Stand: 10.09.2018 16:17 Uhr

#ichbinhier - Eine Initiative gegen Hassrede

von Jil Hesse, NDR Kultur
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Hannes Ley ist Experte für digitale Kommunikation.

Fake News und Hassrede sind zwei Stichworte, die sehr oft fallen, wenn es um Informationsverbreitung und Debattenkultur in den sozialen Netzwerken geht. Die ziemlich einhellige Meinung dazu ist: Es wird immer schlimmer.

Vor Kurzem zeigte eine Datenauswertung, dass rechtsradikale Medien-Aktivisten es im Bundestagswahlkampf geschafft haben, Diskussionen im Netz gezielt zu manipulieren. Bisher gibt es wenig, was der organisierten Meinungsmache entgegengesetzt wird. Der Hamburger Hannes Ley will die Kommentarstränge bei Facebook zurückerobern, er will sie konstruktiver machen, den Hass so nicht stehen lassen.

Roher Ton in den Kommentaren

"Und wie viele von den Anschlägen auf Flüchtlingsheimen wurden von den Flüchtlingen selbst verübt??? Es ist doch bekannt, dass sie ihre Heime z.B. auch selbst anzünden, um in richtige Wohnungen zu kommen" / "Und wie oft herrscht Krieg und Gewalt unter den Flüchtlingen selbst?" / "Steht denen doch frei die Heimreise anzutreten ... " / "Wenn ich diese scheiß Kommentare hier lese, könnte ich kotzen. Wo sind wir denn?"

Das sind Zitate aus dem Facebook-Kommentarstrang einer Nachrichtenseite, in dem es um eine Statistik geht, die die Anzahl gewalttätiger Übergriffe gegen Geflüchtete angibt. Der Ton: roh. Und er wird - je länger die "Diskussion" ungestört fortgeführt wird - immer roher. Im selben Kommentarstrang gibt es aber auch dies:

"Gewalt geht gar nicht. Nicht in der Familie, nicht bei Fußballspielen, nicht bei Demos, nicht als Sachbeschädigung, nicht gegen Menschen. Gewalt gegen andere ist zu Recht strafbar, egal wer gegen wen. #ichbinhier" / "Gewalt ist immer zu verurteilen, auch hier in der Kommentarspalte. #ichbinhier" / "Jeder Angriff auf einen anderen Menschen ist ein Angriff zu viel." / "#ichbinhier und jeder Mensch, der ein Leid erfahren musste, tut mir gleich leid."

 

Hannes Ley

Hannes Ley berichtet über #ichbinhier

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

Hannes Ley hat die Facebook-Gruppe #ichbinhier gegründet, die sich für eine bessere Debattenkultur einsetzt. Im Gespräch mit NDR Info erzählt er von den Zielen seiner Initiative.

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"Wir gehen wie ein Schwarm in Kommentarspalten"

Geschrieben wurden diese Kommentare von Mitgliedern einer Gruppe, die sich für eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Netzwerken engagiert. Hannes Ley hat sie gegründet. "Wir gehen wie ein Schwarm in Kommentarspalten, in denen viel Hassrede vorkommt und schreiben sachliche, empathische Kommentare und versuchen so das Klima zu verbessern", erklärt er das Vorgehen der Gruppenmitglieder. Dabei geht es ihnen nicht um einen Kuschelkurs, nicht nur darum, die Kommunikation zwischen einzelnen positiv zu beeinflussen, es geht auch darum, ein Gegengewicht zu "Trollen" darzustellen, die die Kommentarspalten der Medienseiten nutzen, um organisiert politische Stimmung zu machen. Oft geht es dabei um Fremdenfeindlichkeit, die Facebook-Aktivisten wollen sich aber explizit keinem politischen Lager anschließen und für alle demokratischen Positionen offen sein: "Wir konzentrieren uns schwerpunktmäßig nicht auf bestimmte politische Inhalte, sondern auf die Sprache. Dass man in den Dialog kommt und sich nicht gegenseitig beleidigt und abwertet."

Digitale Zivilcourage nach schwedischem Vorbild

Ein Mann schaut auf seinen Monitor. Sein Gesicht ist zur Hälfte von dem Bildschirm bedeckt. © Schleswig-Holstein Magazin

Initiative gegen Hasskommentare im Internet

NDR Info -

Hannes Ley mischt sich ein: Er hat die Facebook-Initiative #ichbinhier gegründet. Sie setzt sich gegen Hasskommentare im Internet ein, wie die NDR Info Perspektiven berichten.

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Innerhalb der großen Community gibt es etwa 500 Gruppenmitglieder, die sich aktiv einmischen und kommentieren, ein paar Tausend unterstützen die Debattenbeiträge durch ihren Klick auf den "Gefällt-Mir-Button", auch das ist wichtig, um Sichtbarkeit herzustellen, denn Facebook stuft Kommentare, die viele Reaktionen auf sich vereinen als relevanter ein und erhöht ihre Sichtbarkeit.

Dass sich ihm einmal so viele Menschen anschließen würden, hätte Hannes Ley sich noch vor eineinhalb Jahren nicht vorstellen können. Im Spannungsfeld zwischen Trump, Brexit und dem Ukraine-Konflikt fällt ihm immer häufiger auf, dass sich die Stimmung in den Kommentarsträngen hochschraubt, dass der Hass immer öfter den Ton angibt. Ein Freund erzählt ihm von der schwedischen Gruppe "#jagärhär", die sich genau dieses Themas angenommen hat. Noch am selben Tag nimmt Ley Kontakt zu der Gründerin der Gruppe in Schweden auf und startet seine eigene Initiative.

Hoher Arbeitsaufwand

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Auf Facebook haben sich über 37.000 Mitglieder der Initiative "#ichbinhier" angeschlossen.

Die Gemeinschaft wächst schnell und damit auch der Koordinationsaufwand. Ley, der freiberuflich als Kommunikations- und Strategieberater arbeitet, entscheidet sich, die Hälfte seiner Arbeitskraft seinem neuen Projekt zu widmen.

Dass er so viel ehrenamtliche Energie in "#ichbinhier" steckt, hat auch persönliche Gründe: "Seit Jahren suche ich eigentlich nach Themen, die mir ein bisschen mehr Sinnerfüllung bringen. Um die 40 herum stellt man sich die Frage, was machst du eigentlich mit der zweiten Hälfte deines Lebens? Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben und ich habe aus dem Bauch heraus gesagt, ich mache das jetzt einfach mal."

Das Thema kommt ins Klassenzimmer

Aus der Facebook-Gruppe #ichbinhier ist mittlerweile mehr entstanden. Hannes Ley bringt die Schwierigkeiten der digitalen Kommunikation auch in die analoge Welt. Gerade hat er ein Buch herausgebracht, in dem er die Geschichte von #ichbinhier erzählt, aber auch auf die Geschichte von Hassrede und Fake News eingeht. Und er bringt sein Thema ins Klassenzimmer: Er arbeitet er an einem Bildungsprojekt mit Schülern, in dem auch die digitale Zivilcourage eine Rolle spielt, denn Debattenkultur, so findet Ley, kann man lernen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 11.09.2018 | 09:55 Uhr

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