Stand: 29.08.2020 21:46 Uhr

Kommentar: Trumps Familiendynastie

US-Präsident Donald Trump wird im Herbst erneut als Kandidat der Republikaner ins Rennen gehen. Das ist nicht wirklich überraschend. Überraschend war allerdings schon, wie unverblümt Trump den Nominierungsparteitag für ein Defilee seiner Familiendynastie genutzt hat.

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro des "Spiegel"

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Die Republikaner haben als Frühwarnsystem gegen autoritäre Bestrebungen versagt, meint Markus Feldenkirchen vom "Spiegel".

In den USA konnte man diese Woche beobachten, was passiert, wenn eine große Partei sich in die Hände eines Narzissten und Egomanen begibt. Dann werden Parteitage zu einer Art Familienfeier, dann treten der Reihe nach alle erwachsenen Kinder ans Mikrofon und müssen erklären, was für ein toller Hecht ihr Daddy ist - als Mensch und als Präsident. Es wirkte, als würden die Vereinigten Staaten von einem Familienclan gesteuert.

Nur der Name Trump auf der Rednerliste

Während die Demokraten bei ihrem Nominierungsparteitag in der Vorwoche einen imposanten Reigen an prominenten Rednern aus allen Bereichen der Gesellschaft aufboten, standen auf der Rednerliste der Republikaner die Namen Trump, Trump, Trump, Trump, Trump. Und noch mal Trump.

Neben ein paar wenigen Gastauftritten von echten Politikern sprachen auf dem republikanischen Parteitag - ohne Witz - Donald Trumps Ehefrau Melania sowie Trumps Kinder Ivanka Trump, Donald Trump JR, Eric Trump und Tiffany Trump. Sogar Ehepartner und sonstige Lebensabschnittsgefährten der Kinder erhielten bei dieser skurrilen Show einen Auftritt auf größter medialer Bühne. Was all diese Menschen für die große Politik qualifiziert, bleibt das Geheimnis von Trump und seinen gefügigen Republikanern. Fairerweise muss man hinzufügen: Trumps jüngster Sohn Barron hielt keine Rede. Der ist aber auch erst 14 und gerade in der Pubertät.

Der Familiensumpf des Donald Trump

Den "Washingtoner Sumpf" aus Lobbyisten und Politikern, den Trump trockenzulegen versprach, hat er erfolgreich durch einen anderen Sumpf ersetzt: seinen Familiensumpf. Die einzige würdevolle Rede hielt dabei Ehefrau Melania, ein Ex-Model, die sich, bis sie überraschend First Lady wurde, nicht allzu intensiv mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigt hat - um es freundlich zu sagen. Doch in ihren wenigen Sätzen offenbarte sie mehr Empathie mit den Opfern der Corona-Pandemie und zeigte mehr Verständnis für das Schicksal der Schwarzen in Amerika, als ihr Ehemann in einer ganzen Amtszeit.

Die Republikaner folgen Trump auf Gedeih und Verderb

Das eigentliche Drama aber ist nicht, dass Trump macht, und machen lässt, was ihm genehm ist. Sondern, dass er es kann. Dass seine Partei dies zulässt. Die Intensität, mit der sich die führenden Vertreter der Republikaner Donald Trump und seiner Sippe verschrieben haben, wie sie Trump und seine Leute die Programmatik und das Antlitz dieser großen Partei prägen lassen, das ist nicht nur peinlich, es ist auch gefährlich.

Donald Trump, Präsident der USA, steht auf dem Südrasen des Weißen Hauses während des Parteitages der Republikaner neben seiner FRrau Melania. © dpa bildfunk/AP Foto: Alex Brandon

AUDIO: Interview: Wie stehen die Chancen für Donald Trump? (4 Min)

Die Republikaner haben als Frühwarnsystem gegen autoritäre Bestrebungen versagt. Sie haben Trump vor vier Jahren, trotz unzähliger Aussagen, die eine Verachtung für die Demokratie und die sie tragenden Institutionen erkennen ließen, zu ihrem Kandidaten gemacht - und sie folgen ihm weiter auf Gedeih und vor allem Verderb.

Die Rechtmäßigkeit der Wahl wird präventiv infrage gestellt

Sie ignorieren weiter all seine ungeheuerlichen Ansagen, etwa die von vergangener Woche, wonach es nur eine Möglichkeit gebe, dass er die bevorstehende Präsidentenwahl nicht gewinne: dass die Wahl manipuliert sei. Von all den skandalösen Sätzen seiner Amtszeit ist dieser der gefährlichste. Denn damit deutet Trump an, die Wahl nicht anzuerkennen und das Weiße Haus nicht zu räumen, sollte er gegen Joe Biden verlieren. Genau an diesem Punkt aber, an der Frage, ob ein Amtsinhaber seine Abwahl akzeptiert, unterscheiden sich Demokratien von Autokratien oder Diktaturen.

Die Sorge, dass Trump da gerade einen Coup vorbereitet, ist kein linkes Hirngespinst. Trump arbeitet seit Wochen aktiv daran, die Rechtmäßigkeit der Wahl präventiv in Frage zu stellen. Er verweist täglich auf mögliche Pannen bei der Briefwahl, die bei den Wählern in Corona-Zeiten besonders beliebt sein wird. Und um seinen Warnungen quasi Nachdruck zu verleihen, lässt er die US-Post zugleich durch Gefolgsleute schwächen und Briefkästen abbauen, die für die Briefwahl natürlich gebraucht werden. Und Trumps Rhetorik, flankiert von seinen Aktionen, hat offenbar Erfolg. Laut einer Umfrage glauben inzwischen knapp 50 Prozent der Amerikaner, dass die Wahl manipuliert sein könnte.

Keine Widersacher bei den Republikanern

Die Republikaner aber sehen diesem düsteren Treiben weiter zu. Nur wenige hatten den Mut, in diesem historischen Augenblick das Richtige zu sagen: die Interessen des Landes über die der Partei zu stellen. Der Republikaner John Kasich etwa, der vor vier Jahren der letzte verbliebene Widersacher Trumps in den Vorwahlen war. Oder Colin Powell, einst Außenminister unter Präsident George W. Bush. Gut, beide sind raus aus dem politischen Geschäft, sie hoffen nicht mehr auf Ämter und Mandate. Aber beide hatten den Mut, republikanischen Anhängern ausnahmsweise Mal die Wahl eines Demokraten zu empfehlen. Sie haben die große Gefahr erkannt, die von Trump für das Land ausgeht. Sie waren im entscheidenden Moment in der Lage, über ihren eigenen parteipolitischen Schatten zu springen, um etwas viel Größeres zu sichern als den nächsten Wahlsieg: Den Erhalt der Demokratie in den USA. Der große Rest der Republikaner ist dazu nicht in der Lage - tragischerweise.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 30.08.2020 | 09:25 Uhr