Stand: 02.08.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Mit Rücksicht und Zuversicht gegen Corona

Die Coronavirus-Fallzahlen steigen weltweit und auch in Deutschland. Gerade hat das Robert Koch-Institut vor einer zweiten Welle der Pandemie gewarnt. Manche Politiker fordern wieder strengere Regeln, um die Ausbreitung im Zaum zu halten. Sind die Sorgen berechtigt - oder haben wir mittlerweile gelernt, mit Corona verantwortungsvoll umzugehen?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

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Bei einer zweiten Corona-Welle würden wir längst nicht so ratlos dastehen wie bei der ersten, meint Hendrik Brandt.

Ach, das wär's doch gewesen, wenn Madonna in dieser Woche Recht gehabt hätte - wenigstens zum Teil. Die US-Sängerin verkündete auf ihrem Instagram-Kanal, es gebe längst einen Impfstoff gegen Covid-19, er werde nur von irgendwem irgendwie zurückgehalten. Man kennt diese bizarren Theorien ja mittlerweile. Doch das war einmal mehr so offensichtlicher Unsinn, dass die Betreiber des Posting-Kanals den Text schnell löschten. Weltstar hin oder her. Der Boden der Tatsachen trägt halt keine Wunder.

Also bleibt es in Sachen Corona bei den dutzendfach belegten Fakten. Zu ihnen gehört: Es ist erstens nicht vorbei - und wir haben zweitens in Sachen Pandemie bei uns nun neue Hausaufgaben zu erledigen. Die Infektionszahlen steigen wieder und Experten vom Robert Koch-Institut warnen schon. Ein wenig zu laut vielleicht, aber auch sie werden sich hinterher nichts vorwerfen lassen wollen.

Arbeitsplatz-Klima kann abkühlen

So kann es bei uns im Norden in den nächsten Tagen und Wochen zu seltsamen Begegnungen kommen. Das Ferienende bringt sie mit sich. Auf der einen Seite des Bürotisches sitzt dann möglicherweise ein Daheimgebliebener, auf der anderen die Kollegin, die mit der Familie im Süden war. Und schon ist jene Grundverspannung wieder da, die es während der ersten großen Corona-Welle bei uns schon einmal gab.

Damals richtete sich ein generelles Misstrauen zunächst gegen jeden, der irgendwie asiatisch aussah oder aus Italien zurückkam. Jetzt ist es diffuser, aber nicht minder herausfordernd. Hat der Kollege am Montageplatz gegenüber wirklich aufgepasst? Fährt die Frau aus der Rechtsabteilung nicht immer in die Türkei? Und war denn diese Reise des Kantinen-Kochs ins Risikogebiet nun wirklich nötig? Das Klima an unseren Arbeitsplätzen kann abkühlen in der nächsten Zeit.

Kluges Miteinander wäre wichtig

Moralisch kommt man dem nicht bei. Die Ängste sitzen tiefer als die Vernunft. Dabei wäre gerade jetzt kluges und offenes Miteinander wichtig. Ja, vielleicht kommt abermals eine Infektionswelle auf uns zu, aber wir stehen lange nicht mehr so ratlos da wie bei der ersten.

Schließlich haben wir inzwischen eine Menge gelernt. Kaum je war eine Gesellschaft so gut über ein Krankheitsrisiko informiert, selten sonst gab es so klare und einfach zu befolgende Vorbeugungstipps: Abstand, Hände waschen, Alltagsmaske (die man übrigens auch sonntags tragen darf).

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Einige verhalten sich widerspenstig und dumm

Dauerhaft gravierende Probleme treten im Grunde auch nur dort auf, wo diese Regeln nicht funktionieren. Entweder, weil es technisch nicht gut geht - etwa in den Kindergärten, Schulen oder Altenheimen. Hier wird sich nun zeigen müssen, ob die neuen Sicherheitskonzepte funktionieren.

Oder aber dort, wo manche Menschen noch immer glauben, dass die Verabredungen zu Corona für sie nicht gelten. Da schiebt sich zuweilen eine Mischung aus alkoholseliger Widerspenstigkeit und schlichter Dummheit abends auf die Plätze der Städte. Schlimmer noch: "Freiheit statt Vorsorge" stand neulich auf einem Demonstrationsplakat jener Maskenverweigerer, die sich auch noch als Freiheitskämpfer gefallen. Auf deutsch: "Mir ist es völlig egal, ob du krank wirst." Als abendländisch geprägter Mensch kann man nur hoffen, dass nicht zu viele solcher Täter noch zu Opfern werden.

Einfache Lösung wird nicht noch einmal funktionieren

Vielleicht kommt die zweite Welle auch nicht mit Macht als hoher Brecher, sondern eher als zähe Masse, durch die wir im Herbst und Winter hindurch müssen. Hier ein Ausbruch, dort eine Infektionskette, dazwischen aber Normalität. Das würde allseits die Nerven strapazieren. Denn die einfache Lösung aus dem Frühjahr, das öffentliche und sogar private Leben für ein paar Wochen tiefzukühlen, wird dann nicht mehr funktionieren. Weil sie unangemessen, wirtschaftlich nicht zu verantworten ist und zudem auch unmenschlich wäre.

Erst jüngst hat ein mit Medizinerinnen, Bischöfen und anderen Fachleuten kraftvoll besetzter Ethikrat in Niedersachsen es recht drastisch formuliert: Es wäre nichts damit geholfen, die Gesellschaft "physisch zu mumifizieren" sagen sie. Man müsse präziser arbeiten, noch einen "Shutdown" dürfe es nicht geben.

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeine Zeitung" © Verlagsgesellschaft Madsack GmbH & Co. KG

Wochenkommentar: Kluges Miteinander wäre wichtig

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Die Infektionszahlen steigen wieder und Experten vom Robert Koch-Institut warnen schon. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber es ist auch noch lange nicht zu spät, meint "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt.

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Offen mit den Sorgen umgehen

Wenn das so ist und zugleich die neuen Warnungen der Medizin-Statistiker zutreffen, dann bleibt also nur noch, auf der Welle zu reiten. Das neue Ziel ist das alte: Die Infektion auf so wenig Menschen wie möglich zu begrenzen - nicht zuletzt, damit für die wenigen schweren Fälle immer genug medizinische Versorgung zur Verfügung steht.

Misstrauen etwa am Arbeitsplatz hilft da nicht. Wohl aber ein offener Umgang mit den Sorgen, eine vernünftige Mischung aus Vor- und Rücksicht - und eine solide Portion Zuversicht auch. Ja, es ist noch nicht vorbei. Aber es ist auch noch lange nicht zu spät.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 02.08.2020 | 09:25 Uhr