Stand: 24.05.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Nach Corona neue Leitplanken aufstellen

Die Lockerungen der Corona-Beschränkungen nehmen vorsichtig zu. Wenn die Infektionszahlen in Deutschland niedrig bleiben, dann könnte es bald wieder ein Stück Normalität geben. Womit sich die Frage stellt: Was hat die Corona-Krise verändert - und wie hat sie die Menschen im Land verändert?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Bild vergrößern
"Im Bemühen, dass bei uns alles ganz schnell wieder so werden soll, wie es war, geht unter, dass wir doch vieles eigentlich ganz anders machen wollten", meint Hendrik Brandt.

Na, können wir langsam den Kopf wieder rausstrecken? Es sieht fast so aus. Der Corona-Sturm ist noch nicht vorbei, aber er hat sich erst mal gelegt. Jedenfalls bei uns. Wir haben hier in Deutschland und in Teilen Europas viel richtig gemacht, indem wir unser Leben für recht lange Zeit ins Haus verlegt haben. Auch wenn es da oft genug reichlich gedrängt zuging.

Der Preis für die Kontaktsperren ist hoch

Ich weiß: Es gibt immer mehr Zweifel daran, ob das alles nötig war. Und diese Zweifel kommen nicht nur von Menschen, die ernsthaft Handystrahlen für die Entstehung von Viren verantwortlich machen. Göttinger Forscherinnen und Forscher haben auch deswegen jetzt noch einmal gründlich nachgerechnet. Und sie sagen klar: Dass wir unser Leben gleichsam tiefgekühlt haben, war klug. Für die Kranken, weil es stets genug Hilfe gab - und für die Gesunden, weil sie sich dem Virus meist entziehen konnten. Das ist beruhigend, denn der Preis für all die Kontaktsperren ist hoch. Gewaltige Kosten schlagen zu Buche. Finanziell, klar, aber auch gesellschaftlich, emotional und zuweilen sogar moralisch. Das zeigt ein Blick in die öffentlichen Kassen und in die Kalkulationen vieler Firmen. Es gilt aber auch angesichts des Rollbacks für viele Mütter an den Herd oder die klarer denn je erkennbar gewordenen Bedingungen, unter denen hierzulande etwa Fleisch- oder Gemüse verarbeitet wird.

Nun kommen die ersten Rechnungen. Und mit ihnen die schlichte wie bedrückende Erkenntnis, dass sich das Land sowie die meisten seiner Bürgerinnen und Bürger nicht mehr alles leisten können, was noch vor Monaten selbstverständlich auf der To-do-Liste vermerkt war. Jetzt geht es erst mal um Aufräumarbeiten. Mit größter Vorsicht übrigens - das Virus ist ja nicht weg.

Weitere Informationen

Forscher: Alltagsbeschränkungen waren genau richtig

Das Bündel der verhängten Alltagsbeschränkungen im März hat dazu beigetragen, dass das Coronavirus gebremst wurde. Das sagen Forscher aus Göttingen, die die Schritte untersucht haben. mehr

Das Wichtige von gestern wird zum Unwichtigen von heute

Was kommt da nun zuerst? Krisen mit dem Ausmaß der Corona-Pandemie bringen auf solche Fragen oft neue Antworten hervor. Das Wichtige von gestern wird da schon mal zum Unwichtigen von heute. Darin kann etwas Segensreiches liegen, es kann aber auch nach hinten losgehen.

Zwei Beispiele: Seit einiger Zeit war in der Bundesrepublik sicher geregelt, dass der Staat nur ausgeben soll, was er einnimmt. Das steht sogar in der Verfassung. Davon ist derzeit keine Rede mehr. Ohne Zweifel ist es richtig, dass der Staat jetzt erstmal hilft, wo er kann. Aus dem lokalen Stadtetat, aus dem Bundeshaushalt, aus Brüsseler Töpfen gar füllt sich ein Hilfspaket nach dem anderen. Oft nimmt es wenigstens die schlimmsten Sorgen, zuweilen nimmt der eine oder andere Empfänger auch nur etwas mit. Und manche Einrichtung, mache Branche beklagt zu Recht, dass es bei alldem nicht fair zugeht.

