Markus Söder © imago

Kommentar: Debatte über Impfpflicht für Pflegekräfte schadet

Stand: 12.01.2021 15:29 Uhr

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat in mehreren Interviews gefordert, über eine Impfpflicht für Pflegekräfte nachzudenken. Grund: In dieser Berufsgruppe sei die Impfbereitschaft nicht hoch genug. Mit seinem Vorstoß löste Söder eine Debatte aus.

von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Der Mann schießt wirklich schneller als sein Schatten und manchmal auch einfach daneben. Während sich alle Welt über den Impfstoff-Mangel den Kopf zerbricht und darüber, dass in Deutschland zu wenig Menschen zu langsam geimpft werden können, denkt Markus Söder mal wieder einen Schritt weiter. Stichwort: Impfpflicht für das Pflegepersonal.

Söders Vorschlag ist kontraproduktiv

Die ARD-Hauptstadt-Korrespondentin Barbara Kostolnik © ARD-Hauptstadtstudio/Tanja Schnitzler Foto: Tanja Schnitzler
ARD-Hauptstadtkorrespondentin Barbara Kostolnik ist der Ansicht, dass übers Impfen mehr aufgeklärt werden muss.

Warum dann nicht gleich eine Impfpflicht für alle? Kann das Pflegepersonal nicht selbst über seinen Körper entscheiden? Ausgerechnet das Pflegepersonal, das in dieser Corona-Krise die Hauptlast trägt, muss jetzt vom bayerischen Ministerpräsidenten bevormundet werden. Wenn vielleicht auch der gute Gedanke dahinterstecken mag, dass Pflegekräfte, Ärztinnen, Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger an vorderster Front besonders geschützt werden müssen, sich und andere schützen, ist der Vorschlag einer Impfpflicht für diese Personengruppe falsch - und er ist kontraproduktiv.

Impfgegner werden sich bestätigt fühlen

All diejenigen, die in Internet-Foren, auf den Straßen, in Verschwörer-Blasen schon immer von einer Impfpflicht, durch die Hinter- oder durch die Vordertür schwadroniert haben, werden sich bestätigt fühlen. Diejenigen, die zögern, weil sie noch nicht wissen, ob sie sich impfen lassen sollen, weil eben noch nicht klar ist und klar sein kann, ob und dass es Langzeitfolgen gibt, werden ebenfalls abgeschreckt werden. Ganz abgesehen davon ist noch nicht erwiesen, dass Geimpfte das Virus nicht weitertragen.

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Spahn spricht bewusst vom Impfangebot

Nächster negativer Nebeneffekt: Söder springt dem Bundesgesundheitsminister in den Rücken: Jens Spahn (CDU) spricht seit Monaten ausschließlich von einem Impfangebot, er weiß schon warum. Der Ethikrat und die Leopoldina haben sich ebenfalls festgelegt: und gegen eine Impfpflicht votiert. Was soll dieser Vorschlag also Gutes bewirken?

Wissenschaft und Politik müssen Menschen Zweifel nehmen

Die Menschen müssen aufgeklärt werden, da immerhin hat Markus Söder recht. Sie müssen in einfachen Worten und an allen Fronten lesen und verstehen können, was die Impfstoffe im Körper bewirken, wie der Körper reagiert, dass Impfen, dass die in der EU nach ausführlicher Prüfung zugelassenen Impfstoffe nicht gefährlich sind. Viel zu viele Menschen haben diese Zweifel, sie haben sie noch, und es ist Aufgabe von Wissenschaft und von Politik, den Menschen diese Zweifel zu nehmen. Das sollte der bayerische Ministerpräsident vorantreiben. Davon - und nicht von Zwang und Pflicht - möchte man mehr hören.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 12.01.2021 | 17:08 Uhr