Stand: 06.10.2018 05:00 Uhr

Gänsemarkt Neumünster: Vom Teich zur Einkaufsgalerie

Bilder von früher im Vergleich mit Fotos von heute - möglichst aufgenommen von exakt derselben Position: Das ist das zentrale Element der Serie "Schleswig-Holstein früher und heute". So wollen wir den Wandel der Städte im nördlichsten Bundesland dokumentieren. NDR Autoren tauchen in die Stadtarchive ein. Dabei fördern sie persönliche Geschichten und historische Aufnahmen zu Tage, die teilweise in großem Kontrast zur Gegenwart stehen. Ein interaktiver Foto-Vergleich macht das besonders deutlich.

von Anne Passow

Es rumst und kracht: Schlagbohrer arbeiten sich durch die Wände, Bagger reißen Gebäudereste nieder. Ralp Godbersen verkauft derweil Kreuzfahrten, Familienurlaube, Paarreisen. Die letzten Monate, die sein Reisebüro am Gänsemarkt im Neumünster steht, arbeiten Godbersen und seine Kollegen unter erschwerten Bedingungen. 2014 und 15 werden dort fast alle Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, um den Platz neu zu gestalten und dort ein Einkaufscenter zu bauen.  "Vorne haben wir Reisen angeboten, hinten wurde das Gebäude schon abgerissen", erinnert sich der Geschäftsführer des heutigen Reisebüros.

Eine historische Aufnahme des Martin-Martens-Platzes in Neumünster. © Archiv Alfred Heggen Foto: Annes Passow Eine heutige Aufnahme des Martin-Martens-Platzes in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

1939 machen die Nationalsozialisten den Gänsemarkt zum Martin-Martens-Platz. Heute steht dort die Holsten-Galerie. (Mit dem Schieberegler auf diesem und den weiteren Bildern können Sie die Stadt von früher und heute vergleichen. Verschieben Sie den Regler einfach mit der Maus oder dem Finger auf Smartphone und Tablet.)

Vom Teich zum Platz

Es ist nicht die erste Veränderung, die der Gänsemarkt erlebt. Die Geschichte Neumünsters hat hier ihre Spuren hinterlassen. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit ist dort, wo heute der Platz ist, eine Ausbuchtung des Mühlenteiches. Kutscher spannten ihre Pferde aus, um sie zu tränken. "Das Leben spielte sich lange vor allem auf dem Klein- und dem Großflecken ab", erzählt Alfred Heggen. Der pensionierte Gymnasialdirektor verfasst historische Bücher zu Neumünster. Nun steht der 68-Jährige auf dem Gänsemarkt und erzählt die Geschichte dieses Platzes - die erst recht spät beginnt.

Eine historische Grafik des Großflecken in Neumünster. Auf dem Platz tummeln sich viele Marktbesucher © Archiv Alfred Heggen Eine aktuelle Aufnahme des Großflecken in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

1902 spielt sich das Leben in Neumünster vor allem auf dem Großflecken ab. Hier findet damals - wie auch heute wieder - regelmäßig der Markt statt. Aktuell bewegt die geplante Umgestaltung des Großfleckens die Gemüter in Neumünster.

1834 bauen Arbeiter die Chaussee von Kiel nach Altona fertig, schütten die Ausbuchtung des Teiches zum großen Teil zu. Der Gänsemarkt entsteht. Knapp 100 Jahre später wird der Gänsemarkt Schauplatz eines dramatischen Vorfalls. "Neumünster war damals eine Stadt, in der Nationalsozialisten und Kommunisten häufiger in Straßenkämpfen aneinandergeraten sind . Am Abend des 11. November 1931 hat hier ein Mitglied der KPD einen SS-Mann  erschossen", erzählt Heggen. Der KPD-Mann wird verurteilt, kommt ins Konzentrationslager, was er übrigens überlebt. Den Platz, der bis dahin keine große Bedeutung hat, machen die Nazis 1939 - zu Ehren des erschossenen SS-Mannes - zum Martin-Martens-Platz. "In der Mitte war ein Stein mit einem Hakenkreuz", berichtet Heggen.

Engländer bauen Hakenkreuz wieder ab

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Ralph Godbersen steht auf dem Gänsemarkt. Dort, wo jetzt die Bäckerei ist, befand sich einst sein Reisebüro.

Dann verliert Deutschland den Krieg. Die Engländer kommen. "Die haben das Hakenkreuz natürlich sofort wieder abgebaut und den Platz erstmal nach einem englischen Offizier benannt", so Heggen. 1946 dann wird der Gänsemarkt wieder zum Gänsemarkt. 1982 bekommt er die Gänseliesel, eine Bronzemagd, die zwei Gänse füttert. Trotzdem: Die Bronzestatur ist bis heute das Wahrzeichen des Platzes.

