Stand: 27.04.2020 17:00 Uhr

Kommentar: In dieser Krise liegt eine Chance!

Ein Kommentar von Arne Schulz, NDR Info

NDR Info Redakteur Arne Schulz. © Arne Schulz
Arne Schulz vertritt die Meinung, dass die Bundesregierung den Klimaschutz nach der Corona-Krise nicht aus den Augen verlieren dürfe.

Keine Flugzeuge am Himmel, keine Staus am Boden und weniger Stromverbrauch in den Fabriken. Wenn nicht alles täuscht, dann wird der Ausstoß an Treibhausgasen in Deutschland in diesem Jahr deutlich sinken. Die Bundesregierung erreicht ihre Klimaziele quasi von selbst. Ein Effekt, der nicht nur in Deutschland zu beobachten ist. In China, schätzen Experten, lag der Ausstoß von Kohlendioxid im Februar 2020 um 25 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Nach der Finanzkrise litt der Klimaschutz

Doch das ist nicht mehr als ein Einmaleffekt. Und es ist sogar möglich, dass die Corona-Bilanz für das Klima am Ende negativ ausfällt. So wie im Winter 2008, kurz nach Ausbruch der Finanzkrise in den USA. In der polnischen Stadt Poznan fand damals eine Klimakonferenz der Vereinten Nationen statt. 190 Staaten versicherten: Die Finanzkrise dürfe dem Klimaschutz auf keinen Fall schaden. Doch genau das geschah.

Nach einem leichten Rückgang der weltweiten CO2-Emissionen im Jahr 2009, stieg die Verschmutzung in den kommenden Jahren wieder an. In der Wirtschaftskrise hatten Millionen Menschen ihren Job verloren, Staaten wie Griechenland standen vor dem Ruin. Der Klimaschutz rückte vielerorts in den Hintergrund.

Kampf gegen die Erderwärmung: Die Zeit läuft davon

Eine Erfahrung, aus der wir lernen sollten. Denn weitere verlorene Jahre im Kampf gegen die Erderwärmung können wir uns längst nicht mehr leisten. Wenn die akuten Folgen der Pandemie bekämpft sind, wird es um den langfristigen Wiederaufbau der Wirtschaft gehen. Der Klimaschutz muss dabei die zentrale Rolle spielen.

Ein Beispiel: Autos mit alternativen Antrieben fördern

Ideen gibt es im Überfluss: Die Bundesregierung könnte die energetische Sanierung von Häusern fördern, die Forschung zum nachhaltigen Fliegen. Sie könnte der Stahl- und Chemie-Industrie noch viel stärker als geplant bei der Umstellung auf grünen Wasserstoff helfen, Fördergelder für die Landwirtschaft an eine nachhaltige Bewirtschaftung knüpfen, Autos mit alternativen Antrieben bezuschussen.

Ein grünes Konjunktur-Paket muss her!

Die Bundesregierung könnte es auch ganz anders angehen. Hauptsache, sie geht es an. Denn auf einen größeren Konsens als jetzt kann niemand ernsthaft hoffen. Unternehmer aus verschiedenen Branchen, konservative und progressive Ökonomen, Klima-Aktivisten und Klimaforscher, Politiker verschiedener Fraktionen: Sie alle fordern einhellig ein grünes Konjunktur-Paket.

Deutschland sollte vorangehen

Die Bekämpfung der Pandemie hat die Wirtschaft in fast allen Ländern der Erde zu Boden gedrückt. Auch Deutschland ist heftig getroffen. Doch zur Wahrheit gehört auch: Kaum ein Land verfügt über so große Mittel, um die Krise zu bewältigen. Deutschland kann beim Klimaschutz vorangehen, viele andere können es in dieser Situation nicht. In einer Krise liegt auch immer eine Chance. Die Bundesregierung sollte sie nutzen.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 27.04.2020 | 17:08 Uhr

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