Stand: 11.11.2015 09:55 Uhr  | Archiv

Genscher hebt Schmidts "Klarheit im Urteil" hervor

Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). © dpa bildfunk Foto: Swen Pförtner
Hans-Dietrich Genscher war Außenminister und Vizekanzler in der Regierung von Helmut Schmidt ab 1974.

Der frühere Außenminister und FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher hat den im Alter von 96 Jahren in Hamburg verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) auf NDR Info als eine "außergewöhnliche und geradlinige Persönlichkeit" gewürdigt. Man hätte sich auf das Wort des Sozialdemokraten verlassen können, auch wenn Schmidt seine Meinung oft sehr unverblümt zum Ausdruck gebracht hätte. Die Zusammenarbeit sei wegen dieser Geradlinigkeit nicht immer einfach gewesen, auch weil bekannt gewesen sei, dass Schmidt der sozialliberalen eine Große Koalition vorgezogen habe. Trotzdem hätte man fair zusammengearbeitet, so Genscher.

Wichtige Entscheidungen in schwierigen Situationen

Er schätzte an Schmidt besonders seine Klarheit im Urteil, seine Einschätzung der Möglichkeiten und seine Bereitschaft, Entscheidungen, die sich aufdrängten, auch anzunehmen, sagte der ehemalige Bundesaußenminister. Das hätte - neben dem Einsatz während der Flutkatastrophe in Hamburg 1962 - vor allem die Auseinandersetzung mit dem deutschen Terrorismus in den 1970er-Jahren gezeigt. Er selbst, so Genscher, hätte mit der ersten Generation der RAF um Baader und Meinhof zu tun gehabt. Er wisse deshalb, welch tiefgreifenden Entscheidungen Schmidt habe fällen müssen.

Neuordnung der Ost-West-Politik

Genscher lobte aber auch die Weitsicht und Kühnheit Schmidts in der Außenpolitik. Zusammen mit dem französischen Präsidenten Giscard d'Estaing habe er den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben gerufen, zu einer Zeit, in der Globalisierungsprobleme noch keine große Relevanz gehabt hätten. Später, beim NATO-Doppelbeschluss, habe Schmidt darauf hingewiesen, dass es notwendig sei, der sowjetischen Überlegenheit zu begegnen. Er hatte sich dabei sowohl für die Aufrüstung mit nuklearen Mittelstreckenraketen als auch die schrittweise Abrüstung ausgesprochen. Tragisch sei, so Genscher, dass Schmidt deshalb den Rückhalt in der SPD verloren habe, die Koalition sei darüber zerbrochen. Doch Schmidts Beschluss sei am Ende Wirklichkeit geworden. Er stelle den ersten Abrüstungsschritt in einer Neugestaltung des Ost-West-Verhältnisses dar, so der ehemalige Außenminister Genscher.

Den persönlichen Bruch nach dem Ende der sozialliberalen Koalition habe er deutlich gespürt, sagte Genscher weiter. Aber man habe diesen Schritt in gegenseitigem Respekt vollzogen. Später sei er zu Schmidt gefahren, so Genscher, um ein neues Kapitel der Zusammenarbeit zu ermöglichen. 

Klarheit und Entscheidungskraft

Heutige Politiker könnten von der Entscheidungskraft Schmidts lernen, in vermeintlich aussichtlosen Lagen Klarheit zu schaffen und nach außen kenntlich zu machen. Genscher führte hierzu als Beispiel den kompromisslosen Umgang Schmidts mit den RAF-Terroristen an - was zum Tode von Hanns Martin Schleyer geführt hatte. Damit hatte Schmidt eine Position geschaffen, die für alle Entscheidungsträger maßgeblich war. So hätte es kein "Gezerre um diese Meinung" gegeben, so Genscher wörtlich. Diese Klarheit verlange innere Kraft, die Helmut Schmidt ohne Zweifel hatte.

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NDR Info | 11.11.2015 | 08:10 Uhr

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