Stand: 21.01.2019 12:56 Uhr  | Archiv

Altes Brot in die Ladentheke statt in die Tonne

von Lisa Maria Hagen, NDR Info

Jeder von uns wirft pro Jahr mindestens 55 Kilogramm Lebensmittel weg - das sind täglich 150 Gramm pro Person. Das meiste davon landet im Müll, bevor es unseren Esstisch erreicht. Was also tun gegen diese Verschwendung von Lebensmitteln? Die norddeutsche Bäckerei-Kette Junge hatte eine besondere Idee: Eine Extra-Filiale, in der es nur Brot vom Vortag gibt. Mittlerweile gibt es zwei Geschäfte mit dem Namen BrotRetter. Das Projekt bekam bereits einen Preis als bundesweit bestes soziales Projekt und auch im Bundesministerium für Ernährung kam die Bäckerei Junge in die Endauswahl für einen Preis, mit dem Projekte gegen Lebensmittelverschwendung ausgezeichnet werden. Die Reihe "NDR Info Perspektiven" stellt die BrotRetter vor.

Zwei Männer stehen auf der Ladefläche eines Lieferwagens und haben Plastikkörbe mit Backwaren in den Händen. © NDR Foto: Lisa-Maria Hagen
Früher wurden kistenweise Backwaren entsorgt. Bei den BrotRettern bekommen sie nun aber eine zweite Chance.

Mandelhörnchen, Roggenbrot, Franzbrötchen. In dieser Bäckerei gibt es fast alles. Nur den Duft nach frisch gebackenem Brot gibt es hier nicht. Bei den BrotRettern ist alles von gestern. Das Konzept ist so einfach wie durchdacht: Die norddeutsche Bäckerei Junge stellt das alte Brot, das Hamburger Straßen- und Obdachlosenmagazin "Hinz und Kunzt" stellt die Verkäufer. Und die Kunden freuen sich über besonders preisgünstige Backwaren vom Bäcker.

Wie wir mit Lebensmitteln umgehen

  • Jedes Jahr landen in Deutschland mindestens 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll
  • An der Verschwendung sind wir alle beteiligt: Hersteller, Landwirtschaft, Handel und Verbraucher
  • Jeder Verbraucher wirft im Schnitt rund 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Davon ist ein Teil Abfall wie Kartoffelschalen oder Knochen, mehr als die Hälfte wäre aber noch essbar.
  • Die Herstellung von Lebensmitteln kostet wertvolle Ressourcen wie Ackerboden, Wasser und Energie. So fließen 1.000 Liter Wasser bis ein Kilogramm Brot gebacken ist.
  • Zudem wirkt sich unser Wegwerfen auch indirekt auf die Armut in der Welt aus: Je mehr wir wegwerfen, desto höher ist der Weltmarktpreis für Produkte - das trifft insbesondere die Ärmsten der Armen

Kistenweise Brot "für die Tonne"

Melanie Mauritz ist Filialleiterin bei den BrotRettern. Sechs Jahre lang hat sie vorher in einer normalen Bäckerei gearbeitet. Manchmal hätten sich die Reste-Kisten am Abend so hoch gestapelt, dass sie dahinter verschwunden sei: "Ich habe mich abends immer geärgert bei Junge, dass halt so viel übrig geblieben ist, wo ich dann wusste, das kommt weg, oder zur Tafel, oder zur Tierfütterung", sagt Mauritz, "aber alles wird halt auch nicht gebraucht."

Vom Arbeitslosen zum Brotverkäufer

Heute rettet ihr Team jeden Tag bis zu 350 Kilogramm Backwaren vor der Tonne und verkauft sie günstig weiter. 1,29 Euro kostet ein Laib Brot, 49 Cent ein süßes Stück Gebäck. Eine zweite Chance also, für Brot und Mensch. Die fünf Verkäufer in der Hamburger Filiale haben sich jahrelang gerade so mit dem Verkauf des Straßenmagazins über Wasser gehalten, bevor "Hinz & Kunzt" sie an die BrotRetter vermittelt hat.

Einen verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln pflegen

Der Modellversuch BrotRetter war ursprünglich auf zwölf Monate angelegt, hat sich aber trotz der betriebswirtschaftlich schwierigen Lage wacker gehalten. Sogar eine dritte Filiale in Rostock ist angedacht. Trotz der Euphorie: Schwarze Zahlen schreibt das Projekt der BrotRetter noch lange nicht. "Sogar Lebensmittel vernichten wäre günstiger, als hier die zu verkaufen", sagt Bäckerei-Junge-Pressesprecher Gerd Hofrichter, der einer der Initiatoren des Projekts ist. "Das hat aber mit der gesellschaftlichen Verantwortung zu tun. Wie gehen wir mit Lebensmitteln um? In dem Wort liegt eine sehr tiefe Bedeutung, also Mittel zum Leben." In unserer Gesellschaft seien wir als einzelne, aber auch die Unternehmen sehr stark gefordert, wieder einen verantwortungsvollen Umgang damit zu pflegen.

Günstige Preise sind für Kunden zweitrangig

Bei den Kunden kommt das Projekt gut an. Ursula Eichner und ihre Enkelin Claire kommen mehrmals in der Woche. Gerade stehen sie Hand in Hand vor der Theke und begutachten die Auslage: "Sie soll das auch noch lernen, die Kleine, dass man auch einen Tag später oder zwei Tage später so was noch essen kann", sagt Ursula Eichner. Und dass man nicht immer die volle Auswahl braucht. Das ersehnte Milchbrötchen ist heute nicht zu haben. "Aber ich kann dir ein Schokobrötchen anbieten, ja?", fragt der Verkäufer Claire. Die nickt und streckt die Hände in Richtung Theke.

Weitere Informationen
Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

In der Reihe NDR Info Perspektiven beschäftigen wir uns mit Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 13.04.2017 | 08:38 Uhr

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