Sendedatum: 18.09.2012 21:15 Uhr  | Archiv

"Ausländer raus!" - Hetze gegen Flüchtlingsheim

von Anna Orth, Anne Ruprecht, Djamila Benkhelouf
Wolgast - Garffity an eriner Wohnsiedlungswand
"heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigen Land" - die Stimmung in Wolgast rückt nach rechts außen.

Drei kleine Kinder spielen auf dem Rasen, tanzen zu Musik, die aus einem geöffneten Fenster auf den Hof dringt. Ein Idyll - auf den ersten Blick. Bei genauerem Zuhören versteht man: es ist ein rechtsradikaler Song mit fremdenfeindlichem Inhalt, der da aus einem Plattenbau in Wolgast ertönt. Die Kinder verstehen den Text nicht. Sie sind Flüchtlinge und erst seit Kurzem in Deutschland.

 

VIDEO: Hetze gegen Flüchtlingsheim (10 Min)

Kein herzliches Willkommen

Die Flüchtlinge sind nicht willkommen in der Plattenbausiedlung, die ihnen die Kreisverwaltung unlängst als Unterkunft zugewiesen hat. Zunächst 24 Asylbewerber, darunter viele Familien, sind vor rund drei Wochen dort eingezogen. Dafür wurden einige Mieter in benachbarten Blocks untergebracht, und das sorgte bereits vor dem Einzug für böse Kommentare. Von "Luxus-Sanierung" ist die Rede, davon, dass die Neuankömmlinge alles sofort neu bekommen, wofür die Einheimischen, darunter viele Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger, bei den Ämtern lange betteln müssten. Die NPD macht sich die ablehnende Stimmung zu Nutze, befeuert mit Flugblättern und Kundgebungen vor Ort die ausländerfeindliche Stimmung. Irgendwann ziert der Spruch "heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigen Land" die Wand des Blocks.

"Unterbringung mitten im Leben"

Wolgast - Siedlung
Luxusunterkunft? In dieser Siedlung sind die Flüchtlinge untergebracht.

Dabei sind die Räume für die Neuankömmlinge mehr als karg: zwei Tische, vier Stühle, Etagenbetten aus Stahl, Metallspinde als "Wohnzimmerschränke": Luxus sieht anders aus. Und auch draußen herrscht Tristesse. Viele Bewohner der Plattenbauten sind zum Teil schon seit Jahren arbeitslos, der Aufschwung Ost, hier jedenfalls ist er nie angekommen.

Doch die Kreisverwaltung verteidigt ihre Entscheidung, nennt es eine "Unterbringung mitten im Leben". Endlich würden die Asylbewerber im deutschen Leben integriert und nicht irgendwo abseits untergebracht. Die Anfeindungen würden sich bislang durchaus  im "Rahmen des Normalen" abspielen. "Rostock-Lichtenhagen wird sich nicht wiederholen" sagt der Wolgaster Bürgermeister, der die Entscheidung des Landkreises vor Ort umsetzen muss, der Reporterin im Film und fügt nach einer Pause hinzu: "hoffentlich, hoffentlich".

 

Weitere Informationen
In Wolgast protestieren Demonstranten mit einem Laternenumzug gegen Rechtsextremismus und Rassismus. © dpa - Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Wolgast: Stadt im Kampf gegen Nazis

Mehr als 1.100 Menschen stellten sich im November 2012 in Wolgast einem Nazi-Aufmarsch entgegen. Seit Wochen kämpft die Stadt gegen den Ruf, ausländerfeindlich zu sein. mehr

Ein Hakenkreuz-Gaffitti in einem Kameradisplay. (Montage) © NDR, fotolia Foto: Christine Raczka, nikkytok

Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 18.09.2012 | 21:15 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/wolgast115.html

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Schwerin: Ein Radfahrer ist zwischen den Staatlichen Museum (r) und dem Mecklenburgischen Staatstheater (l) unterwegs. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner

Corona-Regeln: Das müssen Sie wissen

Alles, was Sie rund um die ab dem 2. November geltenden Corona-Einschränkungen wissen müssen. mehr

Manuela Schwesig im Landtag Mecklenburg-Vorpommern

Livestream: Regierungserklärung zu Corona-Maßnahmen in MV

Im Landtag spricht Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) über die neuen Corona-Maßnahmen in Deutschland Video-Livestream

Grafik mit der aktuellen "Corona-Ampel" für Mecklenburg-Vorpommern. © NDR

Corona in MV: 148 neue Infektionen, 2.486 insgesamt

Die meisten Neuinfektionen gibt es in Vorpommern-Greifswald. Dort steigt die Inzidenz auf den kritischen Wert von 52,8. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Vorpommern-Greifswald erstes Corona-Risikogebiet in MV

Der Sieben-Tages-Inzidenzwert stieg auf 52,8. Damit können weitere Kontaktbeschränkungen in Kraft treten. mehr