Eine dunkelhäutige und eine weiße Hand halten zusammen. © dpa picture alliance Foto: Salvatore Di Nolfi

Kommentar: Der Rassismus in den USA ist noch immer populär

Stand: 06.06.2021 00:00 Uhr

Rassismus in den USA ist nicht erst seit Donald Trump ein Thema. Der nach Meinung der US-Demokraten systemische Rassismus in den USA hat tiefe Wurzeln. US-Präsident Joe Biden ist angetreten, hier etwas zu verändern. Sein Besuch der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Massakers von Tulsa hat das deutlich gemacht.

Eine dunkelhäutige und eine weiße Hand halten zusammen. © dpa picture alliance Foto: Salvatore Di Nolfi
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Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro des "Spiegel"

100 Jahre ist es nun also her, dass ein weißer Mob in das Schwarzenviertel Greenwood von Tulsa im Staate Oklahoma marschierte und es in wenigen Stunden dem Erdboden gleichmachte. Am nächsten Morgen war Greenwood nur noch eine qualmende Ruine. Mindestens 300 Menschen tot, 10.000 obdachlos. Selbst in der an rassistischen Übergriffen reichen Geschichte der USA ragen Tulsa und das Jahr 1921 auf bedrückende Art und Weise heraus.

Trotzdem wurden die Morde von Tulsa nicht zum Teil eines kollektiven Gedächtnisses. In den meisten Geschichtsbüchern der USA fehlte das Datum bislang. Offenbar, weil die Mehrheitsgesellschaft sich ungern mit den dunklen Episoden ihrer Vergangenheit konfrontieren wollte - oder diese als gar nicht so dunkel empfand. In der damaligen Zeit, den Zwanziger Jahren, wurden Schwarze als faul, primitiv, dumm, kriminell dargestellt. Vor allem in den Südstaaten galten die Gesetze zur Rassentrennung und zur Diskriminierung von Schwarzen.

"Es wird sich nie etwas ändern"

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Der Rassismus gegenüber Schwarzen ist Teil der amerikanischen Geschichte, kommentiert Markus Feldenkirchen.

All das wurde offiziell überwunden und abgeschafft. Aber es wirkt fort, bis heute. Als ich 2014 nach dem brutalen Polizisten-Mord an dem Schwarzen Michael Brown als Reporter in Ferguson war, erzählte mir ein junger schwarzer Mann: Seine Großmutter habe ihm schon als kleiner Junge gesagt, dass sich nie etwas ändern werde. Sie sagte: "Die Weißen haben uns hierher verfrachtet, als Sklaven, damit wir ihren Dreck erledigen. Heute dürfen sie das nicht mehr offen sagen. Aber so denken sie immer noch."

Rassismus existiert in den Köpfen der Polizisten

Heute zeigt sich der Rassismus auf andere, vermeintlich legale Art. Darin, dass Schwarze für Lappalien von der Polizei angehalten werden, dass sie für Bagatell-Delikte ins Gefängnis kommen, für die Weiße - wenn überhaupt - nur ein paar Dollar hinblättern müssen. Für Schwarze gelten in Ferguson und vielen anderen Orten der USA bis heute andere Gesetze als für Weiße. Sie stehen in keiner Verfassung, aber sie existieren in den Köpfen der Polizisten.

Wie populär Rassismus in den USA bis heute ist, zeigte allen voran die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. Ein Großteil seines Wahlerfolgs im Jahr 2015 gründete sogar auf dessen rassistischen Aussagen. In seinem Wahlkampf ließ er sich bereitwillig von einem Anführer des Ku Klux Klan loben. Und zu den wenigen Medien, die empfahlen, Trump zu wählen, gehörte der "Daily Stormer", eine Nazi-Seite, deren Namen bewusst an Goebbels' Hetzblatt "Der Stürmer" angelehnt ist. Trump nahm die Unterstützung echter Nazis gern in Kauf - und hielt ihnen auch als Präsident die Treue.

Rassismus gegenüber Schwarzen ist Teil der amerikanischen Geschichte

Als im Sommer 2017 in Charlottesville ein Nazi gezielt in eine Gruppe von Demonstranten gegen Rassismus gerast war und eine Frau getötet hatte, verurteilte Trump nicht etwa die rechtsextreme Terrortat, sondern relativierte diese, indem er die Gewalt auf "vielen Seiten" beklagte. Trump wurde auch von der sogenannten Alt-Right-Bewegung als nützlicher Idiot gefeiert, der, so deren Hoffnung, eine Trendwende hin zu einem rassisch reinen Amerika einleiten könne.

Der Rassismus gegenüber Schwarzen ist Teil der amerikanischen Geschichte, er gehört zum Gründungsmythos dieses Landes und die ökonomische Ausbeutung von Schwarzen ist bis heute Teil seiner kühl-kapitalistischen Erfolgsstory. Eine Mehrheit im Land scheint einfach nicht bereit für eine tiefgreifende Veränderung zu sein, weil sie von dieser Zwei-Klassen-Gesellschaft selbst profitiert.

Ich weiß, dass es in Deutschland ähnliche Probleme gibt. Und dass es für jemanden, der aus dem Land der Nazis kommt, einem Land, das für das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte verantwortlich zeichnet, immer schwierig ist, sich über den Rassismus in anderen Ländern zu äußern - gerade als Weißer. Zumal Rassismus und sogar Antisemitismus bei uns auch dieser Tage leider allgegenwärtig sind. Außerdem sollten wir den Amerikanern auf ewig dankbar sei, dass ihre Soldaten ihr Leben riskierten, um die Nazis zu besiegen.

Kranke Überzeugung von der Überlegenheit der weißen Rasse weiterleben

Umso verstörender aber ist der Umgang der USA mit den Schwarzen, jenen Menschen, die sie einst ihrer Heimat entrissen, auf Schiffe trieben und über Jahrhunderte wie Maultiere hielten. Bis heute gab es kaum eine formelle Entschuldigung im Namen des Staates, keine Versuche der Wiedergutmachung, keine Entschädigungen. Wo ein klarer Bruch fehlt, fällt es den Bürgern offenbar schwerer, sich von alten Denkweisen zu verabschieden. So konnten viele Amerikaner ihre kranke Überzeugung von der Überlegenheit der weißen Rasse ungestört weiterleben. Gerade auch viele Polizisten.

Sie seien froh, erklärten mir die jungen Schwarzen damals in Ferguson, dass die Welt endlich erfahren habe, welche Schikanen sie in ihrem Alltag erleiden müssten. Sie hofften, dass die Namen Ferguson und Michael Brown eines Tages in den Schulbüchern auftauchen würden, als Wendepunkt der Geschichte. "Es könnte der Anfang von etwas Großem sein", sagte einer.

Im Jahr 2018 verkündeten zwei Senatoren aus Oklahoma, das Massaker von Tulsa sei in den Lehrplan des Bundesstaats aufgenommen worden. In dieser Woche nun besuchte US-Präsident Joe Biden Tulsa, um an den 100. Jahrestag dieser lange verschwiegenen Grausamkeit zu erinnern. Ein Anfang, immerhin. Aber auch nicht viel mehr.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 06.06.2021 | 09:25 Uhr