Fläschchen eines COVID-19-Impfstoffs stehen auf einem Glastisch. © picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum Foto:  Geisler-Fotopress

Kommentar: Seehofers AstraZeneca-Anti-Werbung

Stand: 01.04.2021 17:43 Uhr

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist 71 Jahre alt. Er kann sich nun impfen lassen - aufgrund der neuen Empfehlung für den AstraZeneca-Impfstoff voraussichtlich mit dem britisch-schwedischen Vakzin. Sein Kollege Jens Spahn rief alle Minister auf, dies vorbildlich zu tun. Doch Seehofer weigert sich.

Ein Kommentar von Kai Küstner, NDR Info

Kai Küstner, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Seehofer untergräbt die Bemühungen seiner Ministerkollegen, meint Kai Küstner.

Ihre Werbekampagne "Deutschland krempelt die Ärmel hoch" lässt sich die Bundesregierung 25 Millionen Euro kosten. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sollte überlegen, ob er sich nicht ein paar Millionen von seinem Kabinettskollegen Horst Seehofer persönlich erstatten lässt. Denn gezieltere Anti-Werbung als der CSU-Innenminister kann man kaum betreiben.

Dass sein Oberarm für AstraZeneca jedenfalls nicht zur Verfügung stehe, hat Seehofer seinem Ministerkollegen Spahn - per "Bild"-Zeitung - wissen lassen. Falls ihn dabei die Sorge wegen möglicher Vorerkrankungen umgetrieben haben sollte, hätte er das genau so sagen können. Stattdessen ein trotziges: "Ich lasse mir nichts vorschreiben."

Vertrauen aufbauen ist nicht Seehofers Sache

Jedenfalls erzielt der CSU-Mann mit seiner AstraZeneca-Verweigerung eine bedenkliche Mehrfachwirkung: Dass ausgerechnet der Innenminister den Impfskeptikern frische Nahrung liefert, ist schlimm genug. Er boxt damit aber auch verbal all jenen 'Normalbürgern' in die Magengrube, die tagtäglich gesagt bekommen, dass man sich den Impfstoff nicht aussuchen könne. Und nicht zuletzt: Seehofer untergräbt erfolgreich alle Versuche, auch der Kanzlerin, verloren gegangenes Vertrauen in den britisch-schwedischen Wirkstoff wiederherzustellen.

Das hat nämlich schon genug gelitten: Erst für die Jüngeren empfohlen, nun zuletzt dann doch für die Älteren ab 60, zwischenzeitlich mal ganz auf Eis gelegt - schon vom Zusehen bei dieser Impfstoff-Achterbahnfahrt konnte einem schwindlig werden. Der Innenminister trägt nicht dazu bei, dieses Schwindelgefühl einzudämmen, im Gegenteil.

Deutschland kann keine Anti-Impfstoff-Werbung gebrauchen

Man kann es also wie Bundespräsident Steinmeier machen, der sich jetzt - wenig kamerascheu - impfen ließ. Mit AstraZeneca. Oder man kann es wie Seehofer machen.

Gesundheitsminister Jens Spahn mag darauf gehofft haben, die Ü-60-Riege im Kabinett zum Ärmelhochkrempeln für AstraZeneca zu bewegen. Doch dem Versuch, die allgemeine Verunsicherung einzudämmen, widersetzt sich ausgerechnet jener Minister, der für die Sicherheit im Land zuständig ist. Indem er die Botschaft aussendet: Für AstraZeneca bliebt mein Ärmel unten. Impfstoff-Anti-Werbung aus der Mitte der Bundesregierung ist aber so ziemlich das Letzte, was das Land gerade gebrauchen kann. 

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NDR Info | Kommentar | 01.04.2021 | 17:08 Uhr