Doch diese Fürsorgepakete haben eine Kehrseite. Die Wörter "Anspruch" und "Gewöhnung" stehen drauf. Mancher übersieht in diesen Tagen, dass die Staatsinterventionen nicht dafür gemacht sind, unser altes Leben einfach auf ewig und auf Pump weiter zu bezahlen - und etwa jedes Unternehmensrisiko de facto auszuschließen. Sondern dass es bestenfalls darum gehen darf, nicht alle und alles so weit abrutschen zu lassen, sodass man selbst kaum noch anpacken kann. Wenn sich dieser Gedanke nicht durchsetzt, wenn die Mehrheit der Wähler vom Staat verlangt, dauerhaft weiter Schulden zu machen, um die Ruhe zu sichern, dann hätte Corona hier etwas zum Schlechten verändert.

Das Thema Klimaschutz ist weit weg

Ähnliches droht - zweites Beispiel - beim Blick auf die Natur. Setzte vor ein paar Monaten der mühsame Kampf gegen die Veränderung des Klimas für viele Menschen noch Ziele oder wenigstens ein Thema, so ist auch das in diesen Tagen weit weg. Das Auto wird als Viren-Trutzburg wieder Mode, der dieselnde Bringdienst zum Grundversorger. Die Mülltonne fasst die Berge von Verpackungen aller Art kaum noch. Und der brennende brasilianische Regenwald ist derzeit genauso weit weg wie das furchterregende Corona-Drama dort. Im Bemühen, dass bei uns alles ganz schnell wieder so werden soll, wie es war, geht unter, dass wir doch vieles ganz anders machen wollten. Eigentlich.

Sicher, es ist derzeit nicht leicht, die Leitplanken für gute Politik, fürs richtige Handeln jedes Einzelnen noch zu erkennen. Aber klar ist doch wohl, dass es mit dem "Weiter so" allein nicht getan ist. Weder beim staatlichen Gelddrucken noch beim Umweltverbrauch - und in vielen anderen Fällen auch nicht. Die Aufgabe ist größer: Jetzt, mitten im Schlamassel, könnten wir an manchen Stellen neue Leitplanken aufstellen. Das geht auch ganz praktisch: Haben nicht in den vergangenen Wochen Millionen Europäer das Internet noch einmal ganz neu entdeckt? Sind nicht sogar die Schulen jetzt auf anderen Wegen? Hat sich nicht gezeigt, dass manches, was unabdingbar schien, gar nicht lebensnotwendig ist? Und hat nicht die Wirtschaft einmal mehr vorgeführt, wie flexibel sie ist, wenn es wirklich anders werden muss?

In alledem liegt es vielleicht, das Rettende, das doch in jeder Gefahr wachsen soll. Die anstehenden gewaltigen Rechnungen werden sich nur bezahlen lassen, wenn es nicht nur um die Rückkehr zum Alten, sondern auch um einen Aufbruch geht. Damit diese Krise am Ende wirklich irgendwann hinter uns liegt - und die nächste gar nicht erst so einschneidend wird. Wie sagte die Kanzlerin noch? "Wir schaffen das".

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen

Corona-Ticker: Schulstart in Hamburg - Sicher genug?

Hamburgs Schulen starten heute ins neue Schuljahr. Die Corona-bedingten Einschränkungen gehen einigen nicht weit genug, andere finden die Maßnahmen übertrieben. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Die Corona-Pandemie hat den Alltag massiv verändert. Die Ausbreitung hat sich aber verlangsamt. Was muss weiter beachtet werden? Was hat die Forschung ergeben? Fragen und Antworten zum Coronavirus. mehr

Coronavirus-Update - Die Podcast-Folgen als Skript

Weil viele Hörerinnen und Hörer danach gefragt haben, bieten wir unser regelmäßiges Coronavirus-Update jetzt auch in schriftlicher Form an. Hier finden Sie die Skripte zum Herunterladen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 24.05.2020 | 09:25 Uhr