Zensus: Flensburg und seine 6.500 verschwundenen Einwohner

Stand: 24.06.2024 05:00 Uhr

Genau zehn Jahre ist es her, dass letztmals Ergebnisse einer Volkszählung präsentiert wurden. In vielen Kommunen sorgten sie für Unruhe. Besonders Flensburg war betroffen und ging sogar vor Gericht. Nun wird mit Spannung auf den neuen Zensus gewartet.

von Frank Goldenstein

Am Dienstag werden die Ergebnisse des Zensus 2022 präsentiert. Die sollen verlässliche Bevölkerungs- und Wohnungszahlen für Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und die Allgemeinheit liefern. Für Kommunen und Städte geht es auch um viel Geld. Denn von der Einwohnerzahl hängt unter anderem die Höhe der Finanzzuweisungen des Landes ab.

Der letzte Zensus versetzte Flensburg in Schockstarre

Besonders im Flensburger Rathaus warten sie gespannt auf die neuen Zensusdaten. Denn beim letzten Mal kam es - zur großen Verwunderung aller Stadtverantwortlichen - zu einer riesigen Diskrepanz. Zur Zeit der Volkszählung, die im Mai 2011 stattfand, zählte das Flensburger Melderegister damals 88.807 Einwohner. Das Ergebnis beim Zensus aber lautete: 82.258.

Rund 6.500 Menschen verlor die Stadt damit auf einen Schlag. Ein Minus von 7,3 Prozent. Keine Stadt in Schleswig-Holstein hat durch den Zensus so viele Bürger verloren wie Flensburg. Der damalige Bürgermeister Simon Faber (SSW) monierte deshalb: "Wir wüssten schon gerne, wo diese 6.500 Menschen bitte schön hingewandert sind. Wir haben ein sehr gut geführtes Melderegister. Wir wähnen uns als wachsende Stadt mit knapp 90.000 Einwohnern. Das Ergebnis des Zensus harmoniert damit nicht."

Nicht nur eine Frage der Ehre, sondern eine des Geldes

Für Flensburg ging es nicht nur um Prestige. An den Zahlen orientiert sich der Finanzausgleich für Kommunen und Städte. Je Einwohner etwa 1.000 Euro. "Je nach Berechnung gehen uns so bis zu sieben Millionen Euro durch ein solches Ergebnis durch die Lappen. Auch das ist natürlich schon ein Grund, deutlich zu hinterfragen, ob die Methodik glaubhaft ist oder nicht", kritisierte der damalige Oberbürgermeister Faber die Berechnungen des Bundesamts für Statistik.

Der Knackpunkt damals: Bei Kommunen unter 10.000 Einwohnern gab es bei der Volkszählung 2011 eine Einzelfallprüfung, es wurde also ganz genau hingesehen. Aus Kostengründen und um die Bevölkerung weniger zu belasten, wurde bei Kommunen über der 10.000er-Grenze nur eine Stichprobe gemacht. Es wurden zehn Prozent der Bewohner befragt und das Ergebnis dann auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

In Flensburg bedeutete das damals, dass rund 8.000 Menschen befragt wurden. Davon haben die Zähler an mehr als 700 Adressen keine Menschen angetroffen - sogenannte Karteileichen. Die Stadt erklärt sich das unter anderem damit, dass einige Klingeln und Haustüren in Flensburg in Hinterhöfen oder Nebenstraßen versteckt sind - die Zähler sollen dort nicht immer nachgeschaut haben und bei den Adressen an den Hauptstraßen geblieben sein, so die Stadt.

Flensburg braucht vor Gericht einen langen Atem

Wie viele anderen Kommunen und Städte auch reichte Flensburg schließlich im März 2016 eine Klage gegen den Zensus beim Verwaltungsgericht in Schleswig ein. Genauer gesagt gegen die Feststellung der amtlichen Einwohnerzahl durch das Hochrechnen der Karteileichen auf die Gesamtbevölkerung. Flensburg gründete seine eigenen Zahlen deshalb weiterhin auf die Ergebnisse der Volkszählung von 1987.

Hamburg und Berlin hatten ebenfalls geklagt und die Grundlage der Zählung bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gebracht. Scheiterten aber mit ihrer Klage gegen den Zensus. Die Richter in Karlsruhe entschieden 2018, die Volkszählung erfolgte verfassungsgemäß. Ein Jahr später wiesen die Schleswiger Richter auch Flensburgs Klage ab. Unter anderem mit der Begründung, dass die Stadt keine Klagebefugnis habe und die Klage außerdem unbegründet sei.

Flensburg legte dagegen Berufung ein. Der Antrag auf Zulassung der Berufung liegt derzeit beim 4. Senat des Oberverwaltungsgericht in Schleswig. Der Fall liegt laut eines Sprechers "oben auf", ein konkreter Termin für eine Entscheidung aber stehe noch nicht fest.

Wie viele Einwohner leben heute in Flensburg?

Schaut man in die Daten des Statistikamts Nord, dann lebten Ende vergangenen Jahres 92.667 Menschen in Flensburg. Die Statistikstelle der Stadt Flensburg zählte Ende vergangenen Jahres dagegen 99.567 Menschen, die ihren Erstwohnsitz in Flensburg hatten. Weil die Stadt eben die Ergebnisse der Volkszählung von 1987 immer noch fortschreibt. Schon länger kratzt die Stadt nach ihrer Zählung an der symbolischen Marke von 100.000 Einwohnern. Erst dann dürfte sie sich Großstadt nennen.

Neuer Zensus, neues Glück?

Und vielleicht helfen ja ausgerechnet die am Dienstag erscheinenden Zahlen des neuen Zensus bei diesem historischen Schritt. Oder aber es gibt neuen Ärger. Der aktuelle Oberbürgermeister Fabian Geyer (parteilos) wollte sich vor der Bekanntgabe der neuen Zahlen auf Nachfrage von NDR Schleswig-Holstein nicht äußern. Die Stadt Flensburg wird von Dienstag an in jedem Fall neu entscheiden, ob sie die neuen Zahlen anerkennt oder wie beim letzten Mal Widerspruch einlegt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.06.2024 | 08:00 Uhr

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