Eine historische Grafik der Vereinsbank am Teich in Neumünster. © Archiv Alfred Heggen Eine heutige Aufnahme der Vereinsbank am Teich in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

1915 schaut man über die Schwale noch auf das schlossartige Gebäude der Vereinsbank. Heute steht dort Karstadt.

Neumünsteraner lieben die Gänseliesel

"Die Neumünsteraner indentifizieren sich mit der Gänseliesel", sagt Ralph Godbersen und erzählt, dass es einen Aufschrei in der Stadt gibt, als die Statur nach dem Bau der Holstengalerie zwar wieder aufgebaut wird, allerdings verkehrt herum. "Sie guckte Richtung Commerzbank, vorher war es die andere Richtung gewesen", erinnert sich der 49-Jährige. Die Bürger kämpfen - bis die Gänseliesel im August 2016 wieder richtig herumgedreht wird. "Außerdem gibt es die Schneewette des Holsteinischen Couriers", erzählt Godbersen. Wer richtig tippt, wann der erste Schnee auf der Liesel liegen bleibt, gewinnt.

"Es war immer Bewegung drinnen"

Knapp 20 Jahre lang hat Godbersen die Gänseliesel jeden Tag vor der Nase. Solange arbeitet er in dem Reisebüro am Gänsemarkt, erlebt den Platz und die Menschen darauf tagein, tagaus mit. Godbersen sitzt in seinem Büro und blättert in alten Zeitungsartikeln zu der Courier-Passage von damals.  "Die Passage war sehr verwinkelt. Es gab viele kleine Ecken, die genutzt wurden. Es war ein Café drinnen, es war ein Teeladen drinnen, es war ein Restaurant im Keller - und die Zeitung überstrahlte alles", erzählt er. Die Verleger-Familie Wachholtz hatte nach dem Krieg das Gebäude des "Hosteinischen Courier" auf dem Gänsemarkt erbauen lassen. "Dadurch dass viele Menschen in diesem Gebäude arbeiteten, war immer Bewegung drinnen", erinnert sich Godbersen. Man trifft sich im Restaurant "Pressekeller" oder im Café "Trüffel".

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Alfred Heggen war einst Direktor des Gymnasiums Schloss Plön. Heute schreibt er Aufsätze und Bücher zur Geschichte Neumünsters.

Godbersen sitzt damals gern auf dem Vorplatz des Cafés in der Sonne und trinkt seinen Kaffee. "Es war ein kleines, niedliches Café. Das haben viele in Neumünster lange vermisst, als es dann weg war." Er erinnert sich auch an das Passagenfest, das Jahr für Jahr viele Menschen auf den Gänsemarkt und die die Passage brachte. "Und demonstriert wurde auch immer viel auf dem Gänsemarkt. Direkt vor unserem Büro. Rechts, links, es war immer was los." Zwei große Verkehrsstraßen, die Christianstraße und der Kuhberg, führen bis heute direkt an dem Platz vorbei. Trotzdem sei der Gänsemarkt, im Vergleich zum Großflecken, immer der gemütlichere Platz gewesen, so Godbersen.

Eine historische Grafik des Kleinflecken in Neumünster. Auf dem Platz vor der Kirche steht ein Mann in Uniform. © Archiv Alfred Heggen Eine aktuelle Aufnahme des Kleinflecken in Neumünster. Auf dem Platz vor der Kirche stehen viele Autos. © NDR Foto: Anne Passow

Die Vicelinkirche am Kleinflecken wird zwischen 1829 und 1834 gebaut. Die Gegend um die Kirche hat sich über die Jahre sehr verändert - wie das undatierte historische Foto im Vergleich mit der aktuellen Aufnahme zeigt.

Plötzlich soll alles abgerissen werden

Als die Stadt 2013 knapp entscheidet, den Gänsemarkt umzugestalten und die Holstengalerie zu bauen, ist das für die Menschen, die seit Jahren auf dem Platz arbeiten, eine zwiespältige Nachricht. "Da hat man schon eine kleine Träne vergossen", erinnert sich Godbersen. "Das Passagen-Gebäude war nie schön, es war verwinkelt und energetisch eine Katastrophe. Aber das Leben, das drinnen war, die Menschen, das war schon toll." Für Godbersen bedeutet die Entscheidung der Stadt vor allem, dass er sein Reisebüro auf dem Platz aufgeben muss. "Wir mussten überlegen: Was machen wir jetzt, wohin gehen wir?" Am Ende entscheidet er sich, zwei Standorte aufzumachen: Ein Reisebüro steht heute in der Wittorfer Straße, ein weiteres in der Holstengalerie. Ein kleines Wagnis. "Aber es hat sich ausgezahlt", freut sich Ralph Godbersen.

Eine historische Aufnahme des wiederaufgebauten Verlagshauses in Neumünster. © Archiv Alfred Heggen Eine heutige Aufnahme des wiederaufgebauten Verlagshauses in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

Um 1956 ist das wiederaufgebaute Verlagshaus Mittelpunkt des Gänsemarkts. Heute steht an dieser Stelle die Holsten-Galerie. Die Commerzbank ist geblieben.

Auch heute gibt es wieder ein Café

Oft legte er den kleinen Fußmarsch zwischen seinem Büro in der Wittorfer Straße und dem Gänsemarkt zurück - um sein zweites Reisebüro in der Holstengalerie zu besuchen, um zum Friseur zu gehen, um Mittag zu essen. In dem Einkaufszentrum gibt es schließlich ein internationales Angebot. "Ich hätte früher nie gedacht, dass man hier in Neumünster gut indisch essen kann", sagt Godbersen. Oft sitzt er auch heute auf dem Gänsemarkt auf dem Vorplatz eines Cafés in der Sonne und trinkt Kaffee. Es ist nicht mehr das Café Trüffel, es ist der Bäcker Adresen.

Eine historische Grafik der Straße am Teich in Neumünster. © Archiv Alfred Heggen Eine heutige Aufnahme der Straße am Teich in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

Um 1900 ist die Straße "Am Teich" noch gepflastert. Heute brausen Autos über eine asphaltierte Straße.

Dort, wo der Bäcker heute seine Brötchen und seinen Kuchen verkauft, stand früher sein Reisebüro. Wehmut überkommt Godbersen trotzdem nicht. Die Zeit sei schön gewesen, aber er sei froh, seine beiden Reisebüros jetzt in modernen Gebäuden untergebracht zu haben.  Godbersen mag den Gänsemarkt von heute. Das Einkaufscenter Holstengelaerie passe sich gut in die Stadtarchitektur ein. "Und die Holstengalerie hat für eine Belebung des Gänsemarkts gesorgt. Das hat sich alles sehr positiv entwickelt", so Godbersen.

Eine Grafik des Kuhbergs in Neumünster um 1900. © Archiv Alfred Heggen Eine heutige Aufnahme des Kuhbergs in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

Auf dem Kuhberg flanieren um 1900 noch die Neumünsteraner. Heute fahren hier Autos. Fußgänger nehmen die Ampel.

Stolz auf die Stadt

Alfred Heggen findet, das gilt für ganz Neumünster. Als er vor 40 Jahren in die Stadt zieht, ist die noch durch Industriebrachen geprägt. Die Tuch- und Lederindustrie prägt das Stadtbild Jahrzehnte lang. "Mein erster Eindruck damals war: furchtbar. Neumünster hat wirklich viele hässliche Ecken gehabt", erinnert er sich. Ralph Godbersen hat ähnliche Erinnerungen an das frühere Neumünster. "Ich bin hier geboren und habe lange gedacht: Das Wichtigste ist, Du kommst hier weg."

Eine historische Grafik des Rathauses in Neumünster. © Archiv Alfred Heggen Eine aktuelle Aufnahme des Rathauses in Neumünster. © NDR Foto: Anne Passow

Das Alte Rathaus wird Ende des 19 Jahrhunderts im Stil der Neugotik gebaut. Das Bild zeigt das Bauwerk etwa im Jahr 1905. Im Raatssaal werden auch heute noch offizielle Empfänge ausgerichtet.

Weg wollen heute weder Heggen noch Godbersen aus ihrer Stadt. "Neumünster hat in den letzten Jahren wirklich einen Schub bekommen", sagt Godbersen und zählt auf: Die Holstengalerie, das Designer Outlet-Center, die Holstenhallen mit ihren Pferdeshows, die Logistikunternehmen, das Milchpulverwerk, das Kino, die Schulen, die vielen Kösten und kulturellen Veranstaltungen der Stadt. "All das trägt dazu bei, dass man sich heute mit Neumünster identifiziert", sagt Godbersen. "Heute kann man stolz sein auf diese Stadt."


06.10.2018 17:01 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels gab es fehlerhafte Angaben, auf die wir dank vieler Hinweise aufmerksam geworden sind. Wir haben den Artikel entsprechend verändert.

 

Weitere Informationen

Schleswig-Holstein früher und heute

Autoren von NDR Schleswig-Holstein besuchen Städte, um deren Wandel zu dokumentieren. Zentrales Element ist ein interaktiver Foto-Vergleich. Alte Aufnahmen stehen in großem Kontrast zur Gegenwart. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 05.10.2018 | 20:05 Uhr

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