Stand: 09.06.2015 12:22 Uhr  | Archiv

Neue Vorwürfe im "Friesenhof"-Skandal

von Mareike Burgschat, Marika Gantz & Jörg Hilbert

Im Skandal um die Mädchenheime der Jugendhilfeeinrichtung "Friesenhof" im Kreis Dithmarschen erheben ehemalige Bewohnerinnen neue, schwere Vorwürfe. Gegenüber Panorama 3 berichten die jungen Frauen von einem System der Unterdrückung und Erniedrigung, zu dem auch körperliche Gewalt der Erzieher gehört habe. Mädchen, die sich nicht an die Regeln gehalten hätten, seien demnach gepackt, "auf den Boden geklatscht" und mit dem Knie des Erziehers weiter in Schach gehalten worden. Immer wieder seien Betreute einem gezielten Schlafentzug ausgesetzt worden. Einige Mädchen seien tagelang mit Sprechverbot von jeglichem Kontakt zu anderen Menschen isoliert worden.

Kollektivstrafe "Aussitzen"

Panorama 3 hat in den vergangenen Tagen mit mehr als 20 Mädchen gesprochen, die zwischen 2008 und 2014 im "Friesenhof" untergebracht waren. Sie alle berichten von ähnlichen Schikanen und erniedrigenden Erziehungsmethoden: Demnach mussten sich Mädchen bei der Ankunft im Heim nackt ausziehen.

Teilweise gab es wochenlang dasselbe ungewürzte Essen. Regelmäßig seien die Mädchen zu zwangsweisem Sport angetrieben worden. Das fand teilweise mitten in der Nacht statt, so dass die Mädchen aus dem Schlaf gerissen wurden. Bei der Kollektivstrafe "Aussitzen" habe die ganze Gruppe stunden-, teilweise tageweise stumm beisammen sitzen müssen, bis ein Mädchen ein vermeintliches Vergehen gestanden habe.

Zitate der Betroffenen:

 

Denise über das "auf den Boden klatschen": "Dann hat er mich auf den Boden gelegt, hat meine Hand nach hinten gedreht und dann lag ich da fünf Minuten, zehn Minuten, bis ich gesagt habe: Okay, ich mache es jetzt."´

Telefonate mitgehört und Briefe geöffnet

Barbara Janssen, die Heimleiterin des Jugendheims "Friesenhof"
Barbara Janssen, Heimleiterin im "Friesenhof", bestreitet einige der Vorwürfe.

Die Betreiberin des Friesenhofes, Barbara Janssen, bestätigte gegenüber Panorama 3, dass Telefonate mitgehört und Briefe geöffnet worden seien. Außerdem seien aggressive Mädchen zu ihrem eigenen Schutz festgehalten worden. Alle weiteren Vorwürfe bestreitet sie: Diese Maßnahmen hätten so nicht stattgefunden.

Betriebserlaubnis entzogen

Der Kriminologe und Sozialpädagoge Prof. Michael Lindenberg von der Evangelischen Fachhochschule Hamburg warnt hingegen davor, die Aussagen der Mädchen einfach als Lüge abzutun. "Wenn Kinder so etwas sagen, dann gehen wir zunächst einmal davon aus, dass sie lügen. Das ist aber eine falsche Vorstellung. Kinder lügen genauso viel und genauso wenig wie Erwachsene."

Mittlerweile hat das Landesjugendamt zwei der zum "Friesenhof" gehörenden Einrichtungen die Betriebserlaubnis entzogen. Als Gründe wurden unzureichendes Fachpersonal und inakzeptable pädagogische Methoden angegeben. Vorangegangen war eine Überprüfung durch das Landesjugendamt. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe prüft den "Friesenhof" und sein Personal auf Vergehen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.06.2015 | 21:15 Uhr

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