Reinhard Postelt vor einer Stadtteilkarte Hamburgs. © NDR Foto: Screenshot

Kommentar: Verbotskultur bringt uns nicht weiter

Stand: 17.07.2021 08:40 Uhr

Anfang der Woche hat der Hamburger Verkehrsverbund erklärt, er verzichte künftig auf das Wort "Schwarzfahren". Einige Betroffene würden das Wort als rassistisch verstehen. Daraufhin schwappte eine Welle an Reaktionen durch die Stadt. Reinhard Postelt kommentiert.

Wohl kein anderes Thema hat die Hamburgerinnen und Hamburger diese Woche so erregt, wie die Streichung des Wortes "Schwarzfahren". Auf der Facebook-Seite des NDR Hamburg war es sogar das Topthema des Jahres: 8.000 persönliche Kommentare. Etwa 90 Prozent der Kommentierenden kritisieren, dass das Wort auf die Tabuliste kommt. Mich erstaunt das nicht.

Unter Generalverdacht

Mich erstaunt eher die Naivität des HVV, der sagt: Warum regen sich die Leute denn so auf? Wenn wir auf ein Wort verzichten, tun wir doch niemandem weh. Oh doch. Das merkt man ja. Denn der HVV suggeriert, dass wir das Wort rassistisch meinen könnten. Und stellt damit auch mich unter Generalverdacht. Mal ehrlich: Beim "Schwarzfahrer" denkt doch niemand an einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Aber es reichen heute wenige Betroffene und hartgesottene Aktivistinnen und Aktivisten der politischen Korrektheit - und schon soll sich die Gesellschaft sofort ändern. Das gilt ja auch fürs Gendern.

Lächerliche Frage

Viele Online-Userinnen und -User fragen: Werden bald auch Schwarzarbeiter und Schwarzseher umbenannt? Diese Frage ist nicht lächerlich. Denn eine Bewegung funktioniert nur, wenn sie sich bewegt. Die Bewegung wird immer neue Worte entdecken, die sie für anstößig erklärt. Und das schürt Unverständnis, Streit und spaltet die Gesellschaft.

Kühlen Kopf bewahren

Wir sollten aber einen kühlen Kopf bewahren. Die Stimmung ist sowieso zur Zeit sehr gereizt. Viele Menschen sind verunsichert: Corona schränkt immer noch unseren Alltag ein. Und diese Woche wird klarer denn je, was der Klimawandel bedeutet: Überschwemmungen aber auch rigide Gegenmaßnahmen wie das Verbot für Verbrennungsmotoren. Das Fass läuft nun über, wenn Worte auf einmal tabu sind, die man immer schon ohne böse Hintergedanken benutzt hat.

Fundamentale Verunsicherung

Im Juni stellte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach eine fundamentale Verunsicherung vieler Deutscher fest: Über die Hälfte der Befragten erklärte: Wir trauen uns nicht mehr, alles zu sagen, was wir denken. Der HVV und einige Parteien sollten diese Verunsicherung nicht weiter schüren. Mein Fazit: Wer das Wort "Schwarzfahren" ablehnt, handelt zwar in guter Absicht. Aber eine Verbotskultur mit dem Unterton, "Ihr Ignorantinnen und Ignoranten seid doch verkappte Rassistinnen und Rassisten", bringt uns nicht weiter. Versuchen wir lieber, unsere wirklichen Vorurteile gegen fremde Menschen in Frage zu stellen und freundlicher aufeinander zu zu gehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 17.07.2021 | 08:40 Uhr

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