Stand: 30.10.2020 14:56 Uhr

Kommentar: Der Reformationstag in der Corona-Krise

Der sogenannte Lockdown light ab kommendem Montag sorgt derzeit für viele Diskussionen, von großer Zustimmung zu den strikten Maßnahmen bis hin zu weitgehender Ablehnung der zahlreichen Kontaktverbote. Die Kirchen spielen in der derzeitigen Debatte eine untergeordnete Rolle. Der Reformationstag ist da ein guter Anlass, über die Rolle der Kirchen in der Corona-Krise nachzudenken.

Ein Kommentar von Stephan Richter, Freier Autor

Stephan Richter, freier Autor, ehemals Chefredaktion Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag sh:z. © sh:z Foto: Marcus Dewanger
Stephan Richter, früher sh:z-Chefredakteur, meint, Weihnachten sei das Gegenteil von Kontaktverboten und sozialer Isolation.

Die neuen massiven Eingriffe von Bund und Ländern im Kampf gegen das Corona-Virus spalten Deutschland. Parteien, Verbände, Lobbyisten – fast alle reden mit. Nur die Kirchen sind auffällig leise. Religion scheint aus der Öffentlichkeit nahezu verschwunden. Auch der Reformationstag, der heute in neun Bundesländern im Norden und Osten Deutschlands als Feiertag begangen wird, ändert daran nichts. Der Aufbruch, den sich die Evangelische Kirche 2017 vom Lutherjahr erhofft hatte, ist ausgeblieben. Die Kirchen gehören zu den Verlierern der Pandemie, heißt es.

Droht ein einsamer 24. Dezember?

Umso erstaunlicher, dass Politiker ausgerechnet ein christliches Hochfest als Motivationsbeschleuniger nahmen, um Bürgerinnen und Bürger im Corona-Kampf zu motivieren. Der teilweise Lockdown sei notwendig, um Weihnachten zu retten. Wenn die Gesellschaft nicht vier Wochen durchhalte, drohe ein einsamer 24. Dezember - ohne die Erfahrung von Geborgenheit und Gemeinschaft.

Mit diesem Rückgriff wurden die Kirchen in der Corona-Krise also doch noch ein bisschen "systemrelevant". Man braucht sie - wenigstens zu Weihnachten. Dann sind die Kirchen voll. Dann wird für einen Moment der Trend zur Säkularisierung und zur Privatisierung von Religion gestoppt. Dann zählt das Gemeinschaftserlebnis, die Nähe der Menschen. Dann ist Orientierung gefragt - jenseits von Inzidenz-Werten oder Wirtschaftsprognosen.

Keine Debatte um den kirchenlichen Betrieb

Doch seit Kirchen in der Corona-Krise zeitweise schließen mussten, geht in vielen Gemeinden die Angst vor der Bedeutungslosigkeit um. Der Wink mit Weihnachten zeigt indes, dass der gesellschaftliche Relevanzverlust womöglich doch nicht so groß ist, wie leere Kirchen und eine wachsende Zahl von Kirchenaustritten vermuten lassen. Dabei stimmt es schon: In den Corona-Debatten geht es eher darum, ob und wie viele Zuschauer wieder in die Fußballstadien dürfen. Gestritten wird auch über die angeordnete Schließung von Restaurants und Hotels. Gerichte haben hier wohl das letzte Wort.  Die Aufrechterhaltung des kirchlichen Betriebs scheint dagegen entbehrlich und keine Debatte wert.

Die Wirtschaft, so die Botschaft, ist für die Aufrechterhaltung des Systems unverzichtbar. "Systemrelevant" eben. Aber Religion? In Corona-Zeiten verkünden Gesundheitsexperten, Ökonomen und Politiker ihre Heilslehren. Nicht Theologen. Doch nun stehen, wie Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung zu den Corona-Maßnahmen sagte, vier lange, schwere Wintermonate bevor. Von einer "historischen Herausforderung" sprach sie. Spätestens hier schwant jedem, dass dem Land im wahrsten Sinne des Wortes eine dunkle Jahreszeit droht. Weihnachten war da immer so etwas wie ein Lichtblick - das Gegenteil von Kontaktverboten und sozialer Isolation.

Mit einer neuen 10-Milliarden-Hilfe versucht die Bundesregierung die wirtschaftlichen Folgen des Teil-Lockdowns abzumildern. Gut so. Aber wer kümmert sich um die sozialen Folgen der massiven Einschränkungen? Der Staat kann sie nicht allein abfedern. Hier sind nicht zuletzt die Kirchen gefragt. Da sind die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in diakonischer Trägerschaft, da ist die Sehnsucht nach Halt in der Krise. Und vielleicht - man denke an die Menschen, die in Einsamkeit sterben mussten - auch der Wunsch nach religiöser Sinnstiftung.

Freiheit bedeute auch Verantwortung zu übernehmen

Womöglich hat die Kanzlerin bei ihrer Regierungserklärung bei Martin Luther abgeguckt, als sie betonte, dass Freiheit nicht heiße, dass jeder tun könne, was er wolle. Freiheit bedeute gerade in der Corona-Krise Verantwortung, sagte Angela Merkel. Genau dies hat schon Luther in seinen Reformatorischen Hauptschriften betont. Der verantwortliche Umgang mit der Freiheit ist darin ein Kernthema. Aktueller könnte der Reformationstag nicht sein.

Der Streit über die beschlossenen Einschränkungen der Kontakte im Privaten und im Freizeitbereich gehört zur Demokratie. Er muss geführt werden. Vor allem muss er wieder stärker in die Parlamente verlagert werden. Doch die Gegner der harten Einschnitte haben oft nur die Freiheitsrechte im Blick. Der Reformationstag erinnert daran, dass die wahre Freiheit Verantwortung wachsen lässt - auch was den verantwortungsvollen Umgang mit dem Virus betrifft.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 31.10.2020 | 09:25 Uhr