Stand: 04.06.2015 21:00 Uhr  | Archiv

Unhaltbare Zustände in Flüchtlingsheim in MV?

Sie kommen aus Krisengebieten wie der Ukraine, Syrien, Afghanistan und Tschetschenien: Flüchtlinge, die in Greifswald leben. Einige sind in Wohnungen untergebracht, rund 150 leben in der Gemeinschaftsunterkunft. Nun haben mehrere Flüchtlinge den Reportern Dörte Rochow und Matthes Klemme aus dem NDR Vorpommernstudio von den unzumutbaren Zuständen in dem Heim berichtet: von katastrophaler Hygiene auf den Gemeinschaftstoiletten und in den Küchen, von Gewalt untereinander und Selbstverletzungen.

Handyvideos wurden Reportern zugespielt

Manche Bewohner haben auch Angst vor einer bestimmten Betreuerin. Ähnliches erzählten auch ehemalige Heimbewohner, die jetzt dezentral untergebracht sind. Die Asylbewerber in der Unterkunft, die European Homecare im Auftrag des Landkreises betreibt, wird von vier Mitarbeitern betreut. Nachts ist ein einzelner Wachmann im Haus.

Den Reportern wurden Handyvideos zugespielt, in denen verdreckte Toiletten zu sehen sind oder auch Elektroherde, die innen offenbar seit langer Zeit nicht saubergemacht wurden. Auf einem Video ist sogar ein Flüchtling zu sehen, der sich selbst verletzt haben soll und stark blutet. Ob die Videos gestellt wurden oder ob sie den Tatsachen entsprechen, ist schwer zu überprüfen, deshalb haben die NDR Reporter mit dem Betreiber European Homecare und dem Kreis Vorpommern-Greifswald als Träger gesprochen, um Genaueres über die Situation in der Gemeinschaftsunterkunft zu erfahren.

Kreissprecher überrascht von den Details im Heim

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Achim Froitzheim, der Sprecher des Landkreises, betont, dass der Kreis das Heim regelmäßig kontrolliere.

Die Videos, die die Reporter dann Achim Froitzheim, einem Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald, gezeigt haben, machten auch ihn zunächst sprachlos. Dem Kreis sei der Vorfall mit der Selbstverletzung Ende April nicht bekannt gewesen, sagte Froitzheim und betonte, dass der Kreis regelmäßig diese Einrichtung - auch unangemeldet - prüfe und kontrolliere.

European Homecare verteidigt die Umstände

Der Sprecher des Unternehmens European Homecare, Klaus Kocks, kam vergangene Woche aus Berlin nach Greifswald ins Flüchtlingsheim. Er wollte sich die Videos nicht anschauen, da er meinte, dass sie produziertes Material für die Presse seien. Die verdreckten Toiletten und Küchen seien "politische Willensbekundungen". Offenbar meint er damit, dass die Flüchtlinge die sanitären Anlagen selbst verdrecken und sie dann filmen, um in eine dezentrale Unterbringung zu kommen.

Unternehmenssprecher stellt sich vor Mitarbeiter

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Klaus Kocks, der Unternehmenssprecher von European Homecare findet, dass im Vergleich zu anderen Heimen die Greifswalder Unterkunft noch sehr gut sei.

Der Sprecher hat sich auch schützend vor die Mitarbeiter des Heims gestellt. Es sind drei Sozialbetreuer und eine Sozialpädagogin, die dort arbeiten. Sie müssten sich immer wieder durchsetzen vor allem gegen Männer aus anderen Kulturkreisen, so der Sprecher, eine extreme Ausnahmesituation mit den 150 Menschen unterschiedlichster Nationalitäten. Aber im Vergleich zu anderen Heimen sei die Greifswalder Unterkunft noch sehr gut, ergänzte er.

Nach langem Hin und Her zeigte der Sprecher von European Homecare den Reportern, die eine Drehgenehmigung vom Kreis hatten, die Gemeinschaftsräume, führte die Reporter durch das Haus und zeigte die sanitären Anlagen.

"Sehr unappetitlich"

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Die Sanitärbereiche seien katastrophal und es rieche stark nach Urin, berichtet der NDR Reporter.

Der Reporter Matthes Klemme beschreibt seine Eindrücke vom Besuch so: "Auch wenn die Toiletten geputzt gewesen sein sollen, ich hätte sie nicht benutzen wollen. Es roch dort sehr nach Urin. An Hocktoiletten, die in den Boden eingelassen sind, fehlen Fliesen, da könnten sich Kinder an den scharfen Kanten verletzen. In einem Pissoir stand das Wasser, bei einem anderen war der Abfluss lose. In den Duschen fehlten einige Duschköpfe. Die Küchenherde waren dreckig, die Backöfen innen mit dicken, schwarzen Krusten überzogen, also sehr unappetitlich." Dort machen zwar Flüchtlinge zweimal am Tag für 1,05 Euro sauber, was die Mitarbeiter auch kontrollieren sollen, aber nach Aussagen von Asylbewerbern wird dort nur oberflächlich geputzt.

Am Mittwochabend besuchten die Reporter noch einmal das Heim, angemeldet, aber ohne Kamera. Zu diesem Zeitpunkt sahen die Küchen sauber aus und auch das Eingebrannte an den Herden war gewienert. Am Donnerstag fand dort ein Treffen von Kreis und European Homecare statt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 04.06.2015 | 19:46 Uhr

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