Stand: 13.01.2020 17:00 Uhr

Siemens-Beteiligung an Kohleprojekt: Pro und Kontra

Siemens hält trotz der vehementen Kritik von Klimaschützern an seiner Beteiligung an einem gigantischen Kohleförderprojekt in Australien fest. Dies teilte Konzernchef Joe Kaeser nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung mit.

Die NDR Info Redakteure Lena Bodewein und Ulrich Czisla haben dazu unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

Ulrich Czisla © NDR / Foto: Christian Spielmann
"Verträge sind einzuhalten", sagt Ulrich Czisla.

Ein Kommentar von Ulrich Czisla

Es ist unbestritten: Die weltweiten Anstrengungen für den Klimaschutz müssen sehr deutlich gesteigert werden, Regierungen und Industrie-Konzerne müssen deshalb in ihren Bereichen entschieden umlenken. Trotzdem hat der Siemens-Konzern sich in diesem Fall richtig entschieden! Denn es gibt gültige Verträge für die Lieferung von Signalanlagen nach Australien. Und bei aller Kritik: Verträge sind eben einzuhalten.

Zuverlässigkeit ist die Währung

Dabei geht es nur vordergründig um diesen einen Auftrag mit einem relativ mickrigen Volumen von 18 Millionen Euro, sondern es geht mit den Auftraggebern aus Australien und Indien um zwei enorm wichtige Zukunftsmärkte. Zuverlässigkeit ist die Währung, die auf künftige Handelsbeziehungen einzahlt.

Nebenbei - sich bei dem australischen Milliarden-Investitionsprojekt einen Vertrag von 18 Millionen Euro herauszupicken und genau hier einen Vertragsbruch zu fordern, weil nur so das Weltklima gerettet werden kann, handelt doch sehr willkürlich. In den vergangenen fünf Jahren hat die Bundesregierung Exporte für den Bereich Öl, Kohle und Gas mit Kredit-Garantien von fast 13 Milliarden Euro abgesichert. Wer Proteste plant, hier lohnt es sich.

Kontra

Reporterin Lena Bodewein steht mit einem Mikro vor dem Uluru in Australien © NDR
"Hier geht es um Moral", meint Lena Bodewein.

Ein Kommentar von Lena Bodewein

Was soll das denn für ein Signal sein? "Wir bei Siemens halten uns an Verträge? Dafür lassen wir die Umwelt vor die Hunde gehen?" Die Argumente des  Siemens-Chefs scheinen billig, die Entschuldigungen kleingeistig, während die Signalwirkung dieser Entscheidung immens ist. Joe Kaeser schreibt, dass es Wettbewerber um die Ausführhung der Zugsignalanlage gibt - wenn Siemens sie nicht baut, dann macht es jemand anderes. Mag sein, aber nur der Ruf von Siemens ist ruiniert. Es gebe kaum einen Weg, aus dem Vertrag auszusteigen, so Kaeser - aber seltsam, dass es anderen Firmen gelungen ist, sich aus ihren Verpflichtungen gegenüber Adani zu verabschieden.

Auf moralische Verpflichtung besinnen

Natürlich sind Verträge einzuhalten, sonst gilt ein Vertragspartner bald als unzuverlässig, aber es gibt Umstände, die einen das überdenken lassen sollten. Und die Waldbrände in Australien sind ein solcher Umstand. Hier geht es nicht um treuhänderische Pflichten, wie Joe Kaeser sie benennt, hier geht es um Moral und einen brennende Kontinent. Und wer ein Unternehmen führt, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, seinen Teil zur Rettung des Planeten beizutragen, der sollte sich auf die moralische Verpflichtung besinnen. Sonst wirkt das Ganze mit der "Rettung des Planeten" nur wie ein Deckmäntelchen.

Siemens folgt der Kohle von Adani, aber, das betont Kaeser, dafür wollen sie ein Nachhaltigkeitskomitee einsetzen, das auch die Jugend mit einbezieht. Tolle Sache (siehe Stichwort Deckmäntelchen), aber noch toller wäre ein Start dieses Komitees mit einem Ausstieg bei Adani gewesen. Das wäre ein deutliches Signal in Richtung Zukunft und Moral gewesen.

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NDR Info | Kommentar | 13.01.2020 | 17:08 Uhr