Stand: 15.04.2018 10:38 Uhr  | Archiv

"Ich bin ein Hauruck-Mensch"

von NDR Newcomernews
Gymnasiales Schulzentrum Fritz Reuter Dömitz © NDR Foto: NDR Newcomernews
Bärbel Bauers ist gelernte Kinderkrankenschwester, in Dömitz arbeitet sie als Schulbegleiterin.

Sie sei ein Kopfmensch und brauche Herausforderungen, sagt Bärbel Bauers, gelernte Kinderkrankenschwester. Ihre tägliche Herausforderung heißt Lorenz. Er ist 14 Jahre alt. Und hat das Asperger-Syndrom, eine angeborene, neurologische Erkrankung. Asperger hat etwas mit der Reizleitung im Gehirn zu tun, erklärt Bärbel Bauers, die anders funktioniert als bei Menschen ohne Syndrom.

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"Was ist eigentlich ein Stinkstiefel?"

Bauers arbeitet in Dömitz als Schulbegleiterin des Jungen mit Handicap. Das bedeutet: Egal ob Mathe, Deutsch oder Musik - wenn Lorenz Unterricht hat, dann ist auch Bärbel Bauers mit dabei. Sie sitzt neben ihm in der Klasse und erklärt ihm Dinge, die er nicht versteht. Zum Beispiel feste Redewendungen, die Menschen mit Asperger wörtlich nehmen. Morgenmuffel, Stinkstiefel und Hahn im Korb können richtige Fragezeichen aufwerfen. Bärbel Bauers spornt Lorenz auch an, wenn er sich nicht traut. Denn sie weiß, dass es für ihn nicht leicht ist, zur Schule zu gehen, auch körperlich: "Ziehen Sie sich mal dicke Handschuhe an und versuchen Sie dann, einen Füller zu nehmen und damit zu schreiben. So ergeht es Lorenz."

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Aus Kinderkrankenschwester wird Schulbegleiterin

Aber wie ist Bauers überhaupt zu dieser besonderen Aufgabe gekommen? Als Pfadfinderin habe sie schon früh gemerkt, dass ihr die Arbeit mit Kindern Spaß macht. Erzieherin wollte sie trotzdem nicht werden - wegen schlechter Erfahrungen im Umfeld. Also lernte sie Kinderkrankenschwester. Eine Knochenerkrankung machte sie später berufsunfähig und zwang sie, eine andere Richtung einzuschlagen. Seit drei Jahren begleitet Bärbel Bauers Lorenz nun schon durch den Schulalltag. "Die Chemie bei uns beiden hat sofort gestimmt. Wir sind beide sehr stur, das hat auf Anhieb gepasst", sagt sie mit einem Lächeln.

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"Nicht zu viel von anderen erwarten"

Bärbel Bauers stammt ursprünglich aus Südbaden, die Liebe hat sie in den Norden gelockt, sie ist "verheiratet mit einem waschechten Mecklenburger". Das Elternhaus, das Leben in der Familie habe sie sehr geprägt, sagt sie: "Ich bin ja so ein Hauruck-Mensch. Ich habe drei Geschwister, bei uns zu Hause ging es immer recht laut zu. Und Mitdenken war Pflicht. Heute muss ich mich schon oft zurücknehmen, um von anderen nicht zu viel zu erwarten." Sie war ein realistisches Kind, erklärt Bärbel Bauers, die Eltern hätten sie zwar immer unterstützt, aber auch vor der Welt da draußen gewarnt. Alles im Leben, so habe sie es von zu Hause mitbekommen, hat zwei Seiten, wie bei einer Medaille.

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