Stand: 09.06.2015 15:37 Uhr  | Archiv

Explosives Strandgut: Ministerien ohne Plan

von Philipp Kafsack & Anne Ruprecht

Pünktlich zum Saisonbeginn werden seit letzter Woche im Ostseebad Boltenhagen Teile des Strandes nach alten Munitionsresten durchsucht. Ein bekanntes Problem, das entlang der Ostseeküste regelmäßig auftritt. Erst vergangenen Sommer musste auch im rund 50 Kilometer entfernten Reriknach Munition gesuchtwerden. Mitten in der Hochsaison waren hier acht Wochen lang Teile des Strandes gesperrt. Der Sand wurde aufwändig durchsiebt, dabei wurden über 1,5 Tonnen Munition und Munitionsreste geborgen. Darunter über 300 Granaten und Zünder.

Munitionsfunde

Explosives Strandgut: Ministerien ohne Plan

Von den Munitionsresten am Strand in Boltenhagen geht laut Munitionsbergungsdienst "durchaus noch eine Gefahr aus". Nun geben sich die Ministerien gegenseitig die Schuld.

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So viel Munition wird in Boltenhagen zwar nicht vermutet. Gut die Hälfte Drittel des Strandes wurden bislang durchsucht und dabei insgesamt acht Granaten und ein Zünder gefunden. Dennoch sind die Beeinträchtigungen durch die Absperrungen ärgerlich für die Touristen. Viele Besucher sehen die Munitionsfunde gelassen, dabei kann von den Überresten aber durchaus noch eine Gefahr ausgehen, so der Leiter des Munitionsbergungsdienstes Robert Molitor. Die in Boltenhagen gefundenen Kampfmittel seien zwar nicht als so gefährlich eingestuft worden, dass man sie an Ort und Stelle habe sprengen müssen. "Aber das ist immer so, dass wenn Sprengstoff drin sein kann und Munition explodieren kann, ist das immer gefährlich." Das könne auch schwerwiegende Verletzungen verursachen, so Molitor. "Hier ist es allerdings so, wenn man da nicht wirklich darauf herumhaut, dann wird sie nicht ausgelöst."

Woher stammt die Munition?

Woher die Munition im Sand stammt, darüber herrscht im Land bislang noch einige Uneinigkeit. Fest steht, dass sowohl der Strand von Boltenhagen wie auch der von Rerik 2013 verbreitert wurden und zwar über eine sogenannte Sandaufspülung. Sand, der aus der Ostsee gewonnen wird, wird vor Ort am Strand wieder aufgespült. Entnommen wurde der Sand aus einem Gebiet in der Ostsee, das als munitionsbelastet gilt, dem Abbaugebiet Trollegrund vor Kühlungsborn.

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Umweltminister Till Backhaus glaubt, dass die gefundenen Munitionsreste nicht aus der Aufspülmaßnahme stammen.

Das bringt nun Umweltminister Till Backhaus, der für die Sicherheit der Sandaufschüttungen verantwortlich ist, in Bedrängnis. Doch der Minister beteuert, der Sand sei zweimal gesiebt und mit Metalldetektoren untersucht worden, bevor er an Land kam. Ein unabhängiges Ingenieurbüro habe das Be- und Entladen des Sandes kontrolliert: "Uns liegen die Protokolle vor und auch das Unternehmen, das die Aufspülung und die Sandentnahme vorgenommen hat, hat uns noch einmal dargestellt, dass das Verfahren  aus ihrer Sicht sauber ist." Ein sicheres Verfahren,  glaubt Backhaus: "Insofern muss ich davon ausgehen, dass die Munitionsreste, die dort gefunden worden sind, nicht aus der Aufspülmaßnahme stammen." Stattdessen vermutet Backhaus, dass die Munitionsreste entweder durch eine Sturmflut angeschwemmt seien oder aus Altlasten stammen könnten, die bereits im Untergrund des Strandes gelagert und durch die Sandaufspülung nach oben befördert worden sein könnten.

Zweifel an der Theorie

Innenminister Lorenz Caffier bezweifelt diese Theorie. Seiner Meinung nach spricht alles dafür, dass die Kampfmittel erst mit dem Sand auf den Strand gespült wurden. Dabei stützt er sich auf die Untersuchung von Experten. Die in Rerik geborgenen Kampfmittel wurden von Fachleuten des Munitionsräumungsdienstes eingehend untersucht. Die Theorie von Umweltminister Backhaus, wonach sich die Munition möglicherweise schon am Strand von Rerik befand und beim Aufspülen an die Oberfläche gebracht worden sein könnte, könne man ausschließen, sagt Konrad Herkenrath, Direktor des Landesamtes für Brand und Katastrophenschutz. "Das passt von den gefundenen Munitionsresten nicht zusammen. Weil das dann neue Munition wäre, die am Strand vergraben oder gesprengt worden wäre", so Herkenrath.  Aus Sicht der Experten des  Munitionsbergungsdienstes können die Kampfmittel nicht aus bislang unbekannten Sprengstellen im Strandbereich stammen, weil es sich um verschossene Kampfmittel handele. Die gefundene Munition habe ausnahmslos so genannte  Verschuss-Spuren aufgewiesen und sei mit Muscheln bewachsen gewesen. "Die Munition kommt unseres Erachtens aus dem Trollegrund durch die Aufspülung" , schlussfolgert Konrad Herkenrath. 

Vor der Aufspülung keine Kampfmittelfunde

Diese Ansicht vertritt auch Innenminister Caffier: "Am Strand von Boltenhagen sind vor der Aufspülung keinerlei Kampfmittelfunde nachgewiesen worden, sodass ein Zusammenhang mit der Strandaufspülung offensichtlich ist." Backhaus reagierte auf die Äußerungen Caffiers und die "neuen Informationen" mit einer Erklärung. Man sei, so Backhaus,  "auch im Hinblick auf eine erfolgreiche Urlaubssaison gut beraten, wenn man sich mit allen Beteiligten an einen Tisch setze, bevor man sich das Leben mit Schuldzuweisungen schwer mache." Er lade den "zuständigen Kabinettskollegen gern zu einem Arbeitstreffen ein". Bei der Prüfung, "wie die Munitionsreste jeweils an den Strand gelangt" seien, sei nun "Eile geboten, um ein noch sichereres Verfahren gemeinsam zu entwickeln."

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.06.2015 | 21:15 Uhr

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