Reiner Haseloff (CDU, rechts), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bekommt Blumen von Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler

Ost-Wähler nicht unterschätzen: Was die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt

Sendedatum: 07.06.2021 17:08 Uhr

Ministerpräsident Reiner Haseloff hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt klar gewonnen: Seine CDU kommt auf 37 Prozent der Stimmen. Die AfD wurde zweitstärkste Kraft, die Grünen verbesserten sich leicht, die SPD verzeichnete ihr bisher schlechtestes Ergebnis im Land, die Linke hatte starke Verluste und die FDP kehrte nach zehn Jahren in den Landtag zurück.

Ein Kommentar von Michael Weidemann, NDR Info

NDR Info Redakteur Michael Weidemann
Der Erfolg von Haseloff ist nicht ohne Weiteres auf die CDU im Bund und in MV zu übertragen, meint Michael Weidemann.

Aus Sicht der Ostdeutschen hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein paar deutliche Signale gesetzt. Erstens: von wegen "diktatursozialisiert", wie der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz über die einstigen DDR-Staatsbürger sagt. Es mag ja sein, dass gut ein Fünftel von ihnen mit einem deutlich verfestigten autoritären Weltbild an die Wahlurnen schreitet. Vier Fünftel der ostdeutschen Wähler aber wissen sehr genau, wie man Rechtspopulismus wirksam entgegentritt: indem man für Politiker und Parteien stimmt, die demokratische Werte hochhalten.

Sachsen-Anhalter haben strategisch gewählt

Zweitens: In der Frage, wie man strategisch richtig wählt, können wir Wessis uns von den Sachsen-Anhaltern noch eine dicke Scheibe abschneiden. Denn die haben ihre Sympathien nicht etwa gleichmäßig auf das ganze Parteienspektrum verteilt. Stattdessen haben selbst Anhänger der Linken und der Sozialdemokraten den Kandidaten unterstützt, dem sie am ehesten zutrauen, ein Bollwerk gegen Rechts zu errichten und aufrechtzuerhalten.

Lehren und Anschauungsmaterial für Ost und West

Drittens: Wer wissen will, wie sich die Gesellschaft in Ost wie West verändert - und welche Auswirkungen das auf die Popularität und den Niedergang unserer Parteien hat - dem liefert das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt reichlich Anschauungsmaterial. Volksparteien? Gibt es nicht mehr! Linke Stammwähler? Werden schon rein altersbedingt immer weniger! Grüne Jung- und Wechselwähler? Kommen am Wahltag leicht ins Grübeln! Und die SPD? Bröckelt und bröselt - im Osten deutlich, im Westen etwas weniger sichtbar, über ganz Deutschland betrachtet aber anscheinend unaufhaltsam.

Erfolg von Haseloff nicht ohne Weiteres auf MV übertragbar

Die Union, scheinbar klare Gewinnerin dieser Landtagswahl, kann trotzdem nicht uneingeschränkt triumphieren. Dass das Ergebnis von Magdeburg auf das Konto von Ministerpräsident Reiner Haseloff einzahlt und nicht etwa auf das seines Landesverbandes, ist mehrfach unterstrichen worden.

Überall dort aber, wo Ende September ebenfalls neue Landesparlamente gewählt werden - in Mecklenburg-Vorpommern, in Thüringen und in Berlin - haben die Christdemokraten keine Amtsinhaber, die Stimmen von anderen Parteien abziehen. Vor allem in den beiden Flächenländern, wo die AfD in den Umfragen jeweils über 20 Prozent liegt, könnte die Wahlentscheidung der bürgerlich gesinnten Mehrheit eher der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und ihrem linken Amtskollegen Bodo Ramelow zugutekommen.

Und die gleichzeitig stattfindende Bundestagswahl? Wie die ausgehen wird: Darüber lässt sich aus dem Erfolg von Reiner Haseloff in Wahrheit nur recht wenig ablesen. Denn auch im Jahr 2021 gilt: Im Osten können Wahlen zwar verloren werden - gewonnen werden sie am Ende im Westen.

 

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NDR Info | Kommentar | 07.06.2021 | 17:08 Uhr