Stand: 06.11.2020 14:54 Uhr

Kommentar: Wir sollten ein neues Verhältnis zu den USA finden

Wenn wir in diesen Tagen auf die USA schauen, dann geht es nicht nur um die aktuellen Wahlergebnisse, sondern auch noch um etwas anderes: Um unser ganz persönliches Verhältnis zu diesem Sehnsuchtsland Amerika, das lange Zeit die Erfüllung der Träume versprach. Doch das hat sich inzwischen stark verändert. Wir, ganz Europa sollte ein neues Verhältnis zu den USA finden.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoversche Allgemeine Zeitung". © Hagemann Foto: Hagemann
Das Faszinosum USA habe mächtig gelitten, meint Hendrik Brandt.

Ach, die Amerikaner. Plötzlich sind sie wieder ein Thema. Beherrschen die Diskussionen am Frühstückstisch oder in der Videorunde im Job. Dabei waren uns die USA in den vergangenen Jahren im Grunde fremd geworden. Gut, die Geschichten vom reichen Onkel, der uns nach dem Krieg mehr oder minder selbstlos geholfen hat, sind schon lange verjährt. Und ganz gestimmt haben sie ohnehin nie.

Dennoch: Das Land zwischen Atlantik und Pazifik war über Jahrzehnte hinweg ein Ort für so viele Sehnsüchte. Da ging es für die einen um die große Freiheit oder um das große Geldverdienen ohne Skrupel. Für die anderen lag die Faszination im Gegenteil, sie suchten die Flucht aus dem Hamsterrad und fanden auch dafür einen Platz. "Drüben in den Staaten", wie man so sagte. Vor allem aber waren die US-Amerikaner über mehrere Nachkriegsgenerationen hinweg die wahre Bezugsgröße. Und auch ein Alltags-Vorbild; ihre Kultur bestimmte die deutsche und europäische längst weit mehr als umgekehrt.

Immer weniger Menschen halten zur alten Supermacht

Vieles davon ist in den zurückliegenden Jahren zu Ende gegangen. Nicht krachend oder spektakulär, sondern leise, Schritt für Schritt. Wenn Demoskopen die Deutschen derzeit fragen, ob sie eher zu den USA oder zu China neigen, hält sich das nun schon fast die Waage - nur noch gut ein gutes Drittel der Befragten setzt noch auf die alte Supermacht, fast genauso viele Menschen halten zur neuen. Protokoll einer Entfremdung, die noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar schien.

Oder etwa doch nicht? Hat das alles nur mit dem unsäglichen Donald Trump zu tun? War da nicht auch schon das Kopfschütteln über Ronald Reagans Neoliberalismus? Oder der Spott über George W. Bush, dessen Kriege nicht unsere sein konnten? Ist die dunkle Kehrseite des amerikanischen Gesellschaftsmodells nicht lange vor den jüngsten Vorfällen rund um Rassismus, Gewalt und soziale Spaltung sichtbar geworden? Und wie war das nochmal mit Vietnam?

Kulturelle und gesellschaftliche Distanzierung

Das Faszinosum USA hat mächtig gelitten, vorrangig unter seinen eigenen Widersprüchen. Das Land ist nun einmal extrem. Es verbindet ungeheure Flexibilität mit exzentrischer Bürokratie, wunderschöne Landschaften mit entstellten Gegenden, breitbeinige Männlichkeit mit peinlich genauer Gender-Achtsamkeit. Die Kontraste hatten in ihrer hierzulande ungekannten Größe einst durchaus ihren Reiz - sind aber in ihrer wachsenden Brutalität jetzt oft nur noch abschreckend. Viele Deutsche wollen die USA nicht mehr so, wie sie sind. Sondern nur noch so, wie sie sie selbst gern hätten. Da liegt der Kern der kulturellen und gesellschaftlichen Distanzierung.

Das sicherste Indiz hierfür ist der Blick auf die Politik. Kaum jemand hierzulande hat verstanden, warum die Amerikaner nach dem überaus gewandten Bill Clinton vor zwanzig Jahren nicht dessen alerten Vize Al Gore zum Präsidenten gewählt haben, sondern den leicht tapsigen wirkenden Texaner George W. Bush. Geradezu messianisch war später die Wahrnehmung des intellektuellen Barack Obama im Oval Office. Der war ja auch cool. Dass es aber auch seine Politik war, die Teile des Landes einfach übersah und ein amoralisches Faktotum wie Donald Trump als Präsident mit ermöglicht hat, blieb meist unbeachtet. Genauso wie übrigens die oberflächlichen Erfolge Trumps. Deutschland nahm den USA mehrheitlich übel, dass sie dem alten Wunschbild nicht mehr entsprachen.

Zeit für eigene Wege

Angesichts dieser Scheidung auf Raten ist nun oft davon die Rede, dass sich Deutschland wie Europa stärker auf sich selbst besinnen müssten. Ja, was denn sonst? Die Hoffnung, dass die USA irgendwann doch bitte wieder so sein mögen, wie wir sie einst gesehen haben, wird nicht tragen. Wer immer sie regiert. Bei allen engen wirtschaftlichen, militärischen und immer noch auch kulturellen Bindungen muss klar sein, dass es hohe Zeit für eigene Wege ist.

Nur: Wo ist die Idee zu einer europäischen digitalen Welt, die etwa Google oder Amazon überflüssig macht? Wo sind die Pläne für eine eigenständige Verteidigung? Wer ersetzt das "Role-Model", das Vorbild, das die Amerikaner auf so vielen Feldern so lange waren? Da kommt Arbeit um die Kurve.

Keine Frage, es gibt gute Gründe, auf Distanz zur US-Gesellschaft zu gehen, die gerade einen abenteuerlichen und schmerzhaften Spagat vollführt. Und sich bei aller Sympathie aus der geistigen und emotionalen Fixierung auf die Amerikaner zu lösen. Gehen wir es doch pragmatischer an: Nehmen wir von ihnen, was hilft. Kooperieren wir, wo es nützt. Aber erwarten wir nicht mehr das Heil. Dafür sind die Deutschen, sind die Europäer schon selbst verantwortlich.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 08.11.2020 | 09:25 Uhr