Stand: 24.01.2020 09:18 Uhr

Knaus: "Es ist fünf nach zwölf auf griechischen Inseln"

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Migrationsexperte Gerald Knaus sagte auf NDR Info zur Flüchtlingskrise: "Griechenland schafft das nicht alleine."

Angesichts steigender Flüchtlingszahlen auf den griechischen Inseln und Drohungen des türkischen Präsidenten Erdogans besteht die Sorge, dass der zwischen der EU und der Türkei bestehende Flüchtlingspakt gefährdet ist. Gerald Knaus ist Migrationsexperte von der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative - einer der Architekten des Flüchtlingspakts. Er hofft, dass der am Freitag anstehende Besuch von Bundeskanzlerin Merkel bei Erdogan dem Flüchtlingspakt neuen Anschub gibt. "Beide sollten gemeinsam einen Weg finden, dass die gesamte EU die Hilfe, die jetzt ausläuft, weiter fortsetzt", sagte Knaus auf NDR Info. Ziel müsse sein, "dass die 3,6 Millionen Syrer, die aktuell in der Türkei sitzen, keinen Anlass sehen, sich in ein Boot Richtung Europa zu setzen." Dieser Teil des Abkommens habe hervorragend funktioniert, so Knaus. Jetzt gehe es darum, dass ein Weg gefunden wird, damit die Hilfen der EU weiter laufen und die Situation auf den griechischen Inseln sich verändert.

Schlüssel liegt in schnelleren Asylverfahren

Von Anfang an habe es mit den Asylverfahren in Griechenland nicht geklappt, so Knaus. "Pro Jahr kamen etwa 30.000 Menschen, das hätte man bewältigen können", sagt Knaus. Griechenland aber sei nicht in der Lage gewesen, schnelle Asylentscheidungen zu treffen. Dabei müsste entschieden werden, welche Person schnell Schutz in der EU brauche und wer zurückgeschickt werde. "Wenn Griechenland nicht in der Lage ist, Asylentscheidungen zu treffen, hat es auch keinen Sinn, alle Leute auf den Inseln festzuhalten, weil ohnehin niemand zurückgeschickt wird."

Die Alternative, diese Menschen nun aufs griechische Festland zu bringen, biete nur neue Gelegenheiten. "Diese Menschen werden sich wieder auf die Balkanroute nach Europa begeben", so der Migrationsexperte. Der Schlüssel liege in schnellen Verfahren, menschlichen Aufnahmezentren und Rückführungen in die Türkei. Griechenland alleine werde das Umsteuern nicht schaffen. "Es ist fünf nach zwölf auf den griechischen Inseln", sagte Knaus. Ein neuer Ansatz sei vonnöten.

"Wer keinen Schutz braucht, kann zurückgeschickt werden"

Die Situation ließe sich nur entschärfen, so Knaus, wenn man einen neuen Ansatz findet. Das Beispiel der deutschen Asylbehörde, dem BAMF, sei ein Vorbild. Hier sei das Personal von 250 auf 1.700 Entscheider in Asylfragen aufgebaut worden. Zusammen mit Schweizern, Niederländern und Franzosen müsste und könnte sich Deutschland mit den griechischen Asylbehörden zusammensetzen, um einen Weg zu finden, schnellere Entscheidungen zu treffen - und um damit die griechischen Inseln zu entlasten. Denn, so Knaus, "wer dann keinen Schutz braucht, kann sofort in die Türkei zurückgeschickt werden".

Jene, die für schutzbedürftig befunden würden, müssten dann auf die Bereitschaft der EU setzen können, auf die EU-Länder verteilt zu werden. Knaus verwies dabei auf das Jahr 2017, in dem etwa 20.000 Flüchtlinge auf mehrere EU-Staaten verteilt worden seien. "Das hat aber keiner gemerkt, weil es eben geordnet und geregelt erfolgte", so Knaus.

Es braucht eine Koalition der betroffenen Staaten

Die EU werde das aber nicht schaffen, sondern es brauche eine Koalition der betroffenen Staaten. Das seien vor allem Griechenland, Kroatien und Deutschland, so Knaus: "Die Leute kommen ansonsten über Bosnien nach Kroatien und anschließend über Slowenien und Österreich - wie im Jahr 2015 - wieder nach Deutschland."

Das Interview zum Nachhören
04:35

Das Interview mit Migrations-Experte Knaus zum Nachhören

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.01.2020 | 07:20 Uhr