Stand: 05.03.2020 18:07 Uhr

Kommentar zu Flüchtlingen: Farbe bekennen!

Der Bundestag hat sich dagegen entschieden, dass Deutschland 5.000 schutzbedürftige Flüchtlinge aus Griechenland aufnimmt. Doch die Diskussion darüber geht weiter: Sieben deutsche Großstädte, darunter Hannover, fordern von der Bundesregierung Schritte zur Aufnahme von Kindern aus den griechischen Flüchtlingslagern.

Ein Kommentar von Evelyn Seibert, ARD Hauptstadtstudio Berlin

Evelyn Seibert aus dem ARD-Hauptstadtstudio © Reiner Freese
Dass die EU sich nun bald auf einen großen Wurf einigt, sei völlig unwahrscheinlich, meint Evelyn Seibert.

Jetzt heißt es "Farbe bekennen". Alle Politikerinnen und Politiker wissen seit 2015, dass sie sich mit dem Thema Flüchtlinge ordentlich die Finger verbrennen können. Nur die AfD hat damit Punkt um Punkt geholt und in der Bevölkerung erfolgreich Angst und Misstrauen gegenüber Fremden geschürt. Dieses Gift hat seine Wirkung getan. Auch deswegen haben sich so viele monatelang schweigend die erbärmlichen Bilder der Flüchtlingskinder in Griechenland angeschaut. Alles, bloß keine neue Flüchtlingsdiskussion.

Problem unter der Teppich gekehrt

Der türkische Präsident hat genau ein Wochenende gebraucht, um das Thema wieder auf die Agenda zu setzen. Er hat sozusagen mal den Teppich angehoben und den Europäern gezeigt, was sie da alles drunter gekehrt haben. Doch auch ein sechs Milliarden schwerer Teppich kann nicht verbergen, dass die Europäer das Problem einfach nur an die Türkei ausgelagert haben - innerhalb Europas ist nichts gelöst. Pech für Italien und Griechenland.

Großer Wurf der EU ist unwahrscheinlich

Dass die EU sich nun bald auf einen großen Wurf einigt, ist völlig unwahrscheinlich. Bei der Aufnahme einiger Tausend Kinder in Not wollen ein paar Länder jetzt aber helfen. Dazu bekennen nun auch die Berliner Parteien Farbe. Allen voran Grüne und SPD - seit Mittwoch auch zahlreiche Unionsabgeordnete in einem gemeinsamen Schreiben. Sie sind dafür, diesen Kindern in Europa - auch in Deutschland - zu helfen und sie bekennen sich damit zur Menschlichkeit.

Immun werden gegen das Gift der rechten Populisten

Niemand will irgendwelche Grenzen aufmachen. Aber schon die Frage, ein paar Tausend Kinder zu holen, ist mittlerweile politisch brisant. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind die Deutschen schon dabei, sich zu entgiften - immun zu werden gegen das Gift, das die rechten Populisten seit 2015 versprühen. Wohin das führt, haben wir ja gerade erlebt.

Anmerkung der Redaktion:
Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 05.03.2020 | 17:08 Uhr