Stand: 10.01.2014 15:25 Uhr  | Archiv

Vom "Judenschloss" zur Nachwende-Ruine

Florierender Betrieb als FDGB-Ferienheim

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Christian Mothes war früher Oberkellner in der "Baltic". Unter dem Dach hatte er sein Angestellten-Zimmer.

Nach dem Krieg bleibt der von den Nazis geschaffene neue Ortsname bestehen. Und auch die frühere Villa Hausmann behält ihre angestammte Funktion als Ferienhaus. Nach jüdischen Akademikern und NS-Schauspielern verbringen - nach einem kurzen Intermezzo als sowjetisches Lazarett - jetzt DDR-Bürger ihren Urlaub im "Kurt-Bürger-Erholungsheim" des "Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes" (FDGB). Unter gewandelten politischen Vorzeichen bleibt auch das Unrecht, das den ursprünglichen Besitzern angetan wurde, bestehen: "Erst haben es die Nazis enteignet, dann haben es die Russen enteignet, dann hat es die DDR enteignet. Enteignet worden ist das Haus doch laufend", sagt Christian Mothes.

Er betreibt heute ein Hotel in Kühlungsborn. In den 1980er-Jahren arbeitete er als Oberkellner in der "Baltic". Seine Erinnerungen an diese Zeit sind voller Anekdoten und kritischer Anmerkungen zum Umgang der DDR mit der Vergangenheit der Villa: "Die Leute haben nach der Geschichte des Hauses gefragt. Aber das mit den mehrfachen Enteignungen konnte man zu dieser Zeit natürlich nicht sagen. Nur die Nazis haben das gemacht, die Kommunisten haben das doch nicht getan. Die haben das doch dem Volk übergeben."

Lange Schlangen für Schweinesteaks für 3,75 Mark

Das Volk kam jedenfalls tatsächlich in Scharen: Auf der Marmortreppe habe sich jeden Tag eine lange Schlange gebildet, erzählt Mothes. Dank staatlich festgelegter Preise für Essen und Trinken sei der Restaurantbesuch erschwinglich gewesen: "Es gab Steaks für 3,75 Mark, Soljanka für 1,65 Mark, Kännchen Kaffee für 1,98 Mark und Schokotorte für 1,45 Mark." Während der Wendezeit muss der FDGB wegen ausbleibender staatlicher Gelder Insolvenz anmelden. Die Villa schließt - und Mothes verliert seinen Job: "Wir haben noch eine Mahnwache gemacht, haben um unsere Arbeitsplätze gekämpft, obwohl wir wussten, das bringt alles gar nichts mehr."

Leerstand und Verfall nach der Wende

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Ein Teil der Balkonbrüstung ist vor Jahren herausgebrochen. Seit der Wende leidet die Villa unter der Vernachlässigung.

Nach der Wende erfährt die Villa Baltic ein Schicksal, das symptomatisch für viele derartige Groß-Objekte in Ostdeutschland ist: Die Stadt verkauft das Gebäude in den 1990er-Jahren einmal für eine Mark. Versuche der neuen Besitzer, ein Café oder eine Disko zu betreiben, scheitern dennoch. Mothes hatte selbst auch einmal kalkuliert, ob es sich für ihn lohnen könnte, seine alte Wirkungsstätte zu kaufen. Sein Fazit: "Das rechnet sich nicht. Mit einem Café kannst du das Haus nicht unterhalten. Die Kosten sind einfach zu hoch." Das Gebäude geht zurück an die Stadt.

Dann wird 70 Jahre währendes Unrecht wieder gutgemacht und die Villa an die Jewish Claims Conference übergeben, die früheres Vermögen enteigneter Juden und ihrer Erben geltend macht. Die Institution verkauft das Gebäude 2003 - der Investor geht allerdings pleite. Die Villa steht seitdem leer und verfällt. Die Hoffnungen richten sich jetzt auf den Brandenburger Augenarzt Mathias Wagner, der das Gebäude vor einigen Jahren erworben hat. Er interessiert sich - als einziger Investor - zudem für die benachbarte, seit 2003 geschlossene Meerwasserschwimmhalle. Sein Plan: Über dem Schwimmbad sollen luxuriöse Hotelzimmer entstehen und so einen rentablen Betrieb auch der Villa ermöglichen. Die Stadtvertretung Kühlungsborn hat diesem Plan bereits zugestimmt, da Wagner im Gegenzug aus eigenen Mitteln den Wiederaufbau und künftigen Betrieb der öffentlichen Schwimmhalle finanzieren will. Allerdings gibt es immer noch keine Baugenehmigung. Stadtvertreter und der Förderverein für den Wiederaufbau der Schwimmhalle werfen dem Bürgermeister eine Hinhaltetaktik vor.

Noch also dämmert die Villa im tiefen Dornröschenschlaf vor sich hin. Beim Rundgang um die Villa denkt Mothes wehmütig an die Zeit zurück, als er noch sein kleines Zimmer unter dem Dach hatte und das Haus in alter Pracht erstrahlte. "Das tut einem so in der Seele weh. Das Haus ist zwar mit diesen Graffiti beschmiert, aber es ist immer noch so schön, ein Traumhaus!"

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 30.10.2013 | 19:30 Uhr

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