Stand: 08.01.2020 19:10 Uhr

Iranische Vergeltung: Fehlschlag umetikettiert?

80 Tote oder keine Opfer? Fehlschlag oder mildeste Variante der Vergeltung? Es sieht ganz so aus, dass beim Vergeltungsschlag des Iran in der vergangenen Nacht auf US-Stützpunkte im Irak niemand ums Leben kam - absichtlich oder unabsichtlich? Der Iran ist auf jeden Fall gut darin, die Angriffe als Erfolg zu verkaufen. Möglicherweise etikettiert er einen Fehlschlag einfach um.

Ein Kommentar von Karin Senz, ARD-Hörfunk-Korrespondentin

Die ARD-Korrespondentin Karin Senz. © ARD
Karin Senz kommentiert den Vergeltungsschlag des Iran.

Es ist ein Tag für Verschwörungstheoretiker: Vergeltungsschläge, Flugzeugabsturz und dann noch ein Erdbeben im Iran, alles innerhalb von ein paar Stunden. Aber der Reihe nach.

Was waren das für heftige Drohungen in den letzten Tagen. Von schwerer Vergeltung war die Rede. Noch die schwächste Variante der Rache werde ein Alptraum. Die Familien der US-Soldaten in der Region würden ihre Tage damit verbringen, auf den Tod ihrer Kinder zu warten.

Verhältnismäßig ist das nicht

Und das soll es jetzt gewesen sein? Raketenangriffe auf zwei US-Stützpunkte im Irak - wohl ohne Todesopfer. Verhältnismäßig, wie angekündigt, ist das nicht. Denn bei dem US-Angriff am letzten Freitag kam nicht nur der iranische General Soleimani ums Leben, sondern neun weitere Iraner und Iraker.

Variante 1: Vergeltungsschlag ging daneben

Ging der Vergeltungsschlag also daneben? Das wäre Variante 1. Der Iran hat für seine Verhältnisse sehr schnell auf die Tötung seines Generals reagiert. Möglicherweise haben die Herrscher in Teheran dem Druck der Straße nachgegeben. Sie wollten zwar diese Bilder der hasserfüllten Massen bei den Trauerzügen. Aber sie scheinen selbst vom Ansturm und den Emotionen überrascht worden zu sein. Das zeigen die vielen Toten bei der Massenpanik am Dienstag.

Diese Massen wollten Rache - und sie wollten nicht warten. Zu sehr hat Trump die Iraner mit der Tötung Soleimanis getroffen und vor aller Welt erniedrigt. War der nächtliche Vergeltungsschlag also ein Fehlschlag, in den sich die Regierung durch das Volk hat hineintreiben lassen? Zur Krönung twittert Trump noch in der Nacht: alles ist gut. Klingt nach einem unausgereiften Plan der iranischen Führung.

Variante 2: Iran schlug absichtlich milde zu  

Variante 2 wäre, dass Teheran absichtlich milde zugeschlagen hat, um Trumps Rote Linie nicht zu überschreiten. Ein Anhänger dieser Theorie ist der US-Präsident selbst. Und dieser Plan der Iraner, wenn sie ihn denn gehabt haben, ging auf. Trump hat am Abend gesagt, er will nicht noch mal einen Militärschlag draufsetzen.

Variante 3: Es war ein Fehlschlag

Variante 3, es war ein Fehlschlag. Der Iran etikettiert ihn nur einfach zu einem milden Racheakt um. Bei Variante 2 und 3 gibt's jetzt die Hoffnung, dass die Welt eine Atempause bekommt und die Diplomatie eine Chance.

Variante 4: Eine Show für die Weltöffentlichkeit

Es gibt aber noch Variante 4. Das ist die Variante der Verschwörungstheoretiker. Der Iran und die USA reden hinter den Kulissen schon lange wieder miteinander. Sie führen für die Weltöffentlichkeit nur noch eine Show auf, um am Ende beide mit hoch erhobenem Haupt als Sieger vom Platz gehen zu können. Die Anhänger dieser Variante glauben auch, dass selbst das Erdbeben am Morgen im Iran mit den Vergeltungsschlägen und dem Flugzeugabsturz bei Teheran zu tun hat. Passierte ja schließlich alles kurz hintereinander. Mit Verlaub, das ist nun wirklich absurd!

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NDR Info | Kommentar | 08.01.2020 | 20:50 Uhr