Stand: 17.02.2016 11:31 Uhr  | Archiv

Was das Wacken Open Air mit Goethe zu tun hat

Besucher watet durch Matsch © NDR
Wacken im August - gern mal verregnet, aber mindestens teilweise aufgeweicht.

Eigentlich intakte Schuhe einfach mal neben einer Schlammpfütze stehen lassen: Das ist Wacken, und gleichzeitig gar nicht so weit entfernt von deutscher Hochkultur à la Johann Wolfgang von Goethe. Der Schlamm ist übrigens ebenfalls Wacken, wechselhaftes Nordwetter sei Dank.

Sockenwechsel zwecklos

Wer nicht in Springer-, Reit- oder Gummistiefeln unterwegs war, holte sich gern mal nach kurzer Zeit ziemlich nasse und schmutzige Füße. Zwecklos, die Socken zu wechseln, denn den ein oder anderen Schlammpfuhl erwischt man in Wacken früher oder später ohnehin. Besonders fies: ein Untergrund aus Rindenmulch vor der Zeltbühne ("Wet Stage"), der einigermaßen trockene Festigkeit vortäuscht. Tatsächlich aber handelt es sich um einen Brei aus Wasser, Erde und Rinde, der den Fuß bis zu den Knöcheln versinken lässt. Im wahrsten Sinne des Wortes "dumm gelaufen", wenn Besucher abkürzen wollen.

Wacken und Goethe

Wacken international - Fans aus China. Mit Angst vor der Schweinegrippe? © NDR
Die Fans reisen aus allen Teilen der Welt an - in diesem Fall China.

Aber warum ist es jetzt so wahnsinnig bezeichnend für das Wacken Open Air, die intakten - wenn zugegebenermaßen auch komplett verdreckten - Schuhe einfach neben einer Pfütze stehen zu lassen? Und was bitte hat der deutsche Dichter und Denker Goethe mit solch einem Verhalten zu tun? Antwort: Die übliche und gewohnte Ordnung gilt auf dem Festival oftmals nicht mehr. Sonst relativ reibungslos "funktionierende" Mitglieder der Gesellschaft benehmen sich hier "wie die Sau" und niemanden interessiert es. Im Gegenteil: Derartiges Verhalten wird in Wacken eher noch goutiert. Und an der Stelle kommt auch Goethe ins Spiel, denn wie schrieb der im "Faust":

"Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"

Auszeit vom geregelten Leben

Autos, Zelte, Müll und Fans © NDR
Ruhe während des Sturms - der Campingplatz während des Festivals.

Wenn Besucher schon am Montag anreisen, obwohl das Festival erst Donnerstag beginnt, wird eines deutlich: Hier nehmen Menschen sich eine Auszeit vom geregelten Leben in der Gesellschaft. Sich endlich mal ohne Zwänge bewegen. Sich endlich mal nicht von Mitmenschen be- oder verurteilt wissen, für das, was man macht, oder eben nicht macht. Insofern ist das Wacken Open Air anderen Veranstaltungen nicht ganz unähnlich, die mit Heavy Metal so gar nichts zu tun haben, beispielsweise sei hier nur die "fünfte Jahreszeit" der Karnevalsfreunde genannt. Überhaupt: Auf dem Festivalgelände geben sich im Unterschied zu früher viele Besucher ein Stelldichein, die wenig oder gar nicht nach Heavy Metal aussehen, dafür aber im "Getümmel" in lustigen Verkleidungen unterwegs sind und den Spaßmacher rauslassen.

Entfaltung hat ihren Preis

Der hohe Stellenwert der freien Entfaltung auf dem Festival hat jedoch seinen Preis - und zwar im wortwörtlichen Sinn: Händler aller Art machen sich die hohe Anziehungskraft des Wacken Open Air zunutze und verlangen für ihre Waren teils astronomische Preise. So kostet dann ein Steak im Brötchen eben mal fünf Euro, der Eintritt zum Merchandise-Zelt - das Besucher ohnehin nur betreten, um Geld für T-Shirts und anderes auszugeben - hat schon 1999 fünf Mark gekostet und das unter Umständen sehr nötige Bier gibt es auch nicht gerade für Kumpelpreise. Solche Preistreiberei wird dann wohl oder übel von den Besuchern in Kauf genommen. Aber in Wacken zählen nun mal ganz andere Werte, und so lässt man die eigentlich intakten Schuhe eben auch mal neben einer Schlammpfütze liegen. Hätte Goethe bestimmt nicht anders gemacht.

Dieses Thema im Programm:

06.08.2016 | 00:00 Uhr