10:39 Uhr

Wie viel Tier steckt in Geige, Gitarre und Schlagzeug?

von Chantal Nastasi

"Du bist, was du isst". Heute haben wir die Wahl, wie wir uns ernähren wollen. Alles ist verfügbar: Fisch und Fleisch in rauen Mengen, aber auch eine stetig wachsende Zahl an Alternativen, für alle, die Tierprodukte ablehnen. Veganer und Vegetarier stellen oft nicht nur ihre Ernährung um, sondern verzichten auch auf Ledersofas, Lederschuhe und anderes, was aus Tieren gefertigt ist. Doch wie sieht es eigentlich mit Instrumenten aus? Wie viel Tier ist da tatsächlich drin?

Tierfrei: Vegane Musikinstrumente

99 Prozent pflanzlich, 1 Prozent tierisch

Andreas Hampel ist Geigenbauer in Hamburg. Er stellt Geigen her, die fast ohne tierische Komponenten auskommen: "Die Geige ist ein zu 99 Prozent pflanzliches Produkt. Aber über die 500 Jahre, die es diesen Kulturgegenstand Geige jetzt gibt, hat man geguckt, welche Materialien für welche Aufgaben am besten passen. Und wir haben an der Geige ungefähr ein Prozent tierische Bestandteile. Das sind vor allen Dingen der Glutinleim, mit dem wir alles zusammenleimen und der hervorragende akustische Eigenschaften hat."

"Der zweite wichtige Grund ist," so Hampel "Glutinleim ist reversibel, lässt sich später wieder auflösen. Es gibt noch Geigen in den Museen, die 450 Jahre alt sind, die kann man immer noch restaurieren, reparieren. Wenn irgendetwas damit passiert, kann man alle alten Leimungen öffnen. Das ist für den Restaurator einfach Gold wert."

Auswirkungen auf den Klang

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Für die Bögen werden in der Regel Roßhaare verwendet. Inzwischen gibt es aber auch Alternativen aus Kunststoff.

Das oberste Gebot sei es, die Instrumente zu erhalten, sagt der Hamburger Geigenbauer, der selbst regelmäßig Geige im Quartett spielt und im Sinfonieorchester Eppendorf. Doch es ist natürlich möglich, ein neues Instrument herzustellen, bei dem auf diese geringen Mengen tierischer Produkte verzichten wird: "Das kann ich zum gleichen Preis herstellen", sagt Hampel. "Allerdings wird es nicht ganz so gut klingen, weil die synthesichen Holzleime nicht ganz so fest sind, sie dadurch den Klang nicht ganz so gut weiterleiten und man große Schwierigkeiten haben wird, dieses Instrument zu reparieren."

Mit den synthetischen Holzleimen sind die beiden Korpusse nicht so dicht miteinander verbunden, was sich wiederum auf den Klang des Streichinstrumentes auswirkt. Einzelne Geigenbauer werben im Internet mit einem solchen Nischenprodukt. Doch es ist noch eine Suche nach Alternativen, von Trends angetrieben.

Tierische Optik im Trend

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Im Schlagzeugbereich sind meist nur noch Bongos, Congas und Djemben mit Tierfellen bezogen.

Niklas Rettmann ist Gitarrist und verkauft Instrumente und Zubehör in einem größeren Hamburger Instrumentengeschäft. Er berichtet von Alternativen für Materialien, welche die Saiten stabilisieren. Der sogenannte Sattel war früher oft aus einem schmalen Knochenstück: "Die Saitentrennung, wenn man zum Beispiel einen Akkord auf der Gitarre spielt, sodass jede Note rauszuhören ist, die Übertragung der Frequenzen, der Schwingungen - das gelingt mit einem Knochensattel einfach besser als mit Plastik."

Tierfrei ja, plastikfrei nein!

Im Perkussionsbereich wurde schon vor längerer Zeit vieles durch Plastikmaterialien ersetzt. Legierungen der Klaviertasten sind nicht mehr aus Elfenbein. Schlagzeugfelle werden seit Jahrzehnten aus Plastik hergestellt. Jetzt herrsche vielmehr der Trend, nostalgische Produkte, wie Felle, die optisch Tierfellen nachempfunden sind, auf den Markt zu bringen, erzählt Niklas Rettmanns Kollegin Lea Kloth aus dem Schlagzeugbereich: "FiberSkyn hat die Optik von einer echten Tierhaut, ist aber aus Plastik. Da geht es wirklich nur um Optik. Und dann gibt es aber auch Felle, die ich leider noch nicht getestet habe, weil sie relativ neu sind. Die nennen sich Calftone. Die beiden stellen eine Alternative zum echten Fell dar."

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Bei den Gurten ist die Auswahl groß: Materialien aus waschbarem Synthetik und aus traditionellem Leder.

Echte Felle finde man im Perkussionsbereich eigentlich nur noch auf Bongos, Congas und Djemben, sagt Lea Kloth, die selbst Veganerin ist. Doch auch dort gibt es inzwischen die Möglichkeit, seine Instrumente nachzurüsten und mit Alternativen bespannen zu lassen.

Tierfrei ja, plastikfrei nein! Das ist eines der großen Themen bei der Frage nach alternativen Musikinstrumenten und Zubehör. Gitarrengurte und -taschen gibt es zuhauf aus synthetischen Materialien. Oft sind sie auch leichter zu reinigen, doch viele halten Leder für langlebiger. Stahlsaiten sind heute stimmungsstabiler als Saiten, die früher aus Tierdarm gefertigt wurden. Wer aus veganen Beweggründen die Roßhaare seines Geigenbogens ersetzen möchte, findet inzwischen auch eine Alternative aus Kunststoff. Doch bei allen ideologischen Beweggründen, darf man eines nicht vergessen: Musik lebt immer noch vom Klang.

Weitere Informationen
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Hamburger Geigenbauer Andreas Hampel © NDR.de Foto: Chantal Nastasi

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NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

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Dieses Thema im Programm:

Klassisch unterwegs | 03.04.2019 | 11:20 Uhr