Die Kyll ist in Erdorf über die Ufer getreten und hat Teile des Dorfes geflutet. © picture alliance/dpa Foto: Harald Tittel

Kommentar: Zwei Grad verhindern - der Fahrplan liegt jetzt vor

Stand: 09.08.2021 13:19 Uhr

Der Klimawandel vollzieht sich schneller und folgenschwerer als bislang angenommen - das ist das Ergebnis des ersten Teils des neuen Berichts des Weltklimarats IPCC. Die Erde werde sich bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen. Die nächsten 20 bis 40 Jahre können wir vergessen, meint daher Verena Gonsch. Der Klima-Zug ist abgefahren. Aber für die Zeit danach müssen wir sofort handeln - für unsere Kinder und Enkel.

Ein Kommentar Verena Gonsch, NDR Info

Es gibt zwei Möglichkeiten: Man kann den IPCC-Bericht abhaken unter: "Schon wieder Alarmismus. Das ist mir jetzt zu viel." Oder man kann ihn als Auftrag verstehen, was jetzt zu tun ist: Den Ausstieg aus Kohle, Gas und Öl so schnell wie möglich umsetzen. Die Anpassung an den Klimawandel vorantreiben. Unsere Erde in einem lebenswerten Zustand erhalten.

Prognosen werden immer besser

Verena Gonsch © NDR Foto: Christian Spielmann
Wir müssen uns an Extremwetterlagen gewöhnen, sagt Verena Gonsch.

Das Positive zuerst: Die Wissenschaft war noch nie so gut darin, die Folgen der Klimaerwärmung abzubilden und zu prognostizieren. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung haben ihr in den letzten Jahren unglaubliche Fortschritte ermöglicht. Die Klimamodelle können Daten in einem Ausmaß verarbeiten, von dem die Wissenschaft noch vor Jahren nur geträumt hat. Das hilft sehr: Es hilft gegen die Argumente der Klimaleugnerinnen und -leugner und es hilft, uns an den Klimawandel anzupassen. Denn darauf wird es beim Küsten- und Hochwasserschutz, bei der Aufforstung, bei Obstbau und Landwirtschaft und beim Sielbau in den nächsten Jahren ankommen. Doch Anpassung allein wird nicht reichen.

Schalter umlegen: für unsere Kinder und Enkel

Die nächsten 20 bis 40 Jahren können wir abhaken, die werden wir nicht mehr verändern können. Da müssen wir uns an Extremwetterlagen gewöhnen. Aber für die Zeit danach müssen wir jetzt den Schalter umlegen, damit die Generation unserer Kinder und Enkel diese Erde noch bewohnen kann. In Deutschland haben wir schon einiges geschafft: 50 Prozent der Energie kommen aus Windkraft, Sonne und Biogas. Da müssen wir jetzt noch einen Zahn zulegen. Schneller aus der Kohle aussteigen, schneller auf E-Autos umstellen und endlich die energiefressenden Gebäude sanieren.

Alle Regionen sind betroffen

Weltweit müssen sich alle Länder im November beim UN-Gipfel in Glasgow am Riemen reißen. Grabenkämpfe beilegen, zusammen am Klima-Strang ziehen. Denn auch dies ist eine bahnbrechende Erkenntnis des diesjährigen Berichts: Es gibt keine einzige Region mehr auf der Erde, die nicht von Klimawandel und seinen Folgen betroffen ist. Die Klimakrise ist tatsächlich ein weltweites Phänomen, ein permanenter Ausnahmezustand. Jede Nachrichtensendung momentan ist ein lebendiger Beweis hierfür. Das Paradoxe an der Klimakrise ist, dass Regierungschefs über ihre Lösung entscheiden, die in einigen Jahren nicht mehr an der Macht sein werden. Dann, wenn die Folgen für jeden spürbar sein werden. Umso wichtiger sind momentan die Stimmen der Jungen. Es ist ihre Welt, über die in diesem wichtigen Klimajahr verhandelt wird.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.08.2021 | 17:20 Uhr