Stand: 26.05.2020 17:00 Uhr

Urlaub im eigenen Land statt Viren-Austauschprogramm

Rechtzeitig vor Beginn der Ferienzeit will die Bundesregierung den Weg frei machen für grenzüberschreitenden Sommerurlaub in Europa. Die weltweite Reisewarnung für Touristen soll ab dem 15. Juni für 31 europäische Staaten aufgehoben werden, wenn die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie es zulässt. Die Reisebranche begrüßt die Pläne, Verbraucherschützer forderten ausreichend Sicherheit und Klarheit für Urlauber.

Ein Kommentar von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

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"Wir stecken immer noch mitten in der größten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg", betont Sabine Henkel

Und jetzt mal schön locker machen. Lockern ist schließlich der Sommertrendsport 2020. Kontaktbeschränkungen lockern, Gruppenbildungsauflagen lockern, Reisewarnungen lockern. Manche sind sogar schon so sehr gelockert, dass sie auf gepackten Koffern sitzen und nichts sehnlicher erwarten als in den Flieger steigen zu können. Niedrige Infektionszahlen machen‘ s scheinbar möglich.

Corona lauert nur darauf, wieder zuzuschlagen

8.300 Corona-Toten in Deutschland zum Trotz - wir Reiseweltmeister haben einen Ruf zu verlieren. Reisen muss sein. Offenbar haben sich bei manchen auch einige Schrauben gelockert. Wenn die wichtigste Frage in diesen Tagen lautet, kann ich zum Wandern nach Tirol, zum Segeln an die Cote d‘ Azur oder zum Feiern an den Ballermann - dann stimmt was nicht. Wir stecken immer noch mitten in der größten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg, Corona lauert nur darauf, wieder zuzuschlagen und uns flach beziehungsweise lahm zu legen - und zwar all inclusive.

Dass wir bisher vergleichsweise locker durch die Krise kommen, hat auch mit den strikten Reisebeschränkungen zu tun. Deshalb tun wir gut daran, hier zu bleiben. Heimaturlaub zu machen und auf Grenzübertritte in diesem Sommer zu verzichten. Das klingt protektionistisch? Patriotisch? Anti-Europäisch gar, weil doch gerade in unseren Nachbarländern so viele Menschen vom Tourismus leben? Das mit dem Tourismus stimmt. Aber am Ende haben auch unsere Nachbarn größten Schaden, wenn ein Viren-Austauschprogramm a la Ischgl über den Kontinent läuft und Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind. Ein Urlaub im eigenen Land verringert dieses Risiko.

Einsames Kanu fahren bekommt einen ganz neuen Reiz

Im luftigen Hochsauerland auf dem Kahlen Asten keine Menschenseele treffen, macht jede Abstandsregel überflüssig. Einsames Kanu fahren im Spreewald bekommt einen ganz neuen Reiz und Radfahren in der Eifel würde man ohne Corona vielleicht eher selten machen. Urlaub einfach mal anders. Auf jeden Fall besser als in Hotelburgen kein Frühstücksbuffet bekommen zu dürfen und am Strand in Plexiglasboxen in der Sonne schmoren zu müssen. Ganz zu schweigen von der unangenehmen Frage: wie komm ich wieder zurück bei Corona-Welle 2?

Urlaub hat schließlich viel mit Sorglosigkeit zu tun. Abschalten, und am besten: einfach mal nichts tun. Bloß nicht an dieses Virus denken. Vielen ist das ohnehin nicht möglich. Alleinerziehende, die ihre Urlaubstage zur Kinderbetreuung schon so gut wie aufgebraucht haben, Kurzarbeiter, die um ihren Job fürchten, Kunstschaffende ohne Perspektive. Für all die ist diese Urlaubsdiskussions-Orgie ein Schlag ins Gesicht. Urlaub auf Teufel komm raus? So locker kann man sich doch gar nicht machen.

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Pläne der Regierung zu Auslandsreisen ab Juli

Die Bundesregierung will die weltweite Reisewarnung für Touristen offenbar ab 15. Juni für 31 europäische Staaten aufheben. Das geht aus dem Eckpunktepapier-Entwurf hervor. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentar | 26.05.2020 | 17:08 Uhr