Stand: 27.09.2020 11:13 Uhr

"Täterprofile": Hamburger Lehrer in der NS-Zeit

von Ruth Asseyer

Wie wird man im liberalen Hamburg Nationalsozialistin oder Nationalsozialist? Diese Frage beschäftigt den ehemaligen Lehrer und Oberschulrat Hans-Peter de Lorent seit 40 Jahren. Um sie zu beantworten, hat er die Karrierewege von leitenden Beamtinnen und Beamten im Hamburger Bildungswesen der Nazi-Zeit erforscht. Entstanden sind daraus drei dicke Bücher mit insgesamt 180 Lebensläufen. "Täterprofile" lautet ihr Titel, der dritte und letzte Band ist kürzlich erschienen. Es geht darin um politische Haltungen und persönlichen Ehrgeiz, Opportunismus oder Zivilcourage. Und de Lorent beschreibt die Schwierigkeiten nach 1945, eine demokratische Schule aufzubauen.

Uniformierte Nationalsozialisten stehen mit Hakenkreuz-Flaggen auf der Straße. © Landeszentrale für politische Bildung
"Täterprofile" gibt es in der Landeszentrale für politische Bildung.

1945 lag Hamburg nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft in Trümmern. Die Kinder saßen hungrig in vollen, ungeheizten Klassen. Unterrichtet wurde in drei Schichten. Es gab zu wenig Lehrerinnen und Lehrer. "Und über allem stand ein Satz von Bürgermeister Max Brauer: 95 Prozent der Deutschen waren irgendwie verstrickt, und mit fünf Prozent kann man keinen neuen Staat aufbauen", sagt de Lorent. Als er dieses Zitat von Max Brauer zum ersten Mal las, war er empört.

Doch nach 40 Jahren Forschung über das Hamburger Bildungswesen der Nazi-Zeit ist sein Fazit ernüchternd. Es sei eindeutig, dass die Generation der nach 1945 Geborenen zu einem großen Teil auch Nationalsozialistinnen und -sozialisten als Lehrerinnen und Lehrer gehabt hätten. Doch schon die britischen Besatzungsbehörden hätten Schwierigkeiten damit gehabt, beim Wiederaufbau einer demokratischen Schule in Hamburg Nazis als solche zu erkennen. Damals beurteilten sogenannte Entnazifizierungs-Ausschüsse jede Beamtin und jeden Beamten: War sie oder er "nur" NSDAP-Mitglied oder wurden auch Menschen drangsaliert und denunziert?

Überzeugte NS-Anhänger wurden später zu Schulleitern

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, entließen sie in Hamburg erst einmal fast 700 Lehrerinnen, Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter. Das traf nicht nur die politischen Gegnerinnen und Gegner, sondern auch ältere Kollegen und Frauen. "Die Frauen, die mit Beamten verheiratet waren, wurden als sogenannte Doppelverdienerinnen entlassen. Und die Nationalsozialisten haben alle Frauen in Schulleitungsstellen entlassen", berichtet de Lorent.

Es gab genug gut ausgebildete junge Lehrerinnen und Lehrer, die schon lange darauf warteten, unterrichten zu dürfen. Denn viele hatten sich in der Wirtschaftsnot der Weimarer Republik nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Diese Lehrenden, so de Lorent, seien eben die überzeugten Leute gewesen, die später auch Schulleiter- und leitende Behördenfunktionen übernahmen.

Nur vereinzelt zeigten Beamte Zivilcourage

Abgesehen von den Nazis, die schon vor 1933 stramme Parteigenossinnen und -genossen waren, entschied also häufig der persönlichen Ehrgeiz über die politische Gesinnung. "Also es gab sozusagen Karrieristen, es gab Leute, die profitierten dadurch, dass die Nazis an die Macht kamen und es gab einfach Opportunisten oder ängstliche Leute, die mitgemacht haben." Nur vereinzelt gab es Beamtinnen und Beamte mit Zivilcourage. Wer als Lehrerin oder Lehrer nicht in die NSDAP eintrat, wurde deshalb zwar nicht entlassen, musste aber auf Karriere verzichten.

Insgesamt 180 Lebensläufe hat de Lorent beschrieben. Die betroffenen Familien haben beinahe ausschließlich positiv reagiert, auch wenn sie unangenehme Fakten über ihre Angehörigen erfahren mussten. Viele seinen dankbar gewesen, das Kapitel nun abschließen zu können, erklärt de Lorent.

Drei Bände, drei Euro - 3.000 Seiten

Die drei Bände "Täterprofile - die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und die Kontinuität bis in die Zeit nach 1945" gibt es für jeweils drei Euro in der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Die anschaulich geschriebene, fast 3.000 Seiten lange Forschungsarbeit zeigt, wie leicht eine Demokratie fällt und wie schwierig es ist, sie wieder aufzubauen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 21.09.2020 | 19:00 Uhr